Berlin – Wenn es in der Schule nicht rundläuft, kann das für Kinder und Jugendliche sehr frustrierend sein – vor allem wenn sie am Ende ohne Abschluss dastehen. Wie vermeintlich Gescheiterte ihren Weg zum Schulabschluss doch noch meistern können und die Motivation nicht verlieren, darüber spricht Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Herr Meidinger, die alljährliche Zeugnisausgabe ist für einige Schülerinnen und Schüler ein bitterer Moment, weil sie nicht versetzt werden, das Abitur nicht schaffen oder sogar die Schule verlassen müssen. Wie kann sich eine derartige Erfahrung auswirken?
Zunächst einmal muss gesagt werden, dass schulischer Misserfolg meist nicht überraschend kommt. In der Regel hat es vorher seitens der Schule deutliche Hinweise und Gespräche gegeben. Aber natürlich ist ein Scheitern für die meisten Schülerinnen und Schüler ein einschneidendes Erlebnis. Je jünger Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen, damit zurechtzukommen. Bei einigen stellt sich ein Gefühl der Ohnmacht und Aussichtslosigkeit ein. Ältere Schülerinnen und Schüler haben den Wunsch, bloß nichts mehr mit der Schule zu tun haben zu müssen.
Was sind typische Ursachen für schulische Misserfolge?
Es gibt Kinder, die aus Verhältnissen kommen, in denen die schulische Bildung keine Bedeutung hat. Ihnen fehlen Unterstützung und Motivation. Oft hat schulischer Misserfolg auch mit Sprachschwierigkeiten zu tun. Vor allem Geflüchtete, die erst kurz in Deutschland sind, haben es schwer. Sie müssen mehrere Fremdsprachen von Grund auf lernen – vor allem Deutsch. Auch lernschwache Schülerinnen und Schüler fallen oft durchs Raster. Für sie ist es eine große Herausforderung, die Bildungsstandards und Abschlüsse zu schaffen. Häufig spielen außerschulische Problemlagen und individuelle Krisen eine Rolle, zum Beispiel psychische Erkrankungen oder familiäre Probleme wie die Trennung der Eltern.
Wie oft kommt es vor, dass Schülerinnen und Schüler überhaupt keinen schulischen Abschluss erhalten?
Das trifft aktuell auf etwa 4 Prozent eines Jahrgangs zu. Bei Kindern mit Migrationshintergrund ist die Quote allerdings dreimal so hoch. Den ersten allgemeinbildenden Abschluss gibt es in der Regel nach der neunten Klasse, die mittlere Reife erwirbt man nach der zehnten Klasse. Nicht immer gelingt das. Wenn dann bereits mehrere Jahrgänge wiederholt wurden und die Pflichtschulzeit abgeleistet worden ist, kann es sein, dass Schülerinnen und Schüler am Ende ohne Schulabschluss dastehen. Weniger Probleme gibt es in der Oberstufe: Die Quote derjenigen, die durch das Abitur fallen, liegt bei unter einem Prozent.
Hat sich die Situation seit der Corona-Pandemie verschärft?
Scheinbar ist das Gegenteil der Fall. Wir hatten noch nie so wenige Sitzenbleiber wie in den vergangenen zwei Jahren. Das liegt vor allem daran, dass die Kriterien gelockert wurden. 2021 gab es sogar den besten Abiturnotenschnitt seit Einführung des Zentralabiturs. Allerdings beobachten wir seit Jahren mit Sorge, dass die Notendurchschnitte trotz teils sinkender Leistungen steigen. Von den Ausbildungsbetrieben und Universitäten wird oft zurückgemeldet, dass die tatsächlichen Fähigkeiten vieler Schulabgänger den Anforderungen dort nicht mehr genügen.
Welche Perspektive bleibt Schülerinnen und Schülern, die an ihrer Schule nicht weiterkommen?
Die meisten fallen ja nicht ins Nichts, sondern haben bereits einen Abschluss erreicht, etwa Gymnasiasten nach der zehnten Klasse den Realschulabschluss. Höhere Abschlüsse können später auf anderen Wegen nachgeholt werden, zum Beispiel in der Berufsausbildung die mittlere Reife oder das Abitur. Für viele Eltern und Kinder ist das Gymnasium der Königsweg, aber oftmals ist es sinnvoll, andere schulische Wege zu wählen, die dann ebenfalls zum Abitur führen können. Ein Drittel der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss erwirbt anschließend die Mittlere Reife, fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit mittlerem Schulabschluss macht später noch das Abitur.
„Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle“
Wie kann einem drohenden Scheitern rechtzeitig begegnet werden?
Schülerinnen und Schüler sollten frühzeitig mit ihren Eltern den Kontakt zur Schule suchen. Zunächst können sie sich bei Problemen an die Klassenleitung wenden. Außerdem gibt es für Schullaufbahnberatungen Beratungslehrkräfte und Schulpsychologinnen und -psychologen oder Lehrkräfte mit entsprechender Zusatzqualifikation. Auch die Schulleitung und außerschulische Einrichtungen wie das Jobcenter und überregionale Schulberatungsstellen können ein Anlaufpunkt sein. Im Gespräch werden Alternativen gesucht und Möglichkeiten ausgelotet. Es ist immer wichtig, eine Perspektive zu haben. Unter Umständen ist ein Wechsel der Schule sinnvoll. Die Kinder sind dazu oft bereit, es sind eher die Eltern, die sich dagegen wehren.
Welche Hilfe können Familien und andere Bezugspersonen bieten?
Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle, etwa gute Freundschaften. Eltern sollten emotionale Unterstützung geben und das Kind in schulischen Krisen auffangen. Manchmal ist aber leider das Gegenteil der Fall. Dann erfahren Kinder viel Druck von ihren Eltern. Manche vermitteln ihren Kindern, die Schulprobleme haben, dass sie versagen und nicht so viel wert sind. Problematisch ist es auch, wenn Eltern überhaupt nicht präsent sind und sich nicht dafür interessieren, was in der Schule passiert.
Wie gehen Lehrerinnen und Lehrer damit um, wenn sie erleben, dass ihre Schülerinnen oder Schüler scheitern?
Diese Erfahrung geht ihnen oft nahe. Lehrerinnen und Lehrer geraten manchmal pädagogisch an ihre Grenzen. Wenn man helfen will, aber nicht helfen kann, weil man beispielsweise keinen Zugang zu den Eltern findet oder nicht genügend Zeit für individuelle Förderung aufwenden kann, ist das oft nur schwer auszuhalten.
Was raten Sie persönlich?
Nicht aufgeben! Es gibt immer Wege, die man weitergehen kann. Wichtig ist, sich Ziele zu setzen und diese auch im Auge zu behalten. Schulische Abschlüsse können später nachgeholt werden, um die gewünschte Ausbildung doch noch absolvieren zu können. Die Arbeitswelt wandelt sich stark, Berufs- und Arbeitsplatzwechsel sind an der Tagesordnung, und das Versteifen auf einen bestimmten Beruf trifft die Lebenswirklichkeit nicht mehr. Lernen und Sichweiterqualifizieren hört auch nach der Schule nicht auf. Das ist für alle, die die angestrebten Abschlüsse zunächst nicht erreichen konnten, eine dauerhaft große Chance.
