Nach dem Ausscheiden aus der Bundesregierung macht der studierte Arzt zwar weiter Politik – aber er lebt ein vollkommen neues Leben.
Kaum wiederzuerkennenDie Verwandlung des CDU-Politikers Helge Braun

Seit Mitte Dezember 2021 ist Helge Braun Vorsitzender des Haushaltsauschusses des Bundestags.
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Helge Braun hat neue Porträtfotos machen lassen. Das musste sein. Der letzte Kanzleramtschef von Angela Merkel (CDU) hat sich verändert. Das liegt an der Brille, die er jetzt trägt. Aber vor allem an dem Leben, das er nun lebt. Beides ist neu. Als Kanzleramtsminister war er auch für die Geheimdienste zuständig, immer im Einsatz, immer erreichbar. Kein Rasenmähen am Wochenende ohne Handy in der Hosentasche, kein Weihnachtsfest ohne Handy auf dem Tisch, kein Schlaf ohne Handy am Bett. Für die erste Reaktion im Krisenfall hatte er 15 Minuten Zeit, im Höchstfall 60 Minuten.
Heute gehen seine Uhren langsamer. Seit Mitte Dezember 2021 ist der Christdemokrat Vorsitzender des Haushaltsauschusses des Bundestags. Seine „Reaktionszeit“ jetzt: 48 Stunden. Dann muss er im Ernstfall eine Sondersitzung des Gremiums organisiert haben. Es ist nicht so, dass er heute wenig zu tun hätte. Aber wer es gewöhnt war, immer erst am Morgen zu wissen, wie der Tag verlaufen wird, ohne absehen zu können, wann er endet – für den ist ein Vorlauf von zwei Tagen und zwei Nächten eine Ewigkeit.
Helge Braun: Politische Karriere hinterließ Spuren
Bis dahin hat er den Rasen gemäht, das Fest gefeiert, und ausgeschlafen hat er auch. Seit eineinhalb Jahren führt er nun dieses neue Leben. Äußerlich ist das nicht spurlos an ihm vorübergegangen oder vielmehr umgekehrt: Seine vorherige politische Karriere hatte Spuren hinterlassen. In der Zeit, in der er ganz oben war, stand er im Alltag unter Dauerstrom. Nationale Krisen, internationale Konflikte, zum Schluss auch noch die Corona-Pandemie. Ohne Zeit für Treffen mit Freunden, ohne geregelte Mahlzeiten, ohne Pause. Eine Belastung für Geist und Seele. Aber auch für den Körper.
Seine Arbeit hat er so gern gemacht, dass er nicht gesagt hat: „Gott sei Dank, die Amtszeit ist zu Ende.“ Aber da war die Sache mit dem Gewicht. Braun war gerade 49 Jahre alt geworden, als er mit Merkel das Kanzleramt dem Sozialdemokraten Olaf Scholz übergab. Und er traf eine Entscheidung: „Ich wollte meine gesundheitlichen Risiken reduziert haben, bevor ich 50 bin. Das ist mir gelungen“, sagt der 50-Jährige.
Der Mann aus Gießen wirkt bei dem Gespräch in seinem Büro im Paul-Löbe-Haus, dem gläsernen Bundestagsgebäude gegenüber vom Kanzleramt, mit sich im Reinen. Das tat er allerdings auch schon, als er noch auf der anderen Straßenseite saß. In einem riesigen Büro, oben im Kanzleramt. Herrlicher Blick auf das Paul-Löbe-Haus.„Ich treibe wieder Sport“, erzählt Braun.
Helge Braun nahm so viel ab, dass er neue Porträtfotos brauchte
Er sagt nicht, wie viele Kilo er abgenommen hat. Dabei würden viele Menschen vermutlich gern wissen, wie man das schaffen kann. So abzunehmen, dass man neue Porträtfotos braucht. Es steht wohl für die Disziplin und Willensstärke, ohne die Braun auch nicht ins Kanzleramt gekommen wäre. Aber Fragen dazu will er nicht beant worten. Er stellt selbst eine Frage, die dann doch eine Antwort ist: „Ob ich das mit der gleichen Konsequenz im Kanzleramt geschafft hätte?“
Von Gästen möchte er gern zuerst hören, wie es geht. Und wer nicht sagt, alles bestens, hat den Mediziner vor sich, der als Assistenzarzt an einer Klinik für Anästhesiologie, Intensiv medizin und Schmerztherapie gearbeitet hat. Er hat ein Ohr für Gesundheit und Krankheit und für Menschen. Und mit Schmerzen kennt er sich aus. Er selbst verspürt gerade Phantom schmerzen.
