Der DFB-Aufsichtsratsvorsitzende Alexander Wehrle ist bei der WM in den USA. Der Ex-Kölner spricht im Interview über das DFB-Team, das Verhältnis zu den Fans und WM-Kommerz.
Trotz PleiteDFB-Aufsichtsratschef Wehrle sieht „sehr positive Stimmung“ im deutschen Lager

Alexander Wehrle beim WM-Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ecuador im MetLife Stadium in East Rutherford bei New York
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Nach zwei Siegen zum Auftakt gegen Außenseiter Curacao (7:1) und gegen die Elfenbeinküste (2:1) musste die deutsche Nationalmannschaft in der Nähe von New York einen Dämpfer verkraften: Beim 1:2 gegen Ecuador lieferte die DFB-Auswahl eine schwache Leistung, die Zweifel aufkommen lässt – zumal sich parallel die WM-Begeisterung in Deutschland schon neu entfacht hatte. Doch im Gespräch mit Alexander Wehrle (51), der in diesen Tagen in den USA vor Ort ist, wird schnell klar: Im deutschen Lager gibt man sich noch zuversichtlich.
Der DFB-Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, zuvor langjähriger Geschäftsführer des 1. FC Köln, hat trotz der Ecuador-Niederlage Vertrauen in die Mannschaft. Im Interview mit dieser Zeitung spricht Wehrle über das deutsche Team, das Scheitern von Vorgängern im DFB, die neue Stabilität des Verbandes und warum die Kommerzialisierung im deutschen Fußball klare Grenzen braucht.
Herr Wehrle, nach zwei Siegen zum Auftakt und gestiegener WM-Begeisterung verlor die deutsche Mannschaft jetzt mit 1:2 gegen Ecuador. Muss man sich schon Sorgen machen?
Alexander Wehrle: Das erste Spiel war sehr, sehr souverän. Und beim zweiten hat man die Moral der Mannschaft gesehen - dass sie bis zum Ende daran geglaubt hat, das Spiel zu gewinnen. Das ist für einen guten Turnierstart ungemein wichtig. Wir können sicher besser spielen als jetzt beim 1:2 gegen Ecuador, aber die Partie hat wichtige Erkenntnisse für das Sechzehntelfinale geliefert. Das wird ein wichtiger nächster Schritt.
Was nehmen Sie trotz des Rückschritts gegen Ecuador die Stimmung im deutschen Lager wahr, was traut sich die Mannschaft zu?
Ich nehme eine sehr positive Stimmung wahr – gepaart mit dem notwendigen Selbstbewusstsein, aber auch mit Fokussierung und Lockerheit. Das ist eine gute Kombination. Mit den Spielerpersönlichkeiten, die wir haben, sehe ich da eine Möglichkeit, im Turnier weit zu kommen. Wenn man allerdings schon im Achtelfinale gegen Frankreich spielen müsste, wäre das sicherlich eine sehr große Herausforderung.
Nach 2018 und 2022 lag der deutsche Fußball am Boden. Was hat sich gewandelt?
Die Wahrnehmung der Nationalmannschaft ist fundamental anders geworden – viel positiver. Das habe ich auch gespürt, gerade hier in New York – wenn man die vielen Menschen mit deutschen Trikots sieht – dass etwas zusammenwächst zwischen Fans und Mannschaft. Es ist eine ganz andere positive Grundstimmung als früher. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass man wieder näher zusammengerückt ist. Der DFB unternimmt sehr viel dafür – etwa das German House of Soccer, wo bis zu 800 Fans die Spiele zusammen anschauen können. Es ist eine Anlaufstelle für Deutsche Fans, aber auch eine internationale Begegnungsstätte. Hier wird deutsche Fußballkultur für Menschen aus der ganzen Welt erlebbar. Die Reaktionen, die wir erhalten sind überaus positiv.
Die Wahrnehmung der Nationalmannschaft ist fundamental anders geworden – viel positiver.
Rudi Völler als Bindeglied, das Trainerteam, die Spielerpersönlichkeiten – auch im Verband hat sich etwas geändert, oder?
Das ist richtig. Im Verband wurde es ruhiger. Das Zusammenspiel zwischen DFB und DFL unter Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke funktioniert sehr gut – ohne die Reibungen, die es davor gab. Kontinuität ist dafür essenziell. Man darf nicht vergessen: Früher betrug die Haltbarkeitszeit eines DFB-Präsidenten teilweise nur ein bis zwei Jahre.
Neuendorf ist über vier Jahre da, wurde wiedergewählt. Sie selbst sind seit April DFB-Aufsichtsratsvorsitzender – das wirkt fast normal. Ist es das auch?
Nein. Das ist ein großer Erfolg. Schauen Sie sich die Geschichte an: Niersbach, Grindel, Keller – kein einziger DFB-Präsident vor Neuendorf konnte seine volle Amtszeit erfüllen. Das war kein Zufall, das war ein System-Problem. Man kann einen Verband so nicht führen. Kontinuität ist alles. Dass wir das alles zur Ruhe gebracht haben und jetzt alles funktioniert, ist keine Kleinigkeit. Eigentlich sollte das die Normalität sein. Sie war es aber nicht. Dass wir das jetzt in den letzten Jahren zur Ruhe gebracht haben, ist bereits ein großer Erfolg.
