Abo

Viele InteressenWarum Scanner­persönlichkeiten oft untergehen in der Gesellschaft

5 min
Neuer Inhalt

Scannerpersönlichkeiten sind wissbegierig.

  1. Schon in der Schule lernen wir, dass wir uns für einen Beruf entscheiden und in einer Tätigkeit spezialisieren müssen.
  2. Mit ihren vielen Interessen gehen sogenannte Scanner­persönlichkeiten deshalb häufig in der Gesellschaft unter.
  3. Jacqueline Knopp, selbst eine Scannerpersönlichkeit, hat ein Buch darüber geschrieben. Sie kennt die Herausforderungen von Multitalenten in der Arbeitswelt.

Sie arbeitet freiberuflich als Autorin, Dozentin und Coach, hat einen eigenen Podcast, schreibt Blogartikel, ist auf Instagram aktiv, betreut ihre eigene Community, gibt Fortbildungen für Dozentinnen und Dozenten an der Volkshochschule, unterrichtet Politik, Französisch und Werte und Normen, hat erst vor Kurzem ein eigenes Buch geschrieben und engagiert sich ehrenamtlich im Bereich Nachhaltigkeit. Nein, der Tag von Jacqueline Knopp hat nicht etwa mehr Stunden als unserer, die 30‑Jährige zählt sich zu den sogenannten Scannerpersönlichkeiten.

Vielseitig interessierte Menschen wie Jacqueline Knopp sind überaus wissbegierig und neugierig auf unterschiedlichste Themen, die oft in keinem Zusammenhang zueinander stehen. Sie sprühen vor Ideen und stürzen sich euphorisch in neue Projekte, verlieren jedoch häufig schnell die Lust daran und können sich nicht vorstellen, ihr ganzes Leben lang nur eine einzige Sache zu machen. Statt sich auf eine ihrer vielen Interessen zu spezialisieren, leben Scannerpersönlichkeiten lieber viele Leidenschaften parallel aus.

Geprägt wurde der Begriff „Scannerpersönlichkeit“ Ende der 1970er-Jahre von der amerikanischen Karriereberaterin und Autorin Barbara Sher. Sie beschäftigte sich mit den Themen Zielfindung und Motivation und stieß dabei vor allem auf Menschen, die gern neue Dinge „scannten“ und Schwierigkeiten damit hatten, sich auf eine Sache zu fokussieren. Das Gegenstück zur Scannerpersönlichkeit nennt Sher einen „Taucher“. Dieser Persönlichkeitstyp taucht tief in ein einzelnes Fachgebiet ein. Auch Taucher haben andere Interessen, doch lassen sie keines davon an ihre wahre Leidenschaft herankommen.

Autorin und Buch

Die Autorin Jacqueline Knopp aus Weyhe gibt Multitalenten in ihrem Buch „Ich kann viel und das ist gut so!“ Tipps, wie sie sich in unserer Gesellschaft beruflich orientieren können.

Jacqueline Knopp; „Ich kann viel und das ist gut so", Remote-Verlag, 112 Seiten, ISBN: 979-8648924840, 16,99 Euro.

Die Bestsellerautorin Barbara Sher vergleicht die Welt von Scannerpersönlichkeiten in ihrem Buch „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ mit einem riesigen Süßigkeitenladen voller Verlockungen. Am liebsten, so schreibt Sher, würden Scannerpersönlichkeiten mit beiden Händen zugreifen und sich ihre Taschen vollstopfen. Doch weil sie glauben, nur von einer Süßigkeit naschen zu dürfen, seien Scannerpersönlichkeiten permanent unzufrieden.

Scanner empfinden sich oft als nicht normalIn einem Staat wie Deutschland, der laut einer Erhebung des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Jahr 2020 das vierthöchste Bruttoinlandsprodukt der Welt und das höchste Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union erwirtschaftet hat, haben es Menschen mit vielen verschiedenen beruflichen Interessen nicht leicht. Denn eine leistungsstarke Gesellschaft funktioniere am effektivsten, wenn die Aufgaben klar verteilt und die einzelnen Bereiche von Expertinnen und Experten übernommen würden, sagt Jacqueline Knopp.