„Was ich vermisse“, sagt er: „Die Informationen.“ Im Kanzleramt wisse man über alle Themen Bescheid. „600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich darum.“ Er habe den Informationsvorsprung sehr zu schätzen gewusst – und „genossen“, sagt er.Und dann ist er schon in der aktuellen Politik und im Angriffsmodus.
Das Kanzleramt habe auch die Aufgabe, die Opposition zu unterrichten, betont Braun. „Wir haben immer eine freundliche Informationspolitik betrieben und uns bemüht, die Minderheitenrechte wahrzu nehmen. Bei der Ampelregierung wartet man als Opposition zwei Wochen, um eine nichts sagende Antwort zu bekommen.“ Braun will das in Richtung Scholz mal gesagt haben. Seitenwechsel.
Nachfrage bei der Opposition von damals wie heute: Stimmt das mit der „freundlichen Informationspolitik“? Bei der Linken, die jetzt wirklich keine Werbung für die CDU machen will, bestätigt man: Da war Transparenz zu Merkels Zeiten. Braun ein umgänglicher, freundlicher Christdemokrat. Auch jetzt als Ausschussvorsitzender.
Ich komme ganz hervorragend mit Friedrich Merz aus.
Die Jahre als Merkels enger Vertrauter haben Braun geprägt. Was das Schönste war? „Der Generalismus im Kanzleramt ist mir ans Herz gewachsen.“ Und das Schönste ist: „Als Vor sitzen der des Haushaltsausschusses habe ich weiter das Privileg wie schon im Kanzleramt, mich mit den großen Themen zu befassen, die alle bewegen.“ Denn es geht immer ums Geld. Derzeit um das Sondervermögen für die Bundeswehr und die Energiepreisbremsen. Haushalts recht ist Königsrecht des Parlaments. Fast so schön wie Kanzleramt.
Den Umgang mit dem – schuldenbasierten – Sondervermögen sieht Braun kritisch. „Die 100 Milliarden sind bestenfalls zu 30 Prozent unter Vertragsverhandlungen. Abgeflossen ist bislang so gut wie gar nichts“, kritisiert er. „Ich habe die Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz so verstanden, dass nun jährlich das Zweiprozentziel eingehalten wird – nicht, dass lediglich die 100 Milliarden Euro dafür ausgegeben werden.“
Kritik an der Ampelkoalition
Damals, drei Tage nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, hatte Scholz mit dem Begriff „Zeitenwende“ beeindruckt. Er hatte versichert, dass Deutschland das lange vereinbarte Ziel der Nato, 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben, nun einhalten werde. Aber Deutschland ist weiterhin davon entfernt. Die Interpretationen gehen durcheinander, ob die 100 Milliarden Euro nun in die 2 Prozent eingerechnet werden oder nicht.
Braun betont: „Die 100 Milliarden Euro sind reine Investitionsmittel.“ Damit die Investitionen einsatzfähig und nachhaltig seien, bedürfe es auch Personal, Wartung, Munition und Rück stellungen für Ersatzbeschaffungen zusätzlich. Derzeit hat der Verteidigungsetat 50 Milliarden Euro. 2 Prozent vom BIP wären 70 Milliarden Euro.
Allerdings hätte natürlich Angela Merkel als Kanzlerin schon viel früher dafür sorgen können, dass die Bundeswehr mehr Geld bekommt. Braun schüttelt den Kopf. „Es war übrigens Olaf Scholz als Finanzminister, der mit wachsweichen Formulierungen aus dem Zweiprozentziel 1,5 Prozent im Haushalt gemacht hat.“ In der Opposition kann man manches wohl offener sagen.

Thomas de Maiziere (l, CDU), ehemaliger Bundesminister der Verteidigung, und Helge Braun (CDU)
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Den jetzigen Finanzminister Christian Lindner (FDP) sieht er auch kritisch. Dessen Entschei dung, im Frühjahr keine Eckwerte für den Haushalt 2024 vorzulegen, sei ein „Fehler“. Denn: „Jetzt verhandelt der Finanzminister mit jedem Minister um detaillierte Einzelpositionen, anstatt dass die Kabinettsmitglieder ihre Projekte erst einmal in einem bestimmten Rahmen planen müssen. Wenn jeder weiß, was er kriegt, kann man es priorisieren.“
Die Ampelregierung solle mal ihre Streitereien sein lassen. Vor der Sommerpause müsse der Kabinettsbeschluss zum Haushalt vorliegen. „Lindner macht jetzt Sisyphusarbeit. Das ist nicht zu schultern.“ Er habe das Gefühl, Scholz wolle, dass seine Leute selbst klarkämen. „So häufen sich Probleme an. Und dann ist Rabatz in der Bude.“Braun kann eine hessische Fröhlichkeit an den Tag legen, er lacht dann selbst über Dinge, die kaum lösbar erscheinen. Er bricht damit der Schwere die Spitze. Man kann sich schwer vorstellen, dass er aus der Haut fährt. Seine Währung ist eher Humor. In der Sache hart bleibt er trotzdem.
