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Ragnar Aches GesamtkunstwerkEin Tor für den 1. FC Köln wie ein Gemälde

5 min
Der 1. FC Köln postete auf Instagram das Fallrückziehertor vo Rangnar Ache als Museumsstück.
"work of art"

Der 1. FC Köln postete auf Instagram das Fallrückziehertor vo Rangnar Ache als Museumsstück. 

Ragnar Aches sagenhafter Fallrückzieher-Treffer beim 2:2 des 1. FC Köln im Heimspiel gegen Hoffenheim entzückt nicht nur die eigenen Fans.

Es war die 15. Minute, in der Müngersdorf den Atem anhielt und ins Staunen geriet. Nach der perfekten Flanke von Said El Mala drehte sich Kölns Stürmer Ragnar Ache, sprang – und traf mit einem Fallrückzieher punktgenau den Winkel. Hoffenheims Nationaltorhüter Oliver Baumann streckte sich vergeblich. Sekundenlang herrschte Stille, dann explodierte das Stadion trotz eines tragischen Vorfalls zuvor: Fans sprangen auf, die Spieler rannten zur Eckfahne, Arme rotierend, Gesichter voller Unglauben. Das 1:0 für den FC im Heimspiel gegen Spitzenteam Hoffenheim (2:2) – an solch ein sagenhaften Treffer konnten sich die FC-Fans kaum noch erinnern.

Es war ein Tor wie ein Gemälde. Ein Gesamtkunstwerk. Vielleicht hätte die Stadionregie spontan eine andere Torhymne als das gewohnte „Trömmelche“ einspielen sollen, um der (S)Ache gerecht zu werden – zum Beispiel „Et jitt kei Wood, dat sage künnt, wat ich föhl...“ Oder: „Für die Iwigkeit.“ Alles wirkte wie eine perfekte Symbiose aus Technik, Timing und Emotionen. Cenk Özkacar, Zeuge an der Mittellinie, schlug ungläubig die Hände über den Kopf, ehe er zur jubelnden Traube um Ache lief. „Ich konnte es kaum glauben. Man sieht so etwas selten, und dann steht es plötzlich da. Einfach Wahnsinn.“

Unter der Woche kann er sich teilweise kaum bewegen – und dann haut er so ein Ding raus.
FC-Verteidiger Joel Schmied über den Kölner Kunstschützen Ragnar Ache

Ache selbst wirkte noch überrascht: „Ich habe nicht viel nachgedacht. Mein Körper hat reagiert, bevor ich es begriffen habe. Ich habe nach hinten geschaut, dachte: Wow, der fliegt gut, bin gelandet, habe das Stadion gehört – und der Ball war drin.“ Kölns Innenverteidiger Joel Schmied fügte später mit einem Schmunzeln an: „Unter der Woche kann er sich teilweise kaum bewegen – und dann haut er so ein Ding raus. Wir hatten kurz Angst, dass seine Schulter wieder rausgesprungen ist. Aber dann sah man, wie sicher er landet. Einfach unglaublich.“

Ache lachte darüber: „Wer hat gesagt, dass ich mich unter der Woche kaum bewegen kann? Natürlich spürst du im Training den Körper, aber in so einem Moment reagiert alles automatisch. Du handelst, denkst nicht.“ Der starke Mittelfeldspieler Tom Krauß ergänzte: „Du schaust erst auf ihn und hoffst, dass nichts passiert. Dann siehst du den Ball im Tor – und denkst nur: Wahnsinn. Sowas erlebt man selten.“

Wahl zum „Tor des Jahres“ bereits entschieden?

Auf der Bank des 1. FC Köln herrschte ein ebenso elektrisierendes Bild: Spieler sprangen auf, einige lagen sich in den Armen, andere schauten einfach ungläubig. Trainer Lukas Kwasniok sagte lachend: „Joel ist ein ganz astreiner Zeitgenosse mit sehr gutem Humor. Aber in solchen Momenten bleibt einem nur, staunend zuzusehen.“ Ernst fügte er hinzu: „Dass Ragnar so in der Luft lag, liegt daran, dass er seit Wochen extrem hart arbeitet. Er ist für uns nicht mehr wegzudenken.“ Seine Prophezeiung: „Es geht bei der Wahl zum Tor des Jahres nur noch um Platz 2.“ Auch Baumann konnte den Treffer nur anerkennen: „Es ist höchstwahrscheinlich das beste Gegentor, das ich jemals bekommen habe. Unglaublich, wie er getroffen hat.“ TV-Experte Didi Hamann kommentierte: „Live habe ich so etwas noch nie gesehen. Akrobatik – zehn von zehn. Das wird Tor des Jahres.“

Wer über Fallrückzieher spricht, denkt automatisch an FC-Legende Klaus Fischer, dessen Name untrennbar mit dieser spektakulären Technik verbunden ist. Sein Treffer am 16. November 1977 im Länderspiel gegen die Schweiz, der zum 4:1-Endstand führte, wurde nicht nur zum Tor des Jahres, sondern auch zum Tor des Jahrzehnts und Jahrhunderts gewählt. Unvergessen ist ebenfalls sein Fallrückzieher im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich. Fischer lobte Aches Treffer: „Ein wirklich tolles Tor. Timing, Technik, Mut – alles stimmte. Ragnar hat den Ball perfekt getroffen, sauber gelandet. Jeder Fallrückzieher ist riskant, aber hier passte alles. Hauptsache, der Ball ist drin“, sagte der 76-Jährige dem „Express.“

Ache selbst reflektierte: „Du spürst, wenn alles zusammenpasst. Heute war so ein Tag. Solche Chancen kommen selten. Manchmal läuft alles, manchmal gar nichts. Natürlich kann so etwas wehtun. Du musst dich fallen lassen und hoffen, dass alles klappt.“ Und fügte hinzu: „Ich habe die Flanke von Said gesehen, wusste, dass ich eine Chance habe. Dann ging alles so schnell. Ich springe, drehe mich, der Ball trifft genau den Winkel – mehr kann man nicht erwarten.“

Doch der Treffer konnte die Realität nicht ganz verschleiern: Der FC spielte zwar erneut beileibe nicht wie ein Abstiegskandidat, aber er belohnte sich ebenfalls mal wieder nicht für die enormen Aufwand wie gewünscht. Denn am Ende blieb es beim Remis nach weiteren Treffern von Özan Kabak (45.) und Andrej Kramaric (60.) sowie von FC-Ausnahmetalent Said El Mala (64.), der seine kleine Torflaute beendet hat und sein achtes Saisontor erzielte. „Drei Punkte wären schöner gewesen“, sagte Ache. „Aber wir müssen realistisch sein. Hoffenheim ist eine Mannschaft, die oben mitspielt. Ein Punkt ist okay, auch wenn mehr drin gewesen wäre.“

Die Situation des FC bleibt indes angespannt: Aus den letzten 14 Spielen holte der Klub lediglich zwei Siege. Das Tableau im Keller rückt enger zusammen. Dazu kommt: Der FC muss vorerst auf Jan Thielmann und Sebastian Sebulonsen verzichten. Beide Spieler erlitten am Samstag Muskelverletzungen. Die Kölner dürfen sich also nicht zu sicher fühlen. Die gefährliche Situation sollte die Sinne aller Beteiligten geschärft haben. Traumtor hin oder her.