Berlin – Der Gang zum Briefkasten gleicht einem Marathonlauf, zum Wochenendeinkauf im Supermarkt fehlt die Kraft und auch das Staubsaugen ist eine wahre Herkulesarbeit. So ergeht es vielen Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus. Dieses Zusammenspiel aus Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit – in der Medizin als Fatigue bezeichnet – ist eine der am häufigsten beobachteten Corona-Spätfolgen. Doch wie kommt es zu diesem Ermüdungssyndrom? Und was hilft dagegen?
Was unterscheidet Fatigue von der normalen Müdigkeit?
Müdigkeit ist zunächst einmal ein normaler Zustand des Körpers, der unterschiedliche Ursachen haben kann. In den meisten Fällen ist es zu wenig Schlaf. Aber auch zu wenig Sauerstoff, Flüssigkeit und Bewegung kann der Grund dafür sein, dass wir müde werden. Gegen das bleierne Gefühl, das schwer auf den Augenlidern lastet, hilft vor allem eines: sich ausruhen oder schlafen.
Die Fatigue geht weit über die normale Müdigkeit hinaus: Der Zustand starker körperlicher und geistiger Erschöpfung hält selbst in Ruhephasen weiterhin an. Zum Teil kann die Ermüdung so belastend sein, dass Betroffene nicht mehr selbstständig ihren Alltag bewältigen, arbeiten oder Sport treiben können. Eine eindeutige medizinische Definition gibt es für Fatigue bisher nicht.
Das Ermüdungssyndrom kann nicht nur im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion auftreten, sondern ist auch von anderen Infektionskrankheiten, Tumor- und Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Hormonstörungen bekannt. Ebenso können andauernder Stress und psychosoziale Belastungen eine Fatigue verursachen.
Was ist ME/CFS?
Vereinfacht könnte man sagen: Fatigue ist das Symptom, ME/CFS die Krankheit. Tatsächlich ist ME/CFS eine eigenständige komplexe Erkrankung und steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom. Dabei kommt es typischerweise nach einem Virusinfekt wie der Grippe zu einer schweren Fatigue, also einer körperlichen und geistigen Erschöpfung. Diese geht in der Regel mit körperlichen und kognitiven Symptomen wie Halsschmerzen, Fieber oder Sprachstörungen einher.
Neben einer „Belastungsintoleranz“ könne sich bei ME/CFS zudem eine Post-Exertional Malaise zeigen, weiß Carmen Scheibenbogen. Das heißt: Nach geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung können sich die Beschwerden verschlimmern. „Es kann zu einem richtigen Crash kommen, der dazu führt, dass man tagelang liegen muss im dunklen Zimmer, weil man oft auch sehr reizempfindlich ist“, erklärte die Leiterin des Fatigue-Zentrums der Berliner Charité jüngst in einer Sonderfolge des NDR-Podcasts „Coronavirus-Update“.
Auch Menschen, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben, können nach der Erkrankung Anzeichen einer ME/CFS entwickeln: „Was die meisten schildern, ist, dass die Fatigue oft auch mit kognitiven Störungen einhergeht“, berichtete Scheibenbogen. Als Beispiel nannte sie Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen oder Gedächtnisprobleme.
In der „S1-Leitlinie Post-Covid/Long Covid“, die mehrere Fachgesellschaften im vergangenen Jahr erarbeitet haben, wird ebenfalls auf ME/CFS hingewiesen: „Wenn bei Patienten im Alter unter 60 Jahren schwere Fatigue mit Belastungsintoleranz, kognitiven Störungen und Schmerzen auftreten und diese für mehr als sechs Monate bestehen, sollte das Vorliegen eines Chronischen Fatigue Syndroms (ME/CFS, G93.3) mithilfe der international akzeptierten Diagnosekriterien überprüft werden“, heißt es dort.
Wie häufig kommt es nach einer Corona-Erkrankung zu Fatigue?
Fatigue ist eine der am häufigsten beobachteten Spätfolgen einer Corona-Erkrankung. Ein Blick auf aktuelle Studien zeige, dass „etwa die Hälfte bis zwei Drittel“ der Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, anschließend unter starker körperlicher und geistiger Erschöpfung leiden, sagte Fatigue-Expertin Scheibenbogen.
Das bestätigen beispielsweise Daten der britischen Statistikbehörde ONS: Schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich berichteten bis zum 5. März über Spätfolgen, die seit mehr als vier Wochen nach der Corona-Infektion anhielten. Das sind 2,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. 51 Prozent der Betroffenen klagten über Fatigue, gefolgt von Kurzatmigkeit (34 Prozent), Geruchsverlust (28 Prozent) und Muskelschmerzen (24 Prozent).
