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Der 1. FC Köln sucht nach RuheKwasnioks Herausforderung

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FC-Trainer Lukas Kwasniok am Samstag in der Heidenheimer Voith-Arena

FC-Trainer Lukas Kwasniok am Samstag in der Heidenheimer Voith-Arena 

Nach sportlich enttäuschenden Wochen hat der FC-Trainer Signale gesetzt; seine Entscheidungen haben eine Eskalation ausgelöst, die bis in die Kurve reichte. Der Klub bleibt loyal und stellt sich hinter den Coach

Am Montag begann für die Profis des 1. FC Köln die kurze Vorbereitung auf die Partie gegen den FC Bayern (Mittwoch, 20.30 Uhr, Rhein-Energie-Stadion/Sky und RTL). Sportlich ist es das Spiel mit dem wohl geringsten Erwartungsdruck der Saison. Atmosphärisch ist es nach dem emotional schwierigen Start ins neue Jahr dennoch enorm aufgeladen. Schon am Morgen gab es im Geißbockheim Gespräche, um die Verwerfungen einzuordnen, die den Klub seit dem Wochenende belasten. Der FC hofft auf ein bisschen Frieden.

Am Samstag beim 2:2 in Heidenheim hatte die einflussreiche Ultra-Gruppe „Wilde Horde“ nach dem Schlusspfiff ein Banner gezeigt, auf dem sie sich von Trainer Lukas Kwasniok distanzierte. Offenbar als Reaktion auf dessen Umgang mit Teilen der Mannschaft. Eine öffentliche Eskalation, die ihren Ausgang in der Kölner Kabine genommen hatte und den Verein in einer heiklen sportlichen Phase traf.

Im Trainingslager in Spanien hatte der Coach nach zwei Einheiten seiner Mannschaft in drastischen Worten mitgeteilt, dass er eine veränderte Arbeitsmoral wünsche. Der Ton brüskierte mehrere Spieler. Ein weiteres Signal sendete Kwasniok, als er seinen Kader für die Partie in Heidenheim benannte und die prominenten Spieler Luca Waldschmidt und Florian Kainz außen vor ließ. Die Entscheidung entfaltete auch deshalb große Wirkung, weil die Spieler auf eigene Faust von Valencia aus mit Umstieg in Barcelona nach Hause reisen mussten, während ihre Kollegen nach Memmingen zum Spielort reisten. Die Entscheidung hallte nach, ihre emotionale Reichweite hatte der Trainer wohl unterschätzt.

Allerdings hatte Kwasniok später zu seiner Kadergestaltung gestanden. „Wenn besser möglich ist, ist gut nicht gut genug“, sagte er noch in Heidenheim zu seinen Beweggründen. Kwasniok mag derartige Sinnsprüche, er setzt sie regelmäßig ein. Die Frage ist, ob er mit solchen Aussagen bewusst in Kauf nimmt, die Gräben zwischen sich und einzelnen Spielern weiter zu vertiefen. Nach sechs Spielen ohne Sieg und mutlosen Auftritten vor Weihnachten wollte der 44-Jährige offenbar Signale setzen, um die Leistung zu erhöhen. Im Zuge dessen war er offenbar nicht bereit, sportliche Rolle und persönliche Stellung der betroffenen Spieler klarer voneinander zu trennen. Rücksicht auf die Geschichte und die Befindlichkeiten etwa seines dienstältesten Spielers Florian Kainz, des ehemaligen Kapitäns der Mannschaft, sah er nicht angezeigt. Es ging um eine klare Kante, denn Verschleppung ist nichts, womit Kwasniok arbeiten kann.

Wenn besser möglich ist, ist gut nicht gut genug
FC-Trainer Lukas Kwasniok am Samstag in Heidenheim

Die Machtverhältnisse in seiner Mannschaft, die Loyalitäten auch seiner Person gegenüber – mit seiner Zuspitzung erhielt Kwasniok gleich mehrere Antworten. Dass er dafür jedoch Spieler öffentlich demütigte, verschärfte die Situation. Mit ein paar beleidigten Profis hatte er gerechnet, mehrfach hatte Kwasniok beschrieben, dass in einem Bundesligakader stets mehr Spieler unzufrieden seien als zufrieden, weil immer nur elf in der Startelf stehen können und von denen in der Regel auch noch mehrere früh ausgewechselt werden. Dass sich der Unmut jedoch auch öffentlich entlud und von Teilen der Fans aufgegriffen wurde, dürfte in dieser Heftigkeit nicht einkalkuliert gewesen sein.

Sein Vorgehen sei eine Entscheidung für die Jugend gewesen, erklärte Kwasniok, und tatsächlich sind meinungsstarke, aber leistungsschwache Führungsspieler systemisch gefährlich. Der Trainer wollte mehr Bewegung in seiner Gruppe. Die hat er nach gleich drei Bundesliga-Debüts am Samstag (Schenten, Niang, Simpson-Pusey) bekommen. „Sie rütteln jetzt an den Jungs, die in der Vergangenheit gute Leistungen für den FC gebracht haben. Jetzt gibt es Duelle – und ich freue mich darauf“, sagte der Trainer.

Der Vorstand des 1. FC Köln suchte zum Wochenbeginn den Austausch mit den Fans.

Der Vorstand des 1. FC Köln suchte zum Wochenbeginn den Austausch mit den Fans.

Doch wo verläuft die Grenze zwischen leistungsbezogener Führung und persönlich verletzender Machtausübung? Die Zuspitzung nahm Kwasniok erkennbar in Kauf – ob es ihm nun gelingt, die Lage wieder zu beruhigen, ist offen. Die Partie gegen die Bayern gilt zwar als die leichteste des Jahres, denn gegen den Rekordmeister, zumal nach dessen 8:1 am Wochenende über Wolfsburg, ist eine Niederlage einkalkuliert. Ein sportlicher Erfolg aber würde Kwasniok in dieser Lage jedoch enorm helfen, denn andernfalls drohte je nach Ergebnis eine Eskalationsspirale – und mittelfristig der Vertrauensverlust auch jener Spieler, die ihm bislang noch folgen.

Vorstand und Sportchef stützen Entscheidungen des Trainers

Am Montag gab es dazu Diskussionen im Geißbockheim, an denen auch der Vorstand sowie Sportchef Thomas Kessler beteiligt waren. Intern sieht man Kwasniok auf der Sachebene im Recht, der Klub stützt den Trainer. Ein Kreuzfeuer aus Fans und Vereinsführung, dem Kwasniok ausgesetzt wäre, existiert demnach offensichtlich nicht. Und auch die Fans scheinen nach der Eskalation des Wochenendes vorerst keine neue Eskalation anzustreben. Weitere Banner, so war zu hören, seien nicht geplant. Der Druck ist damit vorläufig aus dem System genommen, der Konkurrenzkampf neu ausgerufen, die Verhältnisse in der Kabine geklärt. Doch Verletzungen bleiben bestehen. Und während Kwasniok mit seinen jüngsten Entscheidungen und Herausforderungen kurzfristige Ziele erreicht haben mag, wird es langfristig darauf ankommen, neben der Sachebene auch an der Form zu arbeiten. Andernfalls droht angesichts der Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg mit jedem weiteren Spiel ohne Sieg die nächste Eskalation.