- Vor zehn Jahren wurden Käfig-Eier in Deutschland verboten, heute boomt Bio, und Codes auf den Schalen verraten, wo die Eier gelegt wurden.
- Also alles bestens mit unserem Eier-Verbrauch?
- Von wegen: Ohne es zu wissen, isst der Deutsche noch immer Unmengen Eier aus Legebatterien – in denen teils massive Tierquälerei betrieben wird.
Berlin – Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm. Durch die Masse Tausender auf engstem Raum eingepferchten Leiber geht ab und zu ein Ruck, die Eingesperrten hacken aufeinander ein, versuchen auszubrechen, drücken einander an die Gitterstäbe. Sie treten dabei auf Leichen, die schon so lange in den Käfigen liegen, dass sie halb verwest sind. Horrorbilder.
Legebatterien, in denen Zehntausende Hennen ununterbrochen zum Eierlegen gebracht werden, bis sich ihre Gebärmutter löst und herausfällt; gezwängt in Metallkäfige, die zu Regalen aufgetürmt sind – Zustände, wie sie in diesen Aufnahmen enthüllt werden, sind in Deutschland seit zehn Jahren verboten.
Die Bilder, die Tierschützer dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ zugespielt haben und die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorab vorliegen, stammen aus der Ukraine, aus einer Legefabrik des Agrarkonzerns “Ovostar Union“ bei Wassylkiw, rund 40 Kilometer südwestlich von Kiew. Die Firma will sich auf Anfrage nicht dazu äußern. Doch die Bilder bringen etwas ans Licht, was die Lebensmittelhersteller dem deutschen Verbraucher lieber verschweigen: Noch immer profitieren auch hiesige Händler und Konsumenten von massiver Tierquälerei.
Seit sich die Deutschen vom Käfig-Ei abgewendet haben, die Politik die schlimmste Quälerei verboten und die Branche ein Kennzeichnungssystem entwickelt hat, wird jedes einzelne Frisch-Ei über einen Stempelcode als Produkt aus Boden-, Freiland- oder Bio-Haltung ausgewiesen.
Heute fühlt sich die deutsche Geflügelbranche als Vorreiter im Tierschutz: Von den 45 Millionen Legehennen in Deutschland werden nur fünf Prozent in jenen Nachfolgern der Legebatterie gehalten, die Deutschland nur noch bis nächstes Jahr erlaubt, die EU bis 2025: “Kleingruppenkäfige“, die etwas mehr Platz als die noch engeren Legebatterien bieten, und die mit Einstreu, Nest und Sitzstangen „gestaltet“ sind. Dominant sind in Deutschland längst Boden- und Freiland-Haltung, zugleich wächst der Bio-Anteil. Er ist bereits bei 12 Prozent angelangt, der Kunde zahlt gern einen Aufpreis. Immerhin kann er sich so ein reines Gewissen leisten. Doch der Scheint trügt.
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Zwar gibt es sie tatsächlich, die Idylle, die die Bilder auf den Bio-Kartons verströmen. Wer sie erleben will, muss das Ehepaar Anna und Lukas Propp auf ihrem Bauernof im Örtchen Selow zwischen Rostock und Bützow besuchen. Auf 50 Hektar halten die Propps 6600 Legehennen, den Hof hat Anna Propp (32) vor sieben Jahren von ihrem Großvater geerbt und mit ihrem Mann Lukas (32), einem studierten Landwirtschaftsmeister und Betriebswirt aus Hannover, zu einem Bio-Betrieb umgebaut.
Hier kann man tagsüber den Hennen zusehen, wie sie über grüne Wiesen laufen, im Boden scharren, um Würmer balgen. Sie haben dichtes braunes Gefieder, kräftige Füße, huschen in Herden über das Gras. Dazwischen läuft Lukas Propp mit einem großen Korb und streut Futter aus Getreide und Kleegras – aus eigenem Anbau. Die Nacht verbringen die Hühner auf Stangen im Stall, der ebenfalls auf der Wiese steht: auf Kufen, damit der „mobile Stall“ weitergezogen werden kann, wenn das Gras abgefressen und zerscharrt ist. “Bei uns leben glückliche Hühner„, sagt Anna Propp, “die leben hier wesensgemäß.“
Kükenschreddern wird vermieden
Neun Angestellte sammeln und verpacken die Eier, versorgen die Hennen - und die Hähne. Denn zu jeder Henne wird ein Bruderhahn gemästet: Das ist teurer als die männlichen Küken zu schreddern oder zu vergasen, wie es bei Legehennenrassen sonst üblich ist, weshalb die Propps ihre Eierpreise auf 50 Cent pro Stück erhöht haben. Die Nachfrage ist dennoch riesig. Rund 70 Prozent gehen an Bio-Märkte in Berlin, und auch in der Region steigt der Bedarf. Bio wächst und wächst, sagt der Branchenverband, durchaus stolz. Inzwischen essen die Deutschen rund 1,1 Milliarden Bio-Eier pro Jahr.Doch die Idylle endet spätestens, wo der Import beginnt. Denn nur 69 Prozent der hierzulande verbrauchten Eier stammen aus Deutschland – und in den anderen EU-Ländern sind die gestalteten Käfige noch Standard. In Frankreich leben darin mehr als 27 Millionen Hühner, in Spanien mehr als 35, in Polen mehr als 40 Millionen.
