Es ist ein bedrohliches Szenario, das 17 Forscher aus aller Welt beschreiben. Dabei geht es ganz konkret um das Überleben der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten, in denen der Verlust der biologischen Vielfalt und die gleichzeitige Beschleunigung des Klimawandels drohen.
Hinzu kämen menschliche Ignoranz und Untätigkeit.Die Experten, die von Hochschulen wie der Stanford University in der Nähe von San Francisco, der UCLA in Los Angeles und der Flinders-Universität in Adelaide stammen, sagen, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt eine „kalte Dusche“ in Bezug auf den Zustand unserer Umwelt bräuchten, damit sie endlich planen und handeln würden.
„Die Menschheit verursacht einen raschen Verlust der biologischen Vielfalt und damit der Fähigkeit der Erde, komplexes Leben zu unterstützen“, sagte Corey Bradshaw von der australischen Flinders-Universität. „Aber der Mainstream hat Schwierigkeiten, das Ausmaß dieses Verlusts zu erfassen – trotz der stetigen Erosion des Gefüges der menschlichen Zivilisation.“ Deswegen hätten er und die Kollegen so krasse Worte gewählt.
„Tatsächlich ist das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensformen so groß, dass es selbst für gut informierte Experten schwierig ist, sie zu erfassen“, sagte er. Das Problem werde durch Ignoranz und kurzfristiges Eigeninteresse verschärft, wobei das Streben nach Wohlstand und politischen Interessen die überlebenswichtigen Maßnahmen behindere.
Paul Ehrlich von der Stanford-Universität in den USA sagte, dass kein politisches oder wirtschaftliches System oder keine Führung eines Staates bisher bereit sei, die anstehenden Katastrophen zu bewältigen. „Die Eindämmung des Verlusts der biologischen Vielfalt steht bei Weitem nicht ganz oben auf der Prioritätenliste eines Landes und liegt weit hinter anderen Bedenken wie Beschäftigung, Gesundheitswesen, Wirtschaftswachstum oder Währungsstabilität zurück.“
Obwohl es eine positive Nachricht sei, dass der künftige US-Präsident Joe Biden beabsichtige, innerhalb seiner ersten 100 Tage wieder dem Pariser Klimaabkommen beizutreten, so sei dies angesichts des Ausmaßes der Herausforderung eine winzige Geste. Die meisten Volkswirtschaften würden davon ausgehen, dass Gegenmaßnahmen momentan zu kostspielig seien, „um politisch schmackhaft“ zu sein. Dazu kämen Desinformationskampagnen zum Schutz kurzfristiger Gewinne und somit sei es „zweifelhaft, dass das Ausmaß der Änderungen, die wir benötigen, rechtzeitig vorgenommen wird“, sagte Ehrlich.
Sein Kollege Dan Blumstein von der UCLA in Los Angeles sagte, dass ihm bewusst sei, dass das, was sie sagten, „möglicherweise nicht beliebt und in der Tat beängstigend“ sei. „Aber wir müssen offen, präzise und ehrlich sein, wenn die Menschheit die enormen Herausforderungen verstehen soll, denen wir gegenüberstehen, wenn wir eine nachhaltige Zukunft schaffen wollen.“
Mehr politischer Willen
Es brauche politischen Willen, der von konkreten Maßnahmen unterstützt werde. So müssten Lösungen für kritische Probleme wie den Verlust der biologischen Vielfalt entwickelt und implementiert werden, anstatt dass wir uns auf Konsum und den Ausbau von Unternehmen konzentrierten. „Bis wir die Auswirkungen der ökologischen Verschlechterung vollständig verstanden haben, wird es zu spät sein“, prophezeite der Wissenschaftler. Die Katastrophe werde dann unausweichlich sein.
In dem Schreiben, das im Fachmagazin „Frontiers in Conservation Science“ veröffentlicht wurde, werden mehr als 150 Studien zitiert. Die Forscher führen darin etliche der negativen Trends auf, die in den kommenden Jahrzehnten noch einmal schlimmer werden könnten – darunter der Rückgang der biologischen Vielfalt, das Massensterben und Klimastörungen.
