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Aus Angst vor EnteignungObi verschenkt Russland-Filialen

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Die Baumarktkette Obi zieht sich komplett aus Russland zurück und will damit einer Enteignung zuvorkommen. Blüht das auch anderen Firmen? Experten glauben: Das hängt auch mit der Unterstützung Deutschlands der Ukraine zusammen.

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, den Tengelmann-Chef Christian Haub am Mittwoch in einem Interview verkündete. Die Baumarktkette Obi, die zum Tengelmann-Konzern gehört, werde seine Märkte inklusive aller Einrichtungsgegenstände an einen Investor verschenken. Einer der Gründe: Haub rechne fest mit einer Enteignung seines Unternehmens in Russland und komme nun mit diesem Schritt einer Enteignung zuvor, wie er dem „manager magazin“ sagte.

Weiter erklärte Haub: „Ich konnte mir einfach aus moralischen Gründen nicht vorstellen, weiterhin Geschäfte in Russland zu betreiben und damit indirekt das dortige Regime finanziell zu unterstützen.“

Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) teilte Obi auf Nachfrage mit, dass alle Märkte in Russland seit dem 17. März 2022 wegen des Angriffs auf die Ukraine geschlossen seien. „Die aktuelle Lage richtet sich gegen Freiheit und Demokratie und widerspricht damit den Grundwerten bei Obi.“

Marke Obi soll in Russland nicht mehr verwendet werden

„Gestern wurden alle juristischen Einheiten ohne Kaufpreiszahlung an einen Investor übertragen“, teilte Obi dem RND mit. Vollständig abgewickelt ist das Russland-Geschäft von Obi aber noch nicht. Der Schritt sei „vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Behörden und unter der Bedingung, dass die Marke Obi in Russland zukünftig nicht mehr verwendet wird“, geschehen, heißt es von Obi. Der Konzern sei nun „weder direkt noch indirekt in Russland tätig“.Das bedeutet: Bevor der neue Investor die geschenkten Baumärkte öffnen darf, müssen erst einmal alle Obi-Schilder abgebaut werden.

Der Wirtschaftsexperte Jürgen Matthes betont, es sei noch unklar, ob Obi tatsächlich konkrete Hinweise auf eine drohende Enteignung habe. „Bisher haben wir noch nicht von anderen deutschen Unternehmen gehört, dass sie eine Enteignung in Russland konkret fürchten“, sagte der Experte vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln im Gespräch mit dem RND.

„Die Enteignung wäre ein Prinzipienbruch“, machte er aber deutlich. „Wenn Russland mittelfristig zu normalen Wirtschaftsbeziehungen zurückkommen will, dürfen deutsche Unternehmen nicht enteignet werden.“ Sonst würde sich unter dieser Regierung kaum ein Unternehmen noch einmal in Russland ansiedeln.

„Sollte Russland keine Wirtschaftsbeziehungen mehr mit dem Westen haben wollen, würden Enteignungen und die Übernahme der Kontrolle über deutsche Tochterfirmen in Russland wohl zum Instrumentenkasten der russischen Regierung gehören, um die heimische Warenversorgung zumindest ansatzweise aufrechtzuerhalten.“

Eine Enteignung und eine Abkopplung hätte aber weitreichende Folgen für die russische Wirtschaft, gibt Matthes zu bedenken. Er geht von einem „massiven Einbruch des Wohlstands in Russland“ aus. „Viele Produkte, die auch im Obi-Baumarkt verkauft werden, kommen aus dem Westen und könnten von Russland nicht so leicht durch China oder Indien kompensiert werden.“

Wenn Deutschland noch mehr schwere Waffen liefere, müsse man aber damit rechnen, dass sich noch weitere Unternehmen aus Angst vor Sanktionen oder einer Enteignung aus Russland zurückziehen, sagte Matthes.

„Enteignung würde ich nicht ausschließen”

Auch Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sagte dem RND: „Eine Enteignung westlicher Investoren in Russland würde ich tatsächlich nicht ausschließen.“ Er wisse, dass viele andere westliche Firmen, die Russland ebenfalls verlassen haben, gerade aus Angst vor einer Enteignung Russland den Rücken gekehrt hätten.

Nach der Schließung der Obi-Baumärkte am 17. März hatte es in russischen und ukrainischen Medien Berichte gegeben, dass einzelne Filialen wieder öffnen sollen. Offenbar hatte die Landesgesellschaft von Obi versucht, gegen den Willen des deutschen Konzerns die Märkte wieder zu betreiben. Obi teilte dem RND mit, dass entgegen dieser Berichte „alle russischen Märkte, wie in unserem letzten Statement angekündigt, dauerhaft geschlossen bleiben“. Auf weitere Nachfragen wollte der Konzern nicht eingehen.

Der Tengelmann-Konzern hatte bis vor wenigen Wochen noch 27 Baumärkte mit etwa 4900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Russland betrieben. In Deutschland ist Obi Marktführer unter den Baumärkten und machte zuletzt in Europa einen Jahresumsatz von 8,7 Milliarden Euro. Davon entfallen rund 5 Prozent auf die Geschäfte in Russland.