Der Solinger Kevin Kampl spricht über seine lange Karriere, das plötzliche Ende nach dem Tod seines Bruders und über Bayer 04 Leverkusen und den 1. FC Köln.
Abruptes Ende einer langen KarriereKevin Kampl: „Wenn ich daran denke, zerreißt es mich“

17. Januar 2026: Der Solinger Kevin Kampl wird vor dem Spiel seines Ex-Klubs RB Leipzig gegen den FC Bayern München offiziell verabschiedet.
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Kevin Kampl hat am 3. Januar 2026 seine langjährige Profikarriere beendet. Der plötzliche Tod seines Bruders Seki veränderte alles. In Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ spricht der 35‑Jährige, der unter anderem für Bayer 04 Leverkusen, Borussia Dortmund zuletzt RB Leipzig in insgesamt 400 Pflichtspielen auflief, offen über Trauer, Dankbarkeit, große Spiele, Feindseligkeiten im Fußball, verrückte Frisuren – und natürlich über die Vereine, die den Mittelfeldspieler geprägt haben.
Zudem blickt Kampl auch auf das Duell seines langjährigen Vereins RB Leipzig am Sonntag (15.30 Uhr) beim 1. FC Köln. Ein Interview auch über das Loslassen. Ein Gespräch zum Weinen und zum Lachen.
Herr Kampl, fast Ihr gesamtes Leben war durch Fußball strukturiert. Sie haben am 3. Januar Ihre Karriere abrupt beendet. Wie sind diese ersten Wochen ohne Training, Kabine, Spieltag?
Kevin Kampl: Es fühlt sich manchmal noch nicht real an. Du wachst auf und weißt nicht genau, wohin mit dir. Kein Trainingsplan, kein Ort, an dem du gebraucht wirst. Gleichzeitig ist da diese größere Nähe zur Familie. Ich bringe meine beiden Kinder zur Schule nach Köln, fahre sie zum Fußballtraining, sitze einfach da und höre zu. Das ist schön – aber es ersetzt nicht das, was mich mein Leben getragen hat. Fußball war nicht nur mein Beruf, Fußball war meine Identität und