Negativspirale, unzufriedene Spieler, Standpauken: Trainer Kwasniok muss aufpassen, dass er nicht Teile des Teams verliert. Viel hängt vom Start ab.
Vor Liga-NeustartEine prekäre Lage beim 1. FC Köln

Improvisierte Pressekonferenz des 1. FC Köln im Teamhotel in La Nucia mit Trainer Lukas Kwasniok und Pressesprecherin Lil Zercher
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Es war alles etwas improvisiert, als der 1. FC Köln am Donnerstagnachmittag im ungewohnten Ambiente an der Costa Blanca zur obligatorischen Pressekonferenz vor dem ersten Pflichtspiel in diesem Jahr bat, der Partie am Samstag (15.30 Uhr) beim 1. FC Heidenheim.
Trainer Lukas Kwasniok nahm vor der mitgebrachten Werbewand im Hotel Barcelo La Nucia Hills Platz, das dem Bundesliga-Aufsteigers seit vergangenem Freitag als Quartier dient. Ebenfalls anwesend war Co-Trainer Frank Kaspari, der in der letzten Reihe den Fragen der mitgereisten Journalisten und den Antworten seines Chefs lauschte.
Und man merkte sofort: Rund 1500 Kilometer Luftlinie entfernt von der Heimat und bei 17 Grad wärmeren Temperaturen als am Spielort Heidenheim war Kwasniok darauf aus, in der angespannten Situation seine Worte mit Bedacht zu wählen. Und bemüht, die teils von ihm selbst verursachten Wogen zu glätten und Zuversicht auszustrahlen.
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1. FC Köln spielt am Samstag gegen Heidenheim
Am Freitag fliegt der FC-Tross nach Deutschland zurück, allerdings nicht nach Köln. Nach dem Abschlusstraining geht es per Charter nach Memmingen, von dort aus wartet eine 100-Kilometer-Busfahrt auf den Bundesliga-Aufsteiger. Und tags darauf eine Aufgabe beim Tabellenvorletzten, die richtungsweisend für den FC ist. Für den Verlauf der Saison genauso wie für die fragile Stimmung.
Am Donnerstag wurde im Kölner Lager einiges gesprochen. Und noch mehr beschwichtigt. Doch eine Aneinanderreihung von Zitaten genügt nicht, um die Situation beim FC zu beschreiben. Kurzum: Die Lage ist enorm angespannt. Eine Ursache ist, dass der FC vor der kurzen Winterpause in sechs Spielen nur zwei Punkte geholt hatte. Mit der Ausbeute von 16 Punkten liegt man trotz der Talfahrt eigentlich noch gut im Rennen im Kampf um den Klassenerhalt, dem Hauptziel der Kölner.
Dennoch droht beim Aufsteiger einiges zu kippen. Aufgrund einiger Entwicklungen und Ereignisse braut sich etwas zusammen beim FC, der Klub hat sich in eine gefährliche Situation manövriert. Viel hängt nun vom Start in den zweiten Teil der Saison ab, von der Partie in Heidenheim und in der Woche darauf vom Duell mit Schlusslicht Mainz. Zwischendurch kommt am 14. Januar der FC Bayern nach Müngersdorf.
Am Sonntagabend hatte Trainer Lukas Kwasniok seinen Profis eine Standpauke gehalten und in seiner Ansprache deutliche Worte gefunden. Der Coach wollte nicht nur die Sinne der Spieler schärfen, sondern ihm missfiel gleich die Haltung der Mannschaft, er prangerte die Einstellung des Teams deutlich an – auch in den ersten Einheiten in Spanien. Und er richtete einen klaren Appell an die Spieler, dass sie im Bundesliga-Überlebenskampf einen Zahn zulegen müssten. Die Standpauke hatte der emotionale Trainer nicht spontan oder aus einer Laune heraus gehalten, sondern bewusst. Sie war mit den Verantwortlichen abgestimmt: Sportdirektor Thoma Kessler und der ebenfalls vor Ort weilende Vizepräsident Ulf Sobek waren eingeweiht.
Abgesprochene Standpauke, nicht aber der Gang an die Öffentlichkeit
Am Montag, nach dem Testspiel gegen Lugano (2:1), machte Kwasniok in seiner ihm eigenen Art den Vorfall selbst öffentlich. Das wiederum stieß bei seinen Vorgesetzten auf weniger Verständnis. „Ich habe darauf hingewiesen, worum es für den 1. FC Köln in der Bundesliga geht, nämlich den Klassenerhalt. Da gehört Gier dazu, Hingabe und Energiebereitschaft in jeder einzelnen Trainingseinheit“, sagte Kwasniok und beendete sein Plädoyer damit, dass vom Team intrinsisch viel mehr kommen müsse: „Ich will, dass sowas auch mal aus der Mannschaft kommt und nicht auf Ansagen des Trainers gehofft wird. Es sind erwachsene Menschen.“
Während mancher FC-Verantwortlicher entgegnet, dass die Zeit längst reif für diese klaren Worte gewesen sei und auf die Diskrepanz bei einigen Spielern zwischen Selbst- und realistischer Fremdwahrnehmung verwies, kamen bei anderen weder die Schelte noch Kwasnioks Schritt an die Öffentlichkeit gut an.
Klar ist: Mit Kwasnioks direkter, manchmal harschen und unberechenbarer Art und seinem bisweilen erratischen Verhalten, beispielsweise in personellen Entscheidungen, kommt nicht jeder Spieler zurecht.