Noch gravierender ist, dass die Herkunftsstempel nur auf frische Schalen-Eier kommen. Sobald Ei verarbeitet und als Zutat verwendet wird, gibt es keine Kennzeichnung mehr – und auch kein Verbot von Käfig-Eiern. Laut Geflügelband stammt der größte Teil der ausländischen Eier, die so verarbeitet werden, aus EU-Käfighaltung - gefolgt von einem bedeutenden Anteil aus Drittstaaten, wo die altmodische Legebatterie noch der Standard ist. So kommt ein Drittel der Ei-Importe aus der Ukraine, wo das Geschäft mit Käfig-Eiern boomt – und laut Tierschützern Zustände wie in den Aufnahmen aus Wassylkiw nicht selten sind. Die Legebatterien, die 2012 aus Deutschland verschwunden sind, wurden in der Ukraine wieder aufgebaut, teils dank staatlicher Hermes-Bürgschaften aus Deutschland.
Einer in verarbeiteten Produkten nicht gekennzeichnet
Von den durchschnittlich 235 Eiern, die jeder Deutsche im Jahr isst, steckt etwa die Hälfte in Nudeln, Keksen und anderem Gebäck, oder sie kommt gefärbt als fertiges Ostereier oder in der Gastronomie als Rührei auf den Tisch - ungekennzeichnet. Tierschützer fordern deshalb ebenso eine klare Kennzeichnung der Herkunft und Haltungsform auch von verarbeiteten Eiern wie die Geflügelwirtschaft und sogar Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Sie fordert allerdings eine EU-weite Regelung.
Allerdings betreffen fehlende Transparenz und falscher Schein nicht nur das Käfig-Ei als Backzutat. Auch die Vorstellung, dass die EU-Vorgaben für Bio-Höfe der Ausweg aus dem Dilemma der Massentierhaltung sind, ist trügerisch.
Denn was sich Lukas und Anna Propp unter Bio vorstellen, dürfen Medien sehen; Kunden und Nachbarn werden zum Hoffest geladen. Was sich aber andere deutsche Betriebe unter Bio vorstellen, verstecken sie in entlegenen Gegenden hinter blickdichten Baracken und meterhohen Zäunen.Wer dahinter blicken will, muss sich an Menschen wie Hannes A. (Name geändert) wenden. Menschen, die Straftaten wie Hausfriedensbruch begehen, um Einblicke zu dokumentieren, die die Betreiber nicht gewähren: Nachts dringen sie in die Ställe ein und filmen. Die Aufnahmen geben sie der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch, die damit an die Öffentlichkeit gehen oder auch Strafanzeige stellen.
Auch in Bio-Betrieben ist die Welt nicht in Ordnung
A., der seinen wahren Namen nicht im Internet oder der Zeitung lesen will, hat mit befreundeten Aktivisten schon mehrfach skrupellose Tierquälerei in großen Betrieben auffliegen lassen. Seit sie allerdings auch in deutsche Bio-Ställe einbrechen, haben sie die Illusion aufgegeben, Bio-Tierhaltung sei der Ausweg. Die Zustände sind zwar besser als in den alten Legebatterien, von der skandalösen Lage in der ukrainischen Eierfabrik sind sie weit entfernt. Doch auch A.s neue Aufnahmen aus deutschen Bio-Betrieben, die die ZDF-Doku “Achtung, Essen!“ zeigt und die das RND vorab einsehen konnte, dokumentieren Müllcontainer voller Hühnerkadaver aus der Anlage, staubigen Boden, Eier auf industriellen Fließbändern und große Metallregale mit Sitzstangen für Hunderte Hennen. “Das hat sicher nichts damit zu tun, wie die Leute sich Bio-Tierhaltung vorstellen“, sagt A.
Jüngst veröffentlichte “Öko-Test“ eine Untersuchung, laut der nur 4 von 20 getesteten Bio-Eiern empfehlenswert seien. Alle anderen Betriebe töten in der Regel männliche Küken, halten ihre Hennen schlecht, in einem Fall habe es eine Schadstoffbelastung gegeben. Gegen Gesetze und EU-Standards haben die Bio-Betriebe damit nicht verstoßen.
Für die Bio-Bauern Anna und Lukas Propp ist gerade das frustrierend: „Bei uns steht auch „6 Bio-Eier„ auf den Verpackungen, genau wie beim Discounter“, sagt Anna Propp. „Wir liefern quasi die Bilder, wie sich der Verbraucher das vorstellt und dann denkt er, wenn es bei denen so aussieht, wird es bei anderen auch so aussehen.“
Aber bei den hohen Betreuungskosten, dem riesigen Aufwand, stellt sich da nicht die Frage, ob man ganz Deutschland überhaupt auf so hohem Niveau mit Bio-Eiern versorgen könnte? Die Frage hält Anna Propp für falsch gestellt. „Man muss sich doch auch fragen“, sagt sie, „wieviel Eier oder wieviel Lebensmitteln insgesamt in Deutschland produziert werden.„ Wieviel werde davon gegessen, wie viel weggeschmissen? Kurz: Wie viel ist am Ende ganz einfach zu viel?

