Der FC hat sich unter Trainer René Wagner vor allem ergebnistechnisch stabilisiert und den Klassenerhalt in der eigenen Hand, doch spielerisch sind keine Fortschritte erkennbar.
„Da müssen wir ehrlich sein“1. FC Köln zwischen Rettung und fehlender Entwicklung

FC-Verteidiger Sebastian Sebulonsen (l.) im Duell mit Paulis Mathias Pereira Lage
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Rückschritt am Millerntor im spielerischen Bereich, Fortschritt im Abstiegskampf: Der 1. FC Köln bewegt sich weiter zwischen ergebnistechnischer Stabilisierung und weiterhin offenen Fragen im eigenen Spiel.
Das 1:1 am Freitagabend beim FC St. Pauli war dafür ein Beispiel. Der FC nahm zwar einen wichtigen Punkt im engen Tabellenkeller mit und vermied einen Rückschlag im direkten Duell, blieb spielerisch aber erneut deutlich unter den eigenen Ansprüchen.
Thomas Kessler: „Müssen mit unserer Entwicklung sehr ehrlich umgehen“
Vor allem im Aufbau fehlte es an Ruhe und Klarheit, häufig wurden Angriffe früh abgebrochen oder über lange Bälle gelöst, ohne dass daraus nachhaltiger Druck entstand. „Wir haben zum wiederholten Mal ein Spiel nicht verloren“, sagte Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler nach der Partie, „aber wir müssen mit unserer spielerischen Entwicklung trotzdem sehr ehrlich umgehen.“
Vier Spieltage vor Schluss steht der FC damit bei 31 Punkten – fünf Zähler vor dem Relegationsplatz. Ein Polster, aber noch kein beruhigendes.
Dass der FC diesen Vorsprung hat, lag an einer Szene in der Schlussphase. Nach einem Foul von 1:0-Torschütze Karol Mets an Jakub Kamiński griff der Videoassistent ein, Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck entschied anschließend auf Strafstoß für Köln. Said El Mala nahm zunächst den Ball in die Hand, überließ ihn dann jedoch Luca Waldschmidt. „Im Strafraum wollte er nur kurz für Verwirrung sorgen, so dass der Torwart nicht weiß, wer den Elfer wirklich schießt“, erklärte Waldschmidt später. „Ein smarter Move.“ Waldschmidt selbst blieb in der entscheidenden Situation komplett fokussiert und verwandelte sicher zum Endstand (86.). „Ich bin ganz klar ran und habe gesagt: Das ist meine Ecke – keine Zeit für Experimente. Ich fühle mich immer sehr gut bei Elfmetern“, sagte Waldschmidt, „und wenn ich auf dem Platz stehe, nehme ich den auch.“ Trainer René Wagner sah die Szene entspannt: „Die Jungs regeln das auf dem Platz untereinander. Ich vertraue ihnen da komplett.“ Gleichzeitig betonte er den Zusammenhalt: „Da sieht man, die Jungs haben ein gutes Verhältnis.“
Einen Tag später zeigte sich noch einmal, wie wertvoll dieser Punkt tatsächlich war. Denn die Konkurrenz im Keller spielte dem FC diesmal keineswegs in die Karten. Den SV Werder Bremen, den der FC in der Woche davor noch mit 3:1 bezwungen und somit den ersten Erfolg nach acht sieglosen Partien gelandet hatte, gewann das Nordderby gegen den Hamburger SV mit 3:1. Zwar ist Werder nun wieder punktgleich mit dem FC, doch nun befindet sich auch der Mitaufsteiger von der Elbe mit ebenfalls 31 Punkten wieder im Schlamassel.