Bei der Ampelregierung wartet man als Opposition zwei Wochen, um eine nichts sagende Antwort zu bekommen.
Während der Corona-Krise hatte sich Braun manches Mal gefragt, ob sein Platz nicht im Krankenhaus sein müsste, um zu helfen, Leben zu retten. Er zählte zu den Hardlinern, erklärte – für einen Kanzleramtschef ungewöhnlich, aber für einen Arzt naheliegend – auch öffentlich die Gefahren durch das Virus und mahnte zur Vorsicht.
Auch auf Feldern, wo es richtig wehtut. Auf dem Fußballfeld. Während der Europameisterschaft 2021 war er der Spiel verderber der Fußballnation. „Ein voll besetztes Stadion finde ich daneben“, sagte er damals in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Und warnte alle Fußballfans vor Konsequenzen, wenn sie zu Spielen ins Ausland fahren. Jeder müsse bei Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne.
Neben der Corona-Pandemie war mit die größte Herausforderung für ihn das Klimaschutz paket 2019, sagt er. „Fridays for Future war auf der Straße. Das Wirtschafts- und das Umwelt ministerium haben sich komplett blockiert.“ Der Wirtschaftsminister war der frühere Kanzler amtschef Peter Altmaier (CDU), und Umweltministerin war Svenja Schulze (SPD), heute Entwicklungsministerin.
Von Fehlern spricht Braun nicht
Nicht 30 Stunden, aber von 11 Uhr bis 11 Uhr hat die Einigung von CDU, CSU und SPD zum Klimaschutz gedauert. Dieser Koalitionsausschuss ist ihm nicht in guter Erinnerung. „Der Einstiegspreis für CO2, den wir im Koalitionsausschuss beschlossen haben, war zu niedrig. SPD und CSU hatten aber Angst vor den Schlagzeilen, wie hoch die Benzinpreise steigen würden.“ Seine CDU war es nicht, ist seine Botschaft. Trotz Kanzlerin.
Im Umgang mit Russland sei er „sehr kritisch“ gewesen. Zur deutschen Abhängigkeit von russischem Gas sei es deshalb gekommen: Weder Wirtschaft noch Politik seien vor Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine bereit gewesen, die hohen Kosten für einen von Russland unabhängigen Umbau der Energieversorgung zu tragen. So sagt das auch Merkel. Von Fehlern sprechen beide nicht.
Braun trat bei der Wahl zum CDU-Vorsitz gegen Merz an
Der Union gehört Braun seit 1989 an, im November 2021 trat er überraschend bei der Wahl zum CDU-Vorsitzenden gegen Friedrich Merz und Norbert Röttgen an. Und verlor krachend bei der Mitgliederbefragung. 12,1 Prozent votierten damals für ihn, 25,8 Prozent für Röttgen und 62,1 Prozent für Merz. Dabei war Brauns Team bunter, jünger und weiblicher. Und er hatte klargestellt, dass er als Parteichef nicht auch nach der Fraktionsführung greifen würde. Aber er galt eben auch als „Merkelianer“ und die CDU war im Umbruch.
Und wie kommt er nun mit Merz klar? Jenem Mann, der Merkels Politik – und damit auch seine – jahrelang von der Seitenlinie aus attackiert hatte? „Ich komme ganz hervorragend mit Friedrich Merz aus.“ Humor? Die Zusammenarbeit in der Fraktion laufe sehr gut, betont Braun. Wird Merz nach der Kanzlerkandidatur greifen? Dazu schweigt Braun genauso wie zu seinem Gewicht. Man wird sehen.
Was noch neu ist an seinem Leben: Er kann Verabredungen wieder einhalten. „Meine Frau, meine Freunde haben nach dem Wechsel erstaunt festgestellt, dass ich überhaupt wieder Zeit für Treffen habe.“ Und ihm gefällt noch ganz gut, dass es an vielen Tagen so ist: Er liest in den Medien nichts Nettes über sich – aber auch nichts Schlechtes. „Sondern gar nichts.“ (rnd)

