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Sexuelle BelästigungWie Tinder seine App sicherer machen will

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Flirten soll eigentlich schön und aufregend sein, doch Onlinedating kann – gerade für Frauen – auch gefährlich werden. Im Chat von Apps wie Tinder kommt es mitunter zu sexueller Belästigung und Betrüger treiben mit „Romance Scams“ dort ihr Unwesen. Im RND-Interview erklärt Juliane Leupold, Senior Communication Managerin bei Tinder, welche Funktionen die App nun sicherer machen sollen – und was in Sachen Sicherheit zuvor schieflief.

Frau Leupold, in den vergangenen Monaten hat Tinder einige neue Sicherheitsfeatures eingeführt, damit Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise besser gegen sexuelle Belästigung vorgehen können. Ist sexuelle Belästigung ein Problem in der App?

Juliane Leupold Bei Tinder dreht es sich um einige der schönsten menschlichen Bedürfnisse, nämlich darum, neue Kontakte zu knüpfen, Menschen kennenzulernen oder sogar die große Liebe zu finden. Die Menschen sind alle unterschiedlich, doch es kommt leider vor, dass manche von ihnen sich entgegen unserer Nutzungsbedingungen verhalten – das ist uns bewusst. Deswegen sehen wir uns auch in der Verantwortung, Betroffenen von sexueller Belästigung oder unangebrachten Nachrichten adäquate Hilfsangebote anzubieten. Für einzelne Userinnen und User und deren Verhalten können wir natürlich keine Verantwortung übernehmen. Für unsere App gibt es Richtlinien und wir bauen Sicherheitsfunktionen immer weiter aus.

Warum kamen diese Sicherheitsupdates aber erst nach fast zehn Jahren Tinder?

Sicherheit steht bei uns an oberster Stelle – und das hat es auch schon immer getan. Zum Beispiel haben wir schon länger die Fotoverifizierung, mit der Nutzerinnen und Nutzer bestätigen können, dass sie und ihre Bilder echt sind. Inzwischen können Userinnen und User auch einstellen, dass ihnen nur Profile mit Fotoverifizierung angezeigt werden. Außerdem ist unser „Swipe“-Prinzip schon immer ein Weg gewesen, Einvernehmlichkeit zwischen zwei Personen herzustellen: Erst wenn beide in der App nach rechts wischen, kommt es zum „Match“ und erst dann können sie sich gegenseitig schreiben. Sicherheit wird bei uns stets weitergedacht und deswegen haben wir uns mit Rainn zusammengesetzt, der größten US-Organisation gegen sexuelle Gewalt. Sie haben unsere App hinsichtlich der Sicherheit vor sexueller Belästigung im Detail geprüft, wodurch sich Bereiche zur Optimierung ergeben haben.

Was hat die Zusammenarbeit mit Rainn ergeben – und was musste in Sachen Sicherheit verbessert werden?

Ein Bereich, den wir uns genauer angeschaut und optimiert haben, ist das Reporting von unangebrachten Nachrichten. Nutzerinnen und Nutzer mussten bisher einen Screenshot von dem Chatverlauf machen und dann über das Profil ihres Matches die Meldung an den Support schreiben. Dieser zum Teil aufwendige Prozess hat gegebenenfalls auch dazu geführt, dass viele Menschen erst gar nicht jemanden gemeldet haben. Deshalb haben wir einen neuen Ansatz entwickelt, der direkt im Chatverlauf angewendet werden kann, damit unangebrachtes Verhalten einfacher, sicherer und umfassender gemeldet werden kann.

Wie funktionieren diese Sicherheitsfeatures konkret?

Bei den Sicherheitsfunktionen „Are you sure?“ („Bist du dir sicher?“, Anm. d. Red.) und „Does this bother you?“ („Stört dich das?“, Anm. d. Red) handelt es sich um Sicherheitsassistenten, die während des Chattens unterstützen. Anhand von künstlicher Intelligenz (KI) erkennt „Are you sure?“ unangemessene Sprache und fragt die Verfasser und Verfasserinnen der Nachricht, ob sie die Nachricht wirklich senden wollen. Das soll dazu führen, dass Menschen noch mal nachdenken, bevor sie gewisse Texte abschicken. Wer umgekehrt eine von der KI gekennzeichnete Nachricht erhält, wird mit „Does this bother you?“ gefragt, ob sie oder ihn die Message stört. Das betroffene Tinder-Mitglied kann mit einem Klick auf „Ja“ die Absenderin oder den Absender der Nachricht melden. Diese Funktionen handeln also proaktiv und sollen alle dazu ermutigen, unangebrachtes Verhalten zu melden. Die ersten Tests hatten schon gezeigt, dass die Funktionen unangemessene Nachrichten um über 10 Prozent reduziert haben. Gleichzeitig haben auch 46 Prozent mehr Meldungen von unangebrachten Nachrichten während der Tests stattgefunden.