Eine US-amerikanische Metaanalyse, die vergangene Woche im Fachmagazin „The Journal of Infectious Diseases“ erschienen ist, kommt zu dem gleichen Schluss, aber zu anderen prozentualen Werten. Die Forschenden hatten 50 Studien ausgewertet, die insgesamt rund 1,68 Millionen positiv auf das Coronavirus Getestete umfassten. Fatigue war dabei ebenfalls die am häufigsten beschriebene Spätfolge – mit einem Anteil von 23 Prozent. Es folgten Gedächtnisprobleme (14 Prozent), Kurzatmigkeit (13 Prozent), Schlafprobleme (11 Prozent) und Gelenkschmerzen (10 Prozent).
Welche Ursachen hat Fatigue?
Die Ursachen für Fatigue sind noch größtenteils unbekannt. Auch, weil das Krankheitsbild recht vielfältig und individuell unterschiedlich ist. Das gilt gleichermaßen für Fatigue als Spätfolge einer Corona-Erkrankung.
Sars-CoV-2 ist ein Virus, das auf unterschiedliche Art und Weise dem Körper zusetzen kann. Zum Beispiel kann es Gefäße schädigen. Mithilfe von Ultraschalltechniken konnten Fatigue-Expertin Scheibenbogen und ihr Team bei Patientinnen und Patienten, die unter schwerer Fatigue litten, sehen, dass gerade kleine Gefäße nicht „richtig gut durchblutet“ waren.
Die Folge könne eine Sauerstoffmangel der Organe und Muskeln sein. „Gerade diese Minderversorgung der Muskulatur mit Sauerstoff kann auch erklären, dass diese Fatigue nicht nur ein Gefühl ist, sondern dass man die wirklich auch gut messen kann, dass also bei vielen auch die Handkraft vermindert ist“, erklärt Scheibenbogen.
In der „S1-Leitlinie Post-Covid/Long Covid“ finden sich noch weitere Ursachen für die Fatigue als Corona-Spätfolge, etwa durch das Virus verursachte Organschäden sowie „psychische Komorbiditäten“ (also mehrere weitere psychische Begleiterkrankungen). Ebenso könne die starke körperliche und geistige Erschöpfung durch eine „low-grade Inflammation“ – also einen niedrigschwelligen Entzündungsprozess, der im Körper abläuft – beziehungsweise eine „Autoimmunantwort im Rahmen der Infektion“ hervorgerufen werden.
Wer ist von Fatigue besonders betroffen?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Menschen, die schwer an einer Infektion mit dem Coronavirus erkranken, ein statistisch höheres Risiko für Spätfolgen – auch bekannt als Long Covid oder Post-Covid-Syndrom – haben als Erkrankte mit einem milden oder asymptomatischen Krankheitsverlauf. Denn bei einer schweren Erkrankung werden die Organe stärker beeinträchtigt, sodass schlimmstenfalls Folgeschäden zurückbleiben können.
Das heißt aber nicht, dass jemand, der kaum oder gar keine Corona-Symptome entwickelt, vor Spätfolgen automatisch geschützt ist. Eine Studie aus Köln konnte im vergangenen Jahr zeigen, dass selbst leichte Verläufe ausreichen, um lang anhaltende Beschweren wie Kurzatmigkeit, Geruchsstörungen und Geschmacksverlust zu entwickeln. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Anfang 2021 eine US-amerikanische Untersuchung. Sie legte zudem nahe, dass Corona-Genesene selbst bei einem milden Krankheitsverlauf noch monatelang ein höheres Sterberisiko haben.
Auch bei der Fatigue scheint die Schwere der Erkrankung nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, wie eine Studie aus Irland deutlich macht, die die Onlinefachzeitschrift „Plos One“ im November 2020 veröffentlicht hat. Von den 128 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gaben mehr als die Hälfte an, noch bis zu zehn Wochen nach den ersten Corona-Symptomen unter Fatigue zu leiden.
Die Forscherinnen und Forscher wiesen jedoch darauf hin: „Es gab keinen Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der Covid-19-Erkrankung (Notwendigkeit einer stationären Aufnahme, zusätzlicher Sauerstoffversorgung oder kritischer Pflege) und der Fatigue nach Covid-19.“
In der Untersuchung zeigte sich ferner, dass Frauen durchschnittlich häufiger von Fatigue betroffen waren als Männer. Gleiches galt für Menschen, die in der Vergangenheit häufiger von Depressionen und Angststörungen geplagt wurden. „Die Post-Covid-Fatigue findet sich verteilt über alle Altersgruppen mit einem beobachteten leichten Überwiegen weiblicher Patienten“, heißt es hierzu in der „S1-Leitlinie Post-Covid/Long Covid“. Auch Kinder und Jugendliche, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, würden danach zum Teil über starke körperliche und geistige Erschöpfung berichten – sogar über Symptome einer ME/CFS.
Wie lange hält die Fatigue nach der Corona-Erkrankung an?
Internationale Studien deuten darauf hin, dass Fatigue durchaus mehrere Wochen beziehungsweise Monate nach überstandener Corona-Infektion anhalten kann. Eine genaue individuelle Prognose zur Krankheitsdauer ist jedoch nicht möglich.
