Berlin – Die Zeiten der Lockdowns und der Isolation haben ihre Spuren hinterlassen: Manche Menschen trauen sich seit der Corona-Pandemie auch ohne hohe Infektionszahlen nicht raus und meiden soziale Kontakte. Der Psychologe Ulrich Stangier erklärt im RND-Interview, was über das Cave-Syndrom bekannt ist – und warum wir Menschen nicht gut auf Isolation reagieren.
Herr Stangier, die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber wir können seit Monaten weitestgehend ohne Beschränkungen leben. Partys und andere soziale Aktivitäten sind nahezu uneingeschränkt möglich. Haben wir in Deutschland größtenteils wieder zum normalen Rhythmus zurückgefunden oder beeinflusst uns die Bedrohung durch das Virus immer noch im Alltag?
Stangier: Die aktuelle Stimmung in Deutschland ist im Allgemeinen eher, dass man sich dem Ansteckungsrisiko aussetzt und wieder viel mit anderen Menschen unternimmt. Das war vor einem Jahr noch nicht so – zu der Zeit gab es wesentlich mehr Angst in der Bevölkerung und wir hatten auch noch mehr Beschränkungen. Aktuell zeigt sich aber, dass unter anderem Massenveranstaltungen recht gut besucht sind, dort kaum jemand noch eine Maske trägt und die Angst somit bei vielen Menschen wesentlich geringer geworden ist.
Dennoch können wir unter Berücksichtigung der bisherigen Teilnehmenden der Studie im Schnitt schon festhalten: Wir erleben einen Rückgang an sozialen Aktivitäten – auch in Zeiten ohne Beschränkungen. Wir können zwar in Kneipen gehen, Meetings im Job vor Ort abhalten und uns mit anderen treffen. Aber manche Menschen haben trotz fehlender pandemiebedingter Beschränkungen Schwierigkeiten damit, engen Kontakt mit anderen zu haben und ziehen sich folglich in ihr Zuhause zurück.
Oft werden diese Menschen umgangssprachlich auch als „Höhlenmenschen“ bezeichnet, was sich aus dem weitverbreiteten Begriff für dieses Muster ableitet: das Cave-Syndrom. Handelt es sich hierbei um eine Störung?
Meine eindeutige Antwort ist: Nein. Der Begriff Cave-Syndrom wurde von dem Psychiater Arthur Bregman gewählt, der das Phänomen erstmals beschrieben hat – und das Phänomen und der Begriff wurden in den Medien schnell aufgegriffen. Aber tatsächlich ist der Begriff Syndrom nicht gerechtfertigt. Ich würde von einem postpandemischen Anpassungsmuster oder sozialem Anpassungsmuster sprechen, das während der Zeiten im Lockdown und in Isolation in der Pandemie bei vielen Menschen aufgetreten ist und auch Nachwirkungen auf die Zeit ohne Beschränkungen hat.
Das heißt, dass manche Menschen ihr Verhalten aus Zeiten der Corona-Beschränkungen und hohen Infektionszahlen nicht ablegen können?
Ja. Das Muster wird dann maladaptiv, die Betroffenen können sich also nicht an die Rückkehr zu normalen sozialen Aktivitäten und Interaktionen anpassen. Wenn die Infektionszahlen hoch sind, gibt es ja eine faktisch höhere Bedrohung. Das heißt, viele Menschen werden jetzt gerade krank und es werden Beschränkungen nötig sein, um die Pandemie einzudämmen.
Für Menschen ist es dann wichtig und sinnvoll, wenn sie sich präventiv von anderen distanzieren. Doch wenn die pandemische Lage – gerade in den Sommermonaten – weniger bedrohlich ist und Beschränkungen wegfallen, aber dieser Reflex der physischen Distanz immer noch stark anhält, spricht man von dem sogenannten Cave-Syndrom.
Welche Ursachen könnte es haben, dass manche Menschen soziale Kontakte noch meiden?
Eine unserer psychologischen Hypothesen ist etwa, dass wir uns über mehr als zwei Jahre hinweg durch die Isolation auf einen sehr schmalen Lebensraum konzentriert haben und unsere Kontakte damit auch langsam aus dem Blickkreis sowie dem Gedächtnis geraten sind. Die Vorstellung ist also bei manchen womöglich gar nicht mehr richtig vorhanden, dass Treffen mit anderen Menschen Freude bereiten.
Wir werden stark motiviert durch schöne Bilder und Erinnerungen, doch sie verblassen mit der Zeit. Damit geht auch die Motivation verloren, sich zu treffen – und dadurch gibt es diesen Rückzug.
Wir können also durch Isolation die Fähigkeit verlieren, uns auf soziale Kontakte zu freuen?
Das ist möglich. Ähnliche Muster kennen wir aus der Depression: Für sie ist es typisch, dass die Fähigkeit verloren geht oder stark abgemildert wird, sich auf eigentlich schöne Dinge zu freuen. In Fachkreisen wird dies auch Anhedonie bezeichnet. Hedonie beschreibt die Orientierung an der Lust, Anhedonie die Abkehr von der Lust.
Und das kann viele Lebensbereiche treffen: Wenn man zum Beispiel schon lange kein schönes sexuelles Erlebnis mehr hatte, dann wird auch die Vorfreude darauf immer geringer. So kann es sich auch mit sozialen Kontakten verhalten, wenn wir über längeren Zeitraum mehr oder weniger isoliert leben.Befragung zum Cave-Syndrom
Isolation kann also viel Schaden anrichten.