Union Berlin verlor bei der Premiere von Trainerin Marie-Louise Eta an der heimischen Alten Försterei mit 1:2 gegen Wolfsburg und befindet sich mit 32 Zählern und nach einer indiskutablen Rückrunde mittlerweile wieder in Abstiegsgefahr. Augsburg ist nach dem überraschenden 2:1-Sieg in Leverkusen wohl aller Abstiegssorgen ledig. Wolfsburg wiederum nutzte mit dem Dreier bei Union seine wohl letzte realistische Chance im Abstiegskampf, kommt nun auf 24 Punkte und hat nur noch zwei Zähler Rückstand auf St. Pauli auf dem Relegationsrang. Der Punkt der Kölner war auch in Anbetracht der anderen Ergebnisse überlebenswichtig und vor allem konnte der FC so den Kiez-Klub auf Distanz halten.
Der FC ist stabiler geworden, doch spielerisch überzeugt er nicht
Kessler ordnete die Partie entsprechend sachlich ein: „Es war ein sehr wichtiger Punkt für uns“, sagte er. „Wir müssen mit unserer Situation rational umgehen.“ Entscheidend sei, dass der FC erneut nicht verloren habe und den Abstand nach unten gehalten habe. Gleichzeitig blieb seine Bewertung der Leistung klar: „Das Spiel nach vorne war nicht ausreichend, da müssen wir ehrlich sein.“
Unter dem neuen Cheftrainer René Wagner zeigt sich insgesamt ein deutlich erkennbares Muster. Die Mannschaft ist stabiler geworden, wirkt kompakter und in sich geschlossener als noch in der Phase vor seiner Amtsübernahme. Rückstände haben weniger destruktive Wirkung, das Team bleibt häufiger im Spiel und zeigt mehr Stabilität, auch wenn es unter Druck gerät.
Gleichzeitig bleibt die spielerische Entwicklung hinter den Ergebnissen zurück. Der FC agiert stark ergebnisorientiert, der Fokus liegt auf Kompaktheit, Zweikämpfen und Absicherung. Im eigenen Ballbesitz fehlt es jedoch an klaren Mustern und wiederholbaren Abläufen. Häufig entstehen Offensivaktionen eher aus einzelnen Situationen heraus als aus strukturiertem Aufbau. Gerade gegen St. Pauli wurde deutlich, dass der FC im kontrollierten Spiel nach vorne kaum Fortschritte gemacht hat – und das trotz nahezu vollständiger personeller Optionen. Am Samstag teilten die Kölner allerdings mit, dass sich Ragnar Ache am Millerntor schwerer verletzt hat und für den Stürmer aufgrund einer Oberschenkel-Blessur die Saison wohl vorzeitig beendet ist.
Wagners Arbeit wird in erster Linie an der Punkteausbeute gemessen, aber auch daran, ob es ihm gelingt, die spielerische Entwicklung neben der Stabilisierung voranzutreiben. Vor den finalen vier Bundesliga-Spieltagen dieser Saison dürfen die Kölner Profis nun ein letztes Mal durchatmen. Der Trainer hat der Mannschaft ein verlängertes Wochenende gegönnt. Aus Hamburg durfte individuell abgereist werden, die Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen (Samstag, 15.30 Uhr) startet am Dienstag um 11 Uhr.
Auch der Spielplan spielt dabei eine Rolle: Es ist die längste Pause seit dem Trainerwechsel. In der Länderspielpause, als Wagner Lukas Kwasniok als Chefcoach abgelöst hatte, hatte er der Mannschaft lediglich ein freies Wochenende gewährt. Nun fällt die Pause bewusster aus – als Mischung aus mentaler Entlastung und Belastungssteuerung in der entscheidenden Saisonphase. Auch Kessler freute sich „total darauf, am Wochenende mal durchzuatmen“, blickte aber zugleich schon voraus: „Dann geht es gegen unseren geliebten Rivalen aus Leverkusen.“
Die Ausgangslage ist klar: Der FC steht über dem Strich, aber noch nicht sicher. Mit Leverkusen sowie den Auswärtsspielen bei Union Berlin und beim FC Bayern wartet ein anspruchsvolles Restprogramm, ein Heimsieg am vorletzten Spieltag gegen Schlusslicht Heidenheim ist fest eingeplant. Der FC hat die Rettung in der eigenen Hand – das ist eigentlich eine gute Ausgangssituation. Er muss sie nun auch nutzen.