In einer Studie der Berliner Fatigue-Expertin Scheibenbogen, die im Februar vergangenen Jahres auf dem Preprint-Server medRxiv publiziert wurde, wiesen die 42 Probandinnen und Probanden noch sechs Monate nach einer Corona-Erkrankung eine starke körperliche und geistige Erschöpfung auf. Etwa die Hälfte von ihnen erfüllte die Kriterien einer ME/CFS.
Im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ ging Scheibenbogen genauer auf die bisher gesammelten Ergebnisse ein: „Wenn wir uns unsere Patienten anschauen, die sich in der Post-Covid-Fatigue-Studie befinden, dann sehen wir, dass diejenigen, die das Vollbild ME/CFS haben, jetzt anhaltend über anderthalb, zwei Jahre krank sind und sich insgesamt auch wenig geändert hat an der Krankheitsschwere.“ Die meisten seien nach wie vor so krank, dass sie ihren Beruf nur mit Einschränkungen oder gar nicht ausüben könnten.
„Die, die das Vollbild von ME/CFS nicht erfüllen, da sehen wir erfreulicherweise, dass es doch einigen ein Stück besser geht“, berichtete sie. „Und da haben wir die große Hoffnung, dass diese Patienten auch heilen, nur durch die symptomorientierte Behandlung. Wobei wir auch da über Verläufe schon von bis zu zwei Jahren reden (...).“
Was hilft gegen Fatigue?
Fatigue zu behandeln ist schwierig, da das Ermüdungssyndrom individuell unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Während es bei normaler Erschöpfung oft hilfreich sein kann, sich zu bewegen oder Sport zu treiben, können Patientinnen und Patienten, die unter ME/CFS leiden, ihren Zustand dadurch sogar noch verschlimmern. Martina Lukas, Chefärztin der Inneren Medizin in der Helios Klinik Wiesbaden, rät deshalb stattdessen zur Pacing-Strategie: „Pacing heißt, schonend mit den eigenen Ressourcen umzugehen und zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen.“
Am Anfang stehe dabei immer die Frage: Wie viel Energie habe ich? „Man kann sich vorstellen, dass man für jeden Tag einen Sack mit Energieperlen zur Verfügung hat“, erklärte Lukas. „Jede Aktivität kostet eine Energieperle – das Ausräumen des Geschirrspülers, die Runde mit dem Hund, das Kochen des Mittagessens.“ Wer dafür sorgt, dass am Ende des Tages noch etwas Energie im Sack übrig bleibt, hat gute Chancen, einem Zusammenbruch vorzubeugen.
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Es kann dauern, bis man das optimale Pensum gefunden hat – und diese Grenze im Alltag auch einhält. Ein Tagebuch kann den Prozess begleiten. Dort dokumentiert man alle Aktivitäten – ein halber Tag im Büro, der Gang zur Post, ein Anruf bei der Ärztin. „Stellt man dann fest, dass es einem heute schlecht geht, blättert man eine Seite zurück und kann nachvollziehen, woran es liegen könnte“, sagte Lukas.
Letztendlich laute das Motto: fordern, aber nicht überfordern.Gegen Schlafmangel könnten wiederum verhaltenstherapeutische Ansätze wie Entspannungstechniken helfen, riet Fatigue-Expertin Scheibenbogen. Alternativ könnten auch Medikamente eingesetzt werden, die beim Einschlafen unterstützen. Verminderte Durchblutung könne man verbessern, indem man den Kreislauf unterstützt. Also „indem man mehr trinkt, indem man auch möglichst seine Beine hochlegt, wann immer es möglich ist, und vielleicht auch Stützstrümpfe trägt, wenn man doch längere Zeit stehen muss“.
Bei Betroffenen, die sich im Fatigue-Zentrum der Berliner Charité vorstellen, untersuchen Scheibenbogen und ihr Team auch das Blut. „Es kann sein, dass man zum Beispiel begleitend einen Eisenmangel hat oder dass man einen Vitaminmangel hat“, sagte sie. „Folsäuremangel sehen wir auch relativ häufig. Wenn man den behandelt, wird die Fatigue oft auch schon etwas besser.“ Sollte sich der Erschöpfungszustand dadurch nicht bessern, müsse man ursächlich behandeln. Also etwaige Entzündungsprozesse mildern sowie gestörte Gefäßdurchblutung und Autoimmunerkrankungen, die Ursache für die Fatigue sein können, therapieren.
Grundsätzlich gilt: Sollte sich der Erschöpfungszustand vier Wochen nach der Corona-Infektion nicht bessern, sollten sich Betroffene ärztlich untersuchen lassen, um mögliche Störungen von Organfunktionen und andere Ursachen der Fatigue auszuschließen. Beim Arzttermin sollten Patientinnen und Patienten auf jeden Fall auf die vergangene Infektion hinweisen. Die Ärztinnen und Ärzte können so gezielter dem Verdacht einer Fatigue nachgehen und entsprechende Schritte zur weiteren Untersuchung einleiten. (mit dpa)


