Das Ende der Pandemie ist greifbar – ein Moment, den sich viele herbeigesehnt haben. Aber was kommt danach? Umfragen zeigen: Die Krise war für viele Menschen ein Anlass, ihre Lebensweise zu hinterfragen.
„Krisen können wertvoll für die persönliche Entwicklung sein“
Tatjana Schnell ist Psychologie-Professorin an der Universität Innsbruck und der MF Specialized University in Oslo und hat sich auf die empirische Sinnforschung spezialisiert. Sie untersucht seit Jahren, unter welchen Umständen Menschen ihr Leben als sinnerfüllt empfinden und wie äußere Umstände dazu führen können, dass wir beginnen, an der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns oder Weltbilds zu zweifeln.
„Unabhängig von Corona wissen wir, dass Krisen wertvoll für die persönliche Entwicklung sein können“, sagt Schnell. „Menschen berichten mir oft, dass sie im Nachhinein froh darüber waren, eine Krise durchgemacht zu haben, weil sie sich dadurch neu orientiert haben. Selbst bei so einschneidenden Erlebnissen wie einer Krebsdiagnose sind Betroffene manchmal rückblickend dankbar für diese Erfahrung, auch wenn das zunächst vielleicht komisch klingt.“
Viele Menschen folgen illusionären Glaubenssätzen
Wenn sich eine Krise so anfühlt, als werde einem buchstäblich der Boden unter den Füßen entzogen, liege das auch daran, dass viele Menschen illusionäre positive Glaubenssätze hätten. „Solche Glaubenssätze können zum Beispiel sein: „Wenn ich mich anstrenge, kann ich alles schaffen„, “ich kann alles kontrollieren„, „die Welt ist gerecht„ oder “der Tod ist fern„. In einer Krise müssen sie sich dann eingestehen, dass all das nicht wahr ist“, sagt Schnell.
Dann aber könne man damit beginnen, sich eine neue, wahrhaftigere Orientierung für sein Leben zu suchen: „Viele sind im Alltag dermaßen eingebunden, dass dieser Prozess sonst nicht möglich ist: sei es beruflich – wir haben ja heute eine sehr starke Berufsfixierung – oder durch die Familie oder das Bemühen, fit und schön zu sein. Da ist es schwer, Zeit für Reflexion zu finden.“
Krisen können sich langfristig positiv auswirken
Die Corona-Pandemie haben viele Menschen ebenfalls als Krise erlebt: Die Angst vor Krankheit oder um die beruflichen Zukunft, die soziale Isolation und der Wegfall vieler Aktivitäten wegen der Maßnahmen führten zu einem Zurückgeworfen sein auf sich selbst.
Das könnte Sie auch interessieren:
Dazu die Unsicherheit, wie lange all das anhalten würde. Auch solche Umstände können zu einem gefühlten Sinnverlust führen, sagt Schnell. Gleichzeitig boten der Wegfall von Aktivitäten, Homeoffice und Lockdown-Perioden Zeit und Raum zum Nachdenken.
Jeder reagiert anders auf Krisen
Wenn Menschen eine Krise erleben, gebe es verschiedene Möglichkeiten zu reagieren, erklärt die Psychologin. Einige fühlen sich davon überwältig, es drohe ein Zustand der Depressivität und Angst. Andere versuchen die Krise zu ignorieren und machten weiter wie bisher. Wiederum andere lassen die Krise zu, lassen sich davon berühren und beginnen aktiv zu hinterfragen, wie sie leben.
„Wir sehen, dass die Menschen, die sich auf diesen schwierigen Prozess einlassen, danach sagen: Ich weiß jetzt, was ich wirklich will und lebe vielmehr mich selbst – vorher wurde ich gelebt.“ Krisen, die zu einem Sinnverlust führen, seien daher zwar schmerzhaft, könnten sich aber, wenn man sich ihnen stellt, langfristig auch positiv auswirken.
Viele haben einen Kündigungswunsch
Schnell konnte auch in einer Studie zeigen, dass die Corona-Pandemie das Sinnerleben verändert hat. Sie hatte während des ersten Lockdowns begonnen, Menschen in Österreich und Deutschland zu befragen. Das Sinnerleben sei in dieser Zeit nicht beeinträchtigt gewesen, sagt sie. Wohl aber, als sie die Befragung nach dem Lockdown weiterführte.
„In dieser Phase gab es viel Ungewissheit, in der es weitere, aber oft nicht einheitliche Maßnahmen gab und nicht klar war, wie es weitergehen würde. Hier sahen wir nun vermehrte Sinnkrisen.“ Später hatten sich die Werte wieder eingependelt – genauso viele Menschen wie vor Beginn der Pandemie gaben an, Sinnkrisen zu erleben.
Allerdings gab es inzwischen weniger Menschen, denen die Sinnfrage egal war. Für Schnell zeigen diese Schwankungen, dass Menschen einen Prozess durchgemacht und ihr Leben neu gedacht haben.