Klar ist: Der Mensch ist für Isolation nicht gebaut. Menschen, die beispielsweise in Isolationshaft leben, entwickeln starke Halluzinationen und psychotische Erlebnisse. In der Pandemie könnte die Isolation – natürlich auf wesentlich subtilerer Art und Weise – vielleicht auch bei vielen die Wahrnehmung verändert haben. Das kann auch andere Konsequenzen als sozialer Rückzug haben, wie wir bereits festgestellt haben.
Während der Pandemie haben sich in Zeiten, in denen die Isolation zunimmt, mehr Menschen in Gruppen zusammengetan, die Corona leugnen und Verschwörungsideen verfolgt haben. Das heißt: Weil die Vereinzelung eine Bedrohung darstellt, suchen manche Menschen ein Gemeinschaftsgefühl – beispielsweise in Form der Corona-Leugner-Bewegung. Das ist eine Gegenreaktion gegen die Isolation.
Viele andere Menschen haben die Zeiten der Isolation und Beschränkungen dagegen gut durchgestanden und können nun auch problemlos auf Partys oder Konzerte gehen. Wieso fallen die Reaktionen teilweise so unterschiedlich aus?
Grundsätzlich ist Rückzug ein unbewusster und sehr automatisierter Vorgang, der möglicherweise sogar in der Evolution verankert ist. Manche reagieren schnell auf neue Situationen und haben keine Angst vor sozialen Aktivitäten. Andere sind weniger flexibel und brauchen Zeit, bis sie sich an den Kontakt mit Menschen wieder gewöhnen. Wer für diese Anpassungsprobleme besonders anfällig ist, wollen wir in der Studie genauer untersuchen. Wir finden aber schon jetzt deutliche Hinweise darauf, dass Personen, die schon vorher sozial ängstlich waren, mehr dazu tendieren, diese Vermeidung aufrechtzuerhalten.
In vielen Berichten über das Cave-Syndrom erzählen vor allem verhältnismäßig junge Menschen, dass sie sich nicht raus trauen. Gibt es nach Ihren Erkenntnissen einen Zusammenhang mit dem Alter?
Das müssen wir erst noch herausfinden, aber wenn ich einen Zusammenhang vermuten würde, dann in die Richtung: Je älter, desto stärker das Rückzugsverhalten. Bei Jüngeren könnte man zunächst vermuten, dass sie flexibler sind und auch schneller wieder zu sozialen Aktivitäten zurückkehren, auch wenn einzelne solche Anpassungsprobleme aufweisen.
Bei Berufstätigen könnte das Cave-Syndrom durch diese Vermischung von Vorteilen aus dem Homeoffice und diesem sozialen Anpassungsphänomen vielleicht häufiger vorkommen. Sprich: Menschen in der mittleren Altersgruppe ziehen sich auch in Zeiten nach den Beschränkungen verstärkt in ihr Zuhause zurück, weil sie sich an das flexible und bequeme Leben dort gewöhnt haben.
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Bei älteren Menschen spielt natürlich die Gefahr eine große Rolle, die das Virus für sie darstellt. Das könnte dazu führen, dass sie sich eher zurückziehen – und sie müssen aufpassen, dass sie ihre Kontakte durch ihr Rückzugsverhalten nicht verlieren.
Was kann Betroffenen helfen?
Es ist wichtig, dass man erst mal ein Problembewusstsein schafft. Das Bedürfnis nach Kontakt zu anderen Menschen ist eingeschlafen, weil man es über langen Zeitraum nicht praktiziert hat. Um wieder zurück zum Normalzustand zu finden, ist es wichtig, eher nach Plan als nach Gefühl vorzugehen. Denn das Gefühl kann uns manchmal in die Irre führen und uns zum Beispiel vermitteln, dass Rückzug das Beste für uns ist. Es gab in der Pandemie Situationen, in denen physische Distanz sinnvoll war.
Aber nun ergibt das Rückzugsverhalten ohne konkreten Infektionsverdacht nur noch wenig Sinn. Das heißt, wir müssen diesen Mechanismus, unsere schlechten Erinnerungen an die Zeit der Beschränkungen und die Anhedonie übergehen – und das geht nur, wenn wir nach Plan vorgehen und uns raustrauen.
Je nachdem, wie die Pandemie in den kommenden kalten Jahreszeiten verläuft, könnten jedoch wieder neue Beschränkungen oder Empfehlungen zur Eindämmung des Virus auf uns zukommen. Was macht dieses Auf und Ab in der Pandemie mit Betroffenen und auch anderen?
Die Gefahr ist, dass wir die schönen Erlebnisse aus guten Zeiten vergessen. Dabei sind sie unglaublich wichtig, da wir daraus Vorfreude auf den Sommer und die Zeiten ohne Beschränkungen entwickeln. Auch die Vorfreude auf die schönen Dinge in der kalten Jahreszeit ist wichtig: Warmer Tee, Weihnachtsgebäck und Kerzen sind ja bekanntlich eine schöne Seite des Winters.
Aber wenn wir uns nur auf die pandemischen Zeiten konzentrieren, kann auch ein Stück Lebensfreude verloren gehen. Folglich kann dann auch die Freude auf mehr soziale Aktivitäten im Sommer abnehmen. Es ist zwar schwierig, aber wir sollten diese Anpassungsleistung anstreben, aus der Situation des Beste zu machen – und die Vorfreude auf bessere Zeiten beibehalten. (rnd)


