Menschen, die dem Tod sehr nahe kommen, berichten danach oft von ähnlichen Erlebnissen: Sie erinnern sich an ein helles Licht am Ende eines dunklen Tunnels, an das Gefühl, ihren Körper verlassen und sich selbst wie von außen betrachtet zu haben. Andere erzählen, ihr gesamtes Leben sei noch einmal wie ein Film vor ihrem inneren Auge abgelaufen. Einigen erscheinen Bilder von geliebten, bereits verstorbenen Personen oder sie empfinden ein starkes Wohlgefühl, wenn sie an der Schwelle vom Leben zum Tod stehen.
Für manch einen sind solche Nahtoderfahrungen ein Beleg für das Übersinnliche und dafür, dass ein Leben nach dem Tod existiert. Neurologinnen und Neurologen hingegen versuchen seit Jahren, das Phänomen wissenschaftlich zu erklären. Dabei finden sie immer mehr darüber heraus, was in den letzten Sekunden des Lebens in unserem Gehirn vor sich geht.
Wie häufig Nahtoderfahrungen sind, lässt sich nicht eindeutig sagen. Für eine Studie der University of Southampton wurden 140 Patientinnen und Patienten befragt, die zuvor einen Herzstillstand überlebt hatten. 9 Prozent von ihnen hatten demnach eine klassische Nahtoderfahrung gemacht – also einen Tunnel mit einem Licht am anderen Ende gesehen oder sich selbst wie von außen wahrgenommen. Möglich ist aber auch, dass noch mehr Menschen solche Erfahrungen machen, diese aber später als Überlebende wieder vergessen.
Hirnaktivität noch nach Herzstillstand
Noch ist nicht vollständig geklärt, wie genau die Nahtoderfahrungen zustande kommen. Wahrscheinlich hängen sie aber zumindest teilweise mit Veränderung der Hirnströme zusammen, die in den letzten Momenten vor dem Tod auftreten können. Tatsächlich hat sich nämlich gezeigt, dass das Hirn auch dann noch aktiv kann sein kann, wenn das Herz bereits aufgehört hat zu schlagen.
So hatten Forschende der University of Michigan 2013 die Hirnströme von Ratten untersucht, bei denen sie kurz zuvor einen Herzstillstand ausgelöst hatten. Sie beobachteten innerhalb der ersten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand eine starke, unerwartete Aktivität im Gehirn der Tiere. Einige Hirnsignale fielen sogar stärker aus als normalerweise im Wachzustand. In weiteren Studien konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konkrete Abläufe im Gehirn ausmachen, die für bestimmte Nahtoderfahrungen verantwortlich sein könnten.
Einem internationalen Team von Forschenden war es etwa vor Kurzem gelungen, die Hirnaktivität eines 87-jährigen Mannes rund um dessen Tod aufzuzeichnen. Der Fallbericht wurde in Frontiers in Aging Neuroscience veröffentlicht. Der Patient hatte bei einem Sturz ein Schädeltrauma erlitten, woran er schließlich verstorben war. Die Ärztinnen und Ärzte hatten dabei mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) die Hirnströme in den letzten Lebensmomenten des Mannes gemessen.
Fehlfunktion im Gehirn verursacht „out of body experience“
Kurz nachdem der Herzschlag des Mannes ausgesetzt hatte, zeichnete das EEG ein Muster aus Gamma- und Alphawellen auf, das typischerweise dann zu beobachten ist, wenn Erinnerungen aus dem Gedächtnis abgerufen werden. Die Daten könnten die These unterstützen, dass kurz vor dem Tod letzte Erinnerungen an das eigene Leben abgerufen werden, heißt es in der Studie.
Ein weiteres Phänomen, von dem Sterbende oft berichten, ist das Gefühl, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden und sich selbst und die Ereignisse um einen herum wie von oben zu betrachten. Solche Erfahrungen werden auch als „out of body experience“ (OBE) bezeichnet. Auch hierfür haben Forschende bereits eine Erklärung gefunden: Wahrscheinlich werden in solchen Momenten echte Sinneswahrnehmungen mit der Vorstellung des umgebenden Raumes verknüpft. Verursacht werden könnte das durch eine Art Fehlfunktion des Gyrus angularis, einer Region im hinteren Schläfenlappen des Gehirns.
Entstehen kann eine Fehlschaltung im Gyrus angularis offenbar nicht nur beim nahenden Tod, sondern auch bei einem epileptischen Anfall. Zudem gelang es einem Team des Genfer Universitätsklinikums um den Neurologen Olaf Blanke, ein solches Erlebnis künstlich auszulösen. Sie hatten bei einer Epilepsiepatientin den Gyrus angularis mit Elektroden gereizt, wodurch sich deren Wahrnehmung veränderte und sie sich selbst wie aus der Außenperspektive wahrnahm. Außerdem berichtete die Patientin von einem Gefühl der Leichtigkeit und dem Eindruck, unter der Decke des Zimmers zu schweben. Die Ergebnisse der Studie waren 2002 im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht worden.
Erwartungshaltung beeinflusst Wahrnehmung
Auch für die Vision von strahlendem Licht am Ende eines Tunnels gibt es längst ein wissenschaftliches Erklärungsmodell. So kommt es nach dem Herzstillstand oder bei verminderter Herzfunktion zum Sauerstoffmangel im Gehirn und auf der Sehrinde. Dies könnte dazu führen, dass die für das Sehen zuständigen Nervenbahnen unkontrollierte Impulse abgeben, die als Licht wahrgenommen werden. Weil es im Zentrum des Sehfeldes mehr Neuronen gibt als in der Peripherie, kann zusätzlich der Eindruck eines Tunnels entstehen.
Weitere Theorien besagen, dass Nahtoderfahrungen aus dem Verschwimmen zwischen Schlaf und Wachzustand resultieren können. So traten Nahtoderfahrungen einer dänischen Studie zufolge besonders häufig bei Menschen auf, die unter einer bestimmten Art von Schlafstörung in der REM-Schlafphase litten, die durch lebhafte und als sehr real empfundene Träume gekennzeichnet ist. Und das zum Teil beschriebene Wohlgefühl kann durch vom Körper in Todesnähe selbst produzierten Botenstoffen ausgelöst werden, auch durch schmerzstillende Medikamente wie Opiate.
Trotz allem bleibt es erstaunlich, dass die gleichen Nahtoderfahrungen von so vielen Menschen geteilt werden. Aber: Nicht nur die physiologischen Abläufe im Gehirn bestimmen über unsere inneren Bilder, Träume und Wahrnehmungen mit, sondern auch die eigene Erwartungshaltung. So sind die klassischen Nahtoderfahrungen bekannt, jeder hat schon einmal davon gehört oder gelesen, sie tauchen in zahllosen Filmen auf.
Gut möglich also, dass in der Fantasie von Menschen im Moment des nahenden Todes Bilder entstehen, die sie erwarten zu sehen: Die Forschung spricht hierbei auch vom sogenannten Placeboeffekt. Je stärker Menschen davon ausgehen, vor ihrem nahenden Tod bestimmte Bilder zu sehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass dies tatsächlich eintritt.