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Was ist aber mit sexueller Belästigung in Videochats oder anstößigen Nachrichten, die nicht von der KI erkannt werden – ist das Meldeverfahren hierfür immer noch so kompliziert?

Inzwischen ist auch das wesentlich weniger aufwendig geworden. Wer jemanden melden möchte, kann das betroffene Match, Profilbilder und auch konkrete Nachrichten explizit per Klick auswählen. Wenn es etwa um Videochats geht, können Nutzerinnen und Nutzer im jetzigen Meldeverfahren auch mehr Details zu Vorfällen angeben. Doch erfahrungsgemäß kommt es eher selten zu unangebrachten Situationen in Videochats. Meist ziehen Nutzerinnen und Nutzer einen Videochat überhaupt erst in Erwägung, wenn sie ein gutes Gefühl bei ihrem Match haben. Sie nutzen das Tool eher dafür, um sich vor einem richtigen Date mal näher kennenzulernen. Im Tinder-Chat ist man hingegen anonymer unterwegs – wobei ausschließlich getextet wird, aber bewusst keine Fotos ausgetauscht werden können.

Der im Februar 2022 auf Netflix veröffentlichte Dokumentarfilm „Der Tinder-Swindler“ hat gezeigt, dass Onlinedating nicht nur wegen sexueller Belästigung gewisse Gefahren birgt. Der Betrüger Simon Leviev hat Tinder benutzt, um Frauen Liebe vorzugaukeln und sich so viel Geld zu erschleichen. Passieren solche „Romance Scams“ häufiger auf Tinder?

Nein, das sind wenige, aber schwerwiegende Einzelfälle. Die Täterinnen und Täter, die so etwas tun, sind höchst professionell und wissen ganz genau, welche Techniken sie nutzen müssen, um Menschen um den Finger zu wickeln und zu blenden. Tinder ist hier nur der erste Kontaktpunkt.

Apps wie Tinder müssten doch aber eine ideale Plattform für Betrügerinnen und Betrüger sein.

Tinder kann für diese Menschen zwar der erste Schritt in ihrer Masche sein, weil sie so mit ihren Opfern in Kontakt kommen können. Aber was danach passiert, läuft fernab unserer Plattform. Solche Betrugsmaschen gibt es schon lange und sind nicht erst im digitalen Leben entstanden. Heiratsschwindler waren auch schon in Zeiten vor dem Internet aktiv. Das Thema ist also nicht neu, aber wir wissen auch, dass durch das Internet „Romance Scams“ einfacher und häufiger geworden sind. Solche Fälle machen uns selbstverständlich sehr betroffen und wir unterstützen Betroffene mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln.

Wie hilft Tinder Opfern von „Romance Scams“?

Wenn es in besonders schwerwiegenden Fällen zu Anzeigen kommt, sind wir zum Austausch mit den entsprechenden Behörden verpflichtet. Damit wir Schwindler frühzeitig aufspüren, von unserer Plattform sperren und Schlimmeres verhindern können, sind wir aber auch auf Informationen der Betroffenen angewiesen. Hierfür soll nun auch das einfachere und detaillierte Meldeverfahren helfen. Wir planen zudem ein weiteres Sicherheitsfeature: Bald sollen Nutzerinnen und Nutzer auch die Möglichkeit haben, ihre Identität mit ihrem Ausweis zu verifizieren – daran können andere sehen, dass das Profil den persönlichen Daten entspricht. Wir schauen aktuell bereits mithilfe von bestimmten Technologien stets nach Fake-Profilen, um sicherzugehen, dass Personen auf unserer Plattform echt sind. „Romance Scams“ erfolgen nämlich meist mit einer gefälschten Identität, der „Tinder-Swindler“ aus der Dokumentation ist also eher eine Ausnahme. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, präventiv vorzugehen und viel über „Romance Scams“ aufzuklären – etwa über unseren Blog. Dort geben wir Tipps, auf welche Warnzeichen man achten sollte.

Was raten Sie Ihren Nutzerinnen und Nutzern, damit sie erst gar nicht auf eine solche Betrugsmasche reinfallen?

Es ist wichtig, dass sie sich mit Warnhinweisen vertraut machen – und überhaupt wissen, dass es so etwas wie „Romance Scams“ gibt. Dank des „Tinder-Swindler“-Films ist das Bewusstsein für solche Betrugsmaschen natürlich gestiegen. Ein verräterisches Anzeichen von Betrügerinnen und Betrügern ist etwa, dass sie sehr schnell von der großen Liebe oder Schicksal sprechen, aber echte Dates vermeiden. Oder nach Kreditkartendaten oder Geld fragen, weil sie angeblich Geldsorgen haben. Bei Verdachtsfällen raten wir unseren Userinnen und Usern dazu, alle Sicherheitsfeatures zu nutzen: von der Fotoverifizierung bis hin zum Melden von Nachrichten, die gegen unsere Richtlinien verstoßen. Denn nur so können wir auch dazulernen und alle nötigen Informationen bekommen, um Betrügerinnen und Betrügern den Zugang zu unserer App zu sperren.