Erwartungen an die Arbeit haben sich geändert
Das Hinterfragen könne am Arbeitsplatz anfangen. „In Lockdown und Homeoffice-Zeiten hatten die Menschen oft mehr Gelegenheit, sich Gedanken zu machen: Warum arbeite ich überhaupt und für wen? Das habe viele dazu gebracht, über einen Arbeitsplatzwechsel nachzudenken.“ Anders als in den USA gebe es zwar in Deutschland bisher keine Kündigungswelle, sagt Schnell: „Aber einen Kündigungswunsch haben sehr viele.“
Die Erwartungen, die Beschäftigte sich von ihrer Arbeit versprechen, hätten sich verändert: weg von Status und Reichtum hin zu sozialer Verantwortung und Autonomie. Schnells Einschätzung wird auch durch eine Umfrage im Auftrag der Personalmarketing-Agentur Königsteiner Gruppe bestätigt. Darin gaben Ende 2020 rund 28 Prozent der befragten Beschäftigten an, dass sie nun stärker an einer sinnstiftenden Arbeit interessiert seien, als vor der Krise.
Auch private Vorstellungen haben sich gewandelt
Die Sinnsuche nach Corona kann sich natürlich auch auf das Private erstrecken. Aber wie kann man Klarheit gewinnen, wenn sich das Gefühl einstellt, dass einen das eigene Leben bisher nicht ausfüllt und zufrieden macht? Aus ihrer Forschung weiß Schnell, unter welchen Umständen Menschen ihr Leben am ehesten als sinnvoll empfinden.
„Sinnstiftend ist die Erfahrung, dass das eigene Handeln Konsequenzen hat, man spricht hierbei auch von Selbstwirksamkeit. Umgekehrt ist es sinnzerstörend, wenn mein Handeln keine Auswirkungen hat und ich das Gefühl habe, keiner nimmt mich wahr, sei das in der Gesellschaft, bei der Arbeit oder in einer Beziehung.“
Sinnerfüllung bedeute auch, sich als zugehörig zu erleben. Dieses Gefühl werde gestärkt, wenn wir mehrere Rollen einnehmen: Uns also nicht ausschließlich über die Rolle als Partner, Elternteil, im Freundeskreis oder Beruf definieren, sondern in mehreren verschiedenen Bereichen.
Gewissheit über die eigenen Werte und Vorstellungen haben
Um Sinnerfüllung zu erleben, sollte man zudem möglichst Gewissheit über die eigenen Werte und Vorstellungen haben: Wo will ich hin, was glaube ich eigentlich? „Viele sind da tatsächlich indifferent: Sie wissen es nicht oder haben sich noch nie ernsthaft damit auseinandergesetzt“, sagt Schnell.
Außerdem von Bedeutung ist das, was Psychologen als Kohärenz bezeichnen: Das eigene Handeln und Tun sollten mit den persönlichen Werten und Zielen übereinstimmen. Auf der Internetseite sinnforschung.org bietet Schnell kostenlos einen Fragenkatalog zur Sinnsuche an, den sie in ähnlicher Form auch für ihre Studien verwendet. Es sind Fragen, um sich selbst besser kennenzulernen: Wie stelle ich mir meinen Tod vor oder was ist für mich ein guter Mensch und warum? Wenn Sie am Ende Ihres Lebens zurückblicken werden: Was für ein Mensch wollen Sie gewesen sein?
Wer sich intensiv damit auseinandersetzt, erkennt schließlich besser, was seine eigenen Vorstellungen, Werte und Stärken sind. „Wenn ich weiß, was mir wichtig ist, worin ich gut bin, kann ich in einem nächsten Schritt versuchen, mich damit sinnstiftend in der Gemeinschaft einzubringen.
Selbstverwirklichung wird überschätzt
Wenn ich zum Beispiel gut musizieren kann, kann ich alten Menschen in einem Seniorenheim etwas vorspielen oder mit Flüchtlingskindern singen. Wer gut im Organisieren ist, kann sich damit für den Klimaschutz einsetzen.“
Als starker Sinngeber im Leben empfunden werde nämlich die sogenannte Selbstüberschreitung: Das bedeutet, so zu handeln, dass andere Menschen und die Gemeinschaft einen Nutzen davon haben – also auch Menschen, die man gar nicht oder kaum kennt. „Es ist nicht das Gleiche, wie wenn ich mich nur für mich und meine nächsten Angehörigen oder Freunde einsetze“, sagt Schnell.
Selbstverwirklichung hingegen, also das reine Ausleben der eigenen Interessen, wird womöglich überschätzt, wenn es um die Sinnfindung im Leben geht, darauf deuten die Erkenntnisse von Schnells Forschung hin. Wer sich nur um sich selbst dreht, dem wird es schwer fallen, seinen Alltag als sinnstiftend zu empfinden. „Wir nehmen unser Leben vor allem immer dann als sinnvoll wahr, wenn wir das Gefühl haben, zu einem großen Ganzen beizutragen.“ (rnd)



