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Kölner AnmeldeverfahrenJedes fünfte Kind geht an Wunsch-Gesamtschule leer aus

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Eine Lehrerin schreibt im Mathematikunterricht einer achten Klasse an einer Integrierten Gesamtschule an eine Schultafel.

Eine Lehrerin schreibt im Mathematikunterricht einer achten Klasse an einer Integrierten Gesamtschule an eine Schultafel.

In der ersten Anmelderunde erhalten 667 Mädchen und Jungen keinen Platz. Die Nachfrage übersteigt erneut deutlich die Kapazitäten.

In Köln haben viele Familien Post bekommen, die sie enttäuscht haben dürfte: Wie die Stadt mitteilte, erhalten 667 Kinder in der ersten Runde des Anmeldeverfahrens keinen Platz an ihrer gewünschten Gesamtschule. Damit reichen die verfügbaren Kapazitäten erneut an vielen Standorten in Köln nicht aus: Jedes fünfte Kind geht an seiner Wunschschule leer aus.

Insgesamt stellt die Kommune an den 19 städtischen Gesamtschulen 2808 Plätze für die im Sommer zu bildenden fünften Klassen zur Verfügung. Bei der Stadt gingen 3265 Anmeldungen ein, die zu 2598 Aufnahmen führten. Im vergangenen Schuljahr 2025/2026 war die Zahl der Ablehnungen in der ersten Runde ähnlich hoch. An den Gesamtschulen wurden mehr als 3100 Kinder angemeldet, davon erhielten 2470 einen Platz an der gewünschten Einrichtung, 676 erhielten keinen Platz. Im Jahr zuvor hatten 577 Kinder das Nachsehen.

Gesamtschulen werden immer beliebter

Gesamtschulen sind in den vergangenen Jahren immer beliebter bei Eltern und Schülerinnen und Schülern geworden. Lernten im Schuljahr 2015/2016 rund 13.000 Kinder und Jugendliche an Kölner Gesamtschulen, waren es im Schuljahr 2024/2025 bereits gut 18.700. Neuere Zahlen kann die Stadt nicht nennen.

An welchen Schulen es Überhänge und freie Kapazitäten gibt, konnte die Stadt auf Anfrage ebenfalls nicht mitteilen. Im Vorjahr hatte es hier große Differenzen gegeben. Während einige Schulen mehr Anfragen als freie Plätze verzeichneten, waren an anderen Gesamtschulen Plätze frei geblieben. Auffällig war das Gefälle zwischen den Stadtbezirken: So mussten die Gesamtschulen im Rechtsrheinischen meist mit einem Anfrageansturm fertig werden, während im Kölner Westen und Süden Plätze unbesetzt blieben.

Visualisierung des zur Gesamtschule umgebauten Kalker Odysseums in der Corintostraße.

Visualisierung des zur Gesamtschule umgebauten Kalker Odysseums in der Corintostraße.

Die Stadt argumentiert, dass sie zahlreiche Plätze an Gesamtschulen im Rechtsrheinischen geschaffen habe. „Insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren im Rechtsrheinischen zwölf Züge (324 Plätze für Schulneulinge) an städtischen Schulen und vier Züge (108 Plätze in den Eingangsklassen) an der Erzbischöflichen Gesamtschule entstanden“, schreibt ein Stadtsprecher auf Anfrage. Im laufenden Schuljahr sei die neue Gesamtschule Kalk am Interimsstandort Brügelmannstraße eröffnet worden. Sie ziehe nach drei Jahren in das für Schulzwecke umgebaute, angemietete Gebäude des ehemaligen Odysseums. Zum Schuljahr 2024/2025 habe die Gesamtschule des Erzbistums Köln im Bildungscampus Kalk mit vier Zügen in der Sekundarstufe I ihren Betrieb aufgenommen.

Der schulpolitische Sprecher der SPD, Oliver Seeck, kritisiert die fehlenden Gesamtschulplätze. „Eltern und Kinder wollen an die Gesamtschulen. Die Mütter und Väter stimmen mit den Füßen ab.“ Dramatisch sei, dass zahlreiche Kinder, die jetzt nicht an ihrer Wunschschule angenommen worden seien, womöglich gar keinen Platz an einer Gesamtschule erhielten. „Das ist ja rechnerisch gar nicht möglich. Die verlieren nicht nur den Platz an der Wunschschule, sondern den Platz an der Wunschschulform.“

Eltern und Kinder wollen an die Gesamtschulen. Die Mütter und Väter stimmen mit den Füßen ab
Oliver Seeck, schulpolitische Sprecher der SPD

Wie kommt man aus der Mangelverwaltung wieder heraus? Seeck zufolge müsste man mehr Hauptschulen in Gesamtschulen umwandeln. In Hauptschulen stünden Hunderte Plätze frei, während in Gesamtschulen Hunderte Plätze fehlten. Allerdings müsse man Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler bei diesem Prozess mitnehmen. Die SPD hatte zuletzt 2025 auf die Umwandlung der Kurt-Tucholsky-Hauptschule in Neubrück gedrungen. Ein entsprechender Antrag war aber an Grünen und CDU gescheitert.

Gesamtschulplätze sind und bleiben Mangelware, einen zu bekommen, ist und bleibt Glückssache
Olaf Wittrock, Initiative Die Abgelehnten

Olaf Wittrock von der Initiative Die Abgelehnten wundert das Defizit an Plätzen nicht. „Gesamtschulplätze sind und bleiben Mangelware, einen zu bekommen, ist und bleibt Glückssache. Das ist eine Katastrophe, die nicht hinnehmbar ist. Wir müssen massiv neue Schulplätze schaffen.“ Dass die Stadt neue Plätze in der Vergangenheit eingerichtet habe, sei zwar richtig, aber zum Teil in Stadtteilen, in denen die Nachfrage gar nicht so hoch sei. Auch Wittrock plädierte dafür, Hauptschulen in Gesamtschulen zu überführen. „Man muss oder müsste also schon anerkennen, dass derzeit nur eine Schulform massiv Zulauf hat - nämlich die Gesamtschule.“

Bärbel Hölzing, schulpolitische Sprecherin der Grünen, räumt den Mangel an Gesamtschulplätzen ein, hofft aber, dass in der zweiten und dritten Runde noch jedes Kind einen Platz erhalten kann. Obwohl es nicht vorgesehen sei, gebe es nach wie vor Mehrfachanmeldungen und Eltern, die sich schließlich für eine andere Schulform entschieden. „Alle Kinder werden auf die Schulform ihrer Wahl kommen, wenn auch nicht auf ihre Wunschschule.“

In der ersten Runde des Anmeldeverfahrens für die Gesamtschulen konnten Eltern die Unterlagen für ihre Kinder vom 6. bis zum 11. Februar einreichen. Das Anmeldeverfahren für Gymnasien, Haupt-, Real- und Förderschulen folgt vom 23. bis 27. Februar. Gesamtschulen, die noch freie Plätze haben, nehmen in diesem Zeitraum ebenfalls noch Anmeldungen entgegen.

Eltern, die ihre Kinder in der ersten Runde an einer Gesamtschule anmelden wollten, aber keinen Platz erhalten haben, können die Mädchen und Jungen auch an einer anderen Schulform anmelden. Die Bescheide dieser Anmelderunde sollen am 19. März verschickt werden. Wer dann noch keinen Platz hat, kann sich in einer dritten Runde vom 23. bis 26. März bewerben.