In jungen Jahren geht es den meisten Scannerpersönlichkeiten gut. Aber spätestens wenn in den höheren Klassen erste Entscheidungen anstehen, wird es für vielseitig interessierte Menschen problematisch.

Leistungskurse, Berufswahl, Karriereleiter: Schon früh wird uns beigebracht, dass wir uns im Berufsleben entscheiden und spezialisieren müssen. Je besser wir eine Dienstleistung ausführen, desto mehr Erfolg wird uns versprochen. Je länger wir in einem Unternehmen arbeiten, desto mehr Anerkennung wird uns zuteil.

Doch Scannerpersönlichkeiten sind Generalisten. Sie können nur schwer mit Stillstand und Routine umgehen, sie legen sich ungern fest, fühlen sich mit langfristigen Plänen unwohl und streben nach neuen Projekten, sobald es für sie nichts Neues mehr zu lernen gibt. Deshalb werden Multitalente in unserer Gesellschaft oft als chaotische, sprunghafte Persönlichkeiten wahrgenommen und fühlen sich in der heutigen Arbeitswelt häufig als Außenseiter.

Die ständige Suche nach dem richtigen Beruf

Das Gefühl, nicht in diese Gesellschaft zu passen, kennt auch Jacqueline Knopp. Als sie nach dem Schulabschluss vor der Frage steht, welchen Beruf sie erlernen möchte, ist sie schlichtweg überfordert. Wie so viele Scannerpersönlichkeiten hat sie große Schwierigkeiten damit, berufliche Entscheidungen zu treffen. Denn jede Entscheidung für eine Sache bedeutet im Umkehrschluss, dass sie etwas anderes nicht machen kann.

Die große Orientierungslosigkeit von Scannerpersönlichkeiten führt oft dazu, dass sie mehrere Ausbildungswege einschlagen, häufig auf eigenen Wunsch ihre Arbeitsstellen wechseln und ständig auf der Suche nach ihrer wahren Berufung sind. Nicht selten lösen die nicht enden wollende Überforderung, das ständige Gefühl, fehl am Platz zu sein, und der anhaltende Druck, sich für eine Sache entscheiden zu müssen, bei Scannerpersönlichkeiten lähmende Ängste aus. Aus Angst zu scheitern oder etwas anderes zu verpassen, stellen viele Multitalente ihre eigenen Bedürfnisse zurück und passen sich den Erwartungen und Lebensentwürfen der großen Mehrheit unserer Gesellschaft an. Sie verhungern in dem riesigen Süßigkeitenladen, den Barbara Sher in ihrem Buch beschreibt.

Viele Interessen bringen auch viele Vorteile

Gibt es in unserer Gesellschaft überhaupt Platz für Scannerpersönlichkeiten? Jacqueline Knopp beantwortet diese Frage ohne zu zögern mit Ja. Sie habe ihre vielen Interessen nie verteufelt, sondern früh erkannt, dass ihre Scannerpersönlichkeit ihr auch Vorteile bringe. Wichtig sei es, die eigene Persönlichkeit zu akzeptieren und sich von negativen Glaubenssätzen, von Selbstvorwürfen und von den äußeren Erwartungen zu befreien, sagt Knopp.

Statt eine Entscheidung zu treffen und sich zu spezialisieren, schreibt sich Jacqueline Knopp kurzerhand in interdisziplinäre Studiengänge ein, die mehrere Fächer miteinander kombinieren. (Der Plural „Studiengänge“ ist kein Tippfehler: Knopp hat bis heute drei unterschiedliche Bachelorstudiengänge und ein weiteres Grundstudium abgeschlossen.)

Außerdem sucht sie sich gezielt Berufe aus, die unterschiedliche Aufgabengebiete vereinen und mehrere Fähigkeiten erfordern. Heute lebt die 30‑Jährige ihre vielen Interessen und Begabungen in unterschiedlichsten Projekten aus und hilft Scannerpersönlichkeiten u. a. mit ihrem Buch dabei, sich ebenfalls in dem riesigen Süßigkeitenladen voller Verlockungen zurechtzufinden.