Kapitän und Torwart Marvin Schwäbe allerdings schon. Man wisse, woran man beim Trainer sei. Die Art helfe, „weil Klarheit und Direktheit da sind“, sagte der 30-Jährige im Interview mit dieser Zeitung und lobte den Trainer auch für seine fachliche Arbeit. Man sehe dessen „Handschrift“, „viel Know-how“, den „klaren Matchplan“, den er der Mannschaft an die Hand gebe. Stürmer Luca Waldschmidt, der mal spielt, dann wieder nicht, haderte dagegen öffentlich mit Kwasnioks Entscheidungen. Diese seien manchmal „schwer zu greifen“, sagte der 29-Jährige dem „Express“, der mit seinen Einsatzzeiten offensichtlich unzufrieden ist. Wie auch Stürmer Ragnar Ache, der sich zwar nicht öffentlich äußerte, aber mitbekam, dass ihm in Spanien sogar Teenager-Stürmer Fynn Schenten (18) vorgezogen wurde.
Mehrere unzufriedene Spieler beim 1. FC Köln
Unzufriedene gibt es in jeder Mannschaft. Spieler, die nicht oder nur wenig zum Einsatz kommen, gehörten schon immer dazu. Was verwundert, ist die Vielzahl der Unzufriedenen. Und Kwasniok muss aufpassen, Teile der Kabine nicht zu verlieren. Einigen, auch etablierten Profis, so war zu erfahren, fehlen Rückendeckung und Vertrauen. Sie hadern mit den vielen Wechseln und wünschen sich einen klaren Stamm. Und sehen in den Ausbrüchen und Appellen des Trainers vielmehr ein Ablenkungsmanöver und das Verschieben von Verantwortung. Und so sind bei einigen unzufriedenen Spielern und ihrem Umfeld Abwanderungsgedanken zu vernehmen.
Es gibt frühere FC-Profis, die die Lage der Kölner sogar als bedrohlich einschätzen. Den FC-Verantwortlichen werden diese Wortmeldungen womöglich egal sein, für TV-Experten gehört bekanntlich auch immer Klappern zum Handwerk, aber einige haben immer noch ein gutes Ohr in den Verein. Den früheren FC-Torjäger Simon Terodde hat der Vorstoß von Kwasniok jedenfalls überrascht. „Normalerweise hört man wirklich in den letzten zehn, 20 Jahren jedes Mal: Die Vorbereitung ist super, alle sind topfit und geben Gas“, sagte Terodde im FC-Podcast von Sky und mutmaßte: „Vielleicht wollte der Trainer direkt mal wachrütteln, aber die Aussage hat mich ein Stück weit überrascht. Er hat direkt mal die Mannschaft in die Pflicht genommen. Sie ist natürlich dann auch in der Bringschuld.“
Ich glaube tatsächlich, dass der FC noch runterrutscht und möglicherweise bis zum Relegationsplatz durchgereicht wird, denn so eine Lawine ist manchmal schwer aufzuhalten
Ex-FC-Stürmer Patrick Helmes, ebenfalls für Sky tätig, stellte sogar eine düstere Kölner Prognose: „Ich glaube tatsächlich, dass der FC noch runterrutscht und möglicherweise bis zum Relegationsplatz durchgereicht wird, denn so eine Lawine ist manchmal schwer aufzuhalten und in Köln muss man sich bei so etwas richtig dagegenstemmen. Deshalb, glaube ich, wird das noch eine Überraschung im negativen Sinne.“
Seine Begründung: Mit Ausnahme von Toptalent Said El Mala sei nahezu kein Spieler „in der Spur“, viele würden zudem die Erwartungen nicht erfüllen. Trainer Kwasniok sieht er mitschuldig an der Situation: „Ich glaube, dass er auch seine Finger mit im Spiel hat, dass man gerade so einen Negativstrudel hat.“ Der einstige Nationalstürmer betonte die Bedeutung der Heidenheim-Partie und warnte: „Wenn du das verlierst, kommt dann zum ersten Mal der Druck dieser Stadt und dieses Klubs auf die Spieler zu, die das nicht kennen.“
Kwasniok will 1. FC Köln in der Bundesliga etablieren
Doch der FC muss die wichtige Begegnung in Heidenheim ja nicht verlieren. „Wir sind alle in der Bringschuld, unseren bestmöglichen Job zu machen“, sagte Sportchef Kessler am Donnerstag und nahm das Team, aber auch den Trainer in die Pflicht: „Unabhängig davon, was im Januar noch auf dem Transfermarkt passiert, sind wir von der Qualität der Truppe absolut zufrieden und haben die absolute Überzeugung, dass wir die Klasse mit dieser Mannschaft halten.“
Es ist ganz entscheidend und wichtig, dass wir uns weder von den positiven noch den negativen emotionalen Ausreißern im Umfeld treiben lassen
Kwasniok wiederum will sich nicht von seinem Weg abbringen lassen, beschwor lieber eine Wagenburgmentalität: „Es ist ganz entscheidend und wichtig, dass wir uns weder von den positiven noch den negativen emotionalen Ausreißern im Umfeld treiben lassen.“ Er betrachte die „Gesamtperfomance“ über einen langen Zeitraum, seine Aufgabe sei es, den „Tanker“ FC, den Verein, in der Bundesliga zu etablieren.
„Und da sind wir jetzt nach der Vorrunde auf einem sehr guten Weg. Ich glaube einfach, dass wir eine gute Ausgangssituation für die restlichen 19 Spiele haben – auch wenn es ein harter Kampf bis zum Schluss wird“, sagte der Trainer und verwies darauf, dass der FC in den vergangenen 32 Jahren nur dreimal einen einstelligen Tabellenplatz erreichte. „Wenn wir den elften Platz als Aufsteiger nicht zu schätzen und zu würdigen wissen, wird das hier ein dauerhaftes Problem sein“, befand Kwasniok. Sollte aber die kommende Woche für den FC eine schlechte werden, dann hätte auch Kwasniok eines. Und die Verantwortlichen womöglich sogar ein noch größeres.