Das German House of Soccer kostet viel Geld – 2000 Quadratmeter, hohe Mietkosten. Rechtfertigt sich das Engagement?
Definitiv. Ich war heute auf einer Veranstaltung dort – Fans, Partner, Sponsoren, aber offen für jeden. Es kostet keinen Eintritt. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen, Talkrunden, fast alle Spiele können angeschaut werden. Das ist wichtig, weil viele Fans Urlaub nehmen und viel Geld ausgeben, um mit der Nationalmannschaft zu reisen. Der Fanclub der Deutschen Nationalmannschaft hat allein 90.000 Einzelmitglieder, dazu kommen viele weitere Fanclubs – insgesamt sind weit über 100.000 organisiert. Das zeigt: Es gibt einen großen Zuspruch, eine große Unterstützung.
Wie erleben Sie die USA als Gastgeber und die Stimmung vor Ort?
Sehr ausgelassen. Ich bin durch New York gelaufen – ganz viele unterschiedliche Kulturen kommen mit unterschiedlichen Trikots zusammen, kommen ins Gespräch. Man sieht, welche Kraft der Fußball hat, über alle Kulturen und gesellschaftlichen Schichten hinweg. Am Ende verbindet dieses Ereignis viele Nationen. Hier in New York habe ich den Eindruck, dass die Weltmeisterschaft wirklich angekommen ist. Ob das auch an allen WM-Spielorten so ist, kann ich nicht beurteilen.
Das 48-Teams-Format ist umstritten. Was halten Sie davon?
Das kann man erst am Ende dieser WM final bewerten. Aber ehrlich: Ich bin positiv überrascht worden. Es wurde viel spekuliert, dass eine Zweiklassengesellschaft entsteht, dass die großen Teams die kleinen Verbände überrollen. Das ist so gut wie nicht passiert. Stattdessen war die Vorrunde fast wie das erste Pokal-Wochenende – voller Überraschungen. Das hat seinen Reiz. Andererseits: Wir erfahren erst Samstagabend, gegen wen wir Montag spielen. Das ist gewöhnungsbedürftig und wenig praktikabel.
Und konsequent weiterdenken - 64 Teams sind dann fast logisch?
Runterfahren werden wir nicht mehr. Die Diskussion wird kommen, ja. Darum ist es jetzt wichtig, am Ende dieser Weltmeisterschaft wirklich Bilanz zu ziehen und ehrlich zu bewerten: Was funktioniert, was nicht. Und dann gezielt anzupassen statt einfach zu expandieren um der Expansion willen.
Wenn es extrem ist, dann gibt es eine Trinkpause. Aber nicht verpflichtend für jedes Spiel. Das ist bei uns auch nicht geplant.
Die Trinkpausen sind neu und polarisieren – und auch die Sorge, dass das nach Deutschland schwappen könnte?
Medizinisch ist es völlig unstrittig sinnvoll, bei Hitze Trinkpausen einzuführen. Was mich irritiert: Man macht das teilweise auch in geschlossenen, runtergekühlten Stadien oder in Kanada bei völlig normalen Temperaturen. Aber man sollte das an die Temperaturen angleichen. Da muss man dann differenzieren zwischen echter medizinischer Notwendigkeit und Kommerz-Pausen. Die Bundesliga hat das richtig gemacht: Wenn es extrem ist, dann gibt es eine Pause. Aber nicht verpflichtend für jedes Spiel. Das ist bei uns auch nicht geplant.
Das Finale mit 30-Minuten-Halbzeit: Das ist die große Kommerzialisierungs-Offensive. Muss man damit bald auch in Europa und Deutschland rechnen?
Das ist auch sportwissenschaftlich zu bewerten. Was bedeutet so eine lange Pause für die Athleten? Für die Mannschaften? Das ist nicht nur eine Frage der Tradition. Beim DFB-Pokalfinale werden wir das nicht machen – da bin ich mir sicher. Die deutschen Fans würden das nicht mittragen. Wir sind gut beraten, da eine klare Linie zu fahren. Das Geschäftliche ist wichtig, keine Frage. Aber es muss proportional bleiben. Die Integrität des Spiels geht vor – vor allem im deutschen Fußball, wo Tradition und Werte besonders viel zählen.
Samstag spielt der Iran gegen Ägypten. Es ist ein hochemotionales Spiel im Zeichen von LGBTQ+-Rechten.
Ich finde es positiv, dass eine Weltmeisterschaft die Thematik aufgreift. In Seattle findet zu diesem Spieltag eine entsprechende Veranstaltung statt – man setzt ein Zeichen. Die Konstellation, dass zwei Nationen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gegeneinander spielen und die Thematik von Haus aus schwierig ist, ist natürlich dem Zufall geschuldet.
Abschließend: Ihr Verein, der VfB Stuttgart, stellt acht WM-Teilnehmer aus dem aktuellen Kader. Das war vor wenigen Jahren so nicht vorstellbar, oder?
Das ist eine gute Entwicklung des Klubs. Die Jungs haben sich das verdient – profitieren aber auch von der Gesamtstärke der Mannschaft. Ohne Champions League, ohne Pokalfinale wären es vielleicht nur halb so viele Nominierungen gewesen. So funktioniert Fußball.
