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PolyamorieEine Frau über ihre Erfahrungen mit mehreren Beziehungen

4 min
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Mehrere Füße schauen unter einer Bettdecke hervor (Symbolbild)

Leipzig – „Ich erkläre das oft so“, sagt Susann Dietzmann. „Wenn du schon zwei Kinder hast und dann das dritte dazukommt, dann wird’s komplizierter, aber du liebst die anderen beiden weiterhin genauso.“ Mehrere liebevolle Beziehungen gleichzeitig führen, das steckt hinter dem Begriff der Polyamorie.

So kurz und knapp die Definition auch ist, umso komplexer scheint die Umsetzung. Mehrere Personen zu lieben ist die eine Sache. Aber mehrere Beziehungen führen, und das zur gleichen Zeit? Susann Dietzmann lebt dieses Konzept seit vielen Jahren. Sie sagt: Es geht.

Polyamorie: „Aktuell besteht die Gesamtkonstellation aus fünf Leuten“

„Aktuell besteht die Gesamtkonstellation aus fünf Leuten“, erzählt Dietzmann über ihre derzeitige Situation. Sie selbst ist mit Kay und Theo zusammen, beide führen jeweils noch eine weitere Partnerschaft.

„Das sind egalitäre Beziehungen, aber in unterschiedlichen Stadien. Beide sind für mich gleich wertvoll, aber natürlich ist es ein Unterschied, dass ich die eine Beziehung schon seit vielen Jahren führe und die andere seit fünf“, erläutert die studierte Psychologin weiter.

Entschluss zu polyamorem Leben kam durch Talkshow

15 Jahre ist Dietzmann bereits mit Kay zusammen, sie nennt ihn ihren „Nest-Partner“ – jenem, mit dem sie zusammenwohnt. Vom Konzept der Polyamorie erfuhren die beiden aus einer TV-Talkshow. „Dort erzählte eine Frau, wie sie ihr Leben mit mehreren Personen teilt“, erinnert sich die 42-Jährige.

„Danach waren wir uns einig: Das ist ideal.“ In vorangegangenen Beziehungen habe sie oft betrogen. „Jetzt darf ich Bedürfnisse haben, ohne damit jemandem wehzutun oder mich entscheiden zu müssen.“

Eifersucht gehört dazu

Susann Dietzmann antwortet schnell und reflektiert auf Fragen. Sie hat sich viele Gedanken über das gemacht, was sie tut. Das geht wohl mit ihrem Job einher, Dietzmann arbeitet als Paartherapeutin und berät mitunter Personen, die ebenfalls polyamor leben. Außerdem sammelt die Leipzigerin in den elf Jahren, seitdem sie die Polyamorie für sich entdeckte, bereits einige Erfahrungen.

„Wir hatten die idealen Voraussetzungen. Als wir den Beschluss fassten, gab es niemand anderen, keiner hatte es eilig.“ Das „Gefühlsding“ hatten sie damals jedoch beide unterschätzt, erinnert sich die Therapeutin. „Als Partnerin spürt man direkt, wenn die Aufmerksamkeit weggeht. Wenn er eigentlich woanders sein will.“ Anfangs habe es viele Auseinandersetzungen gegeben. „Inzwischen genieße ich es, wenn er sich neu verliebt“, so Dietzmann. „Ich erlebe die Person, wie sie anfangs war.“

Ehrlichkeit als Schlüssel für erfolgreiches Beziehungsmodell

Mit der Frage nach der Eifersucht scheint die Psychologin schon gerechnet zu haben. „Andere Paare kämpfen gegen Untreue, wir kämpfen gegen Eifersucht“, sagt sie schulterzuckend. „Ein bisschen gehören die eifersüchtigen Gefühle einfach dazu.“ Dabei hilft: reden. „Alle müssen den Status voneinander kennen. Nicht offen zu sagen, dass jemand mehr ist als nur eine Bekannte, bringt niemandem etwas.“

Wenn man diese Form leben wolle, sei es schließlich im Interesse aller, dass es auch bei allen gut laufe. Bis ins Detail rein werde deshalb verhandelt: Wie oft sieht man sich? Wer teilt sich ein Konto? Wann wird verhütet?

Die Grenzen der Polyamorie

„Einmal hatte ich drei Beziehungen zeitgleich, das war zu viel. Ich konnte nicht allen gerecht werden“, erzählt Dietzmann. Zeit – die sei überhaupt das größte Problem. „Liebe ist unendlich. Aber Zeit ist endlich“, kommentiert die 42-Jährige. Geteilte Google-Kalender gehören deshalb eben auch zu ihrem polyamoren Alltag.

„In monogamen Beziehungen kann man sagen: Ich bin immer für dich da! Aber wenn meine beiden Partner krank sind, bin ich hin- und hergerissen: Wer braucht mich mehr?“

Unbeständigkeit belebt die Beziehung

Manchmal beneidet Dietzmann die monogamen Paare, sehnt sich nach Ruhe. „Man muss Bock auf ständige Veränderungen haben“, so die Paartherapeutin. „Wenn sich bei einer Person etwas ändert, dann hat das Einfluss auf alle.“ Ein Umzug zum Beispiel, eine Trennung, oder Kinder. „Ich selbst wollte nie Kinder, das hat es einfacher gemacht“, erläutert Dietzmann. Sie sagt aber auch: „Diese Unbeständigkeit belebt die Beziehungen.“

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Abwertende Reaktionen in Bezug auf ihr polyamores Leben habe sie nie erlebt. „Ich wurde nie als Schlampe bezeichnet“, berichtet die studierte Psychologin und schmunzelt. Häufig muss sie jedoch dem Vorwurf standhalten, das sei „nur eine Phase“. Diese „Phase“ umfasst bei Dietzmann inzwischen über zehn Jahre. Manchmal wird sie auch gefragt, für wen ihrer Partner sie sich denn entscheiden würde, wenn sie müsste. Das nerve.

Und: Ihr wird nicht zugestanden, dass auch sie Probleme in der Beziehung haben darf, klagt Dietzmann. „Wieso machst du das dann?“, fragten die Leute dann. Mit ihrer Familie habe sie aber Glück: „Wenn meine Oma Geburtstag hat, lade ich alle ein: Kay und Theo und deren jeweilige Freundin.“ Wer auch immer das gerade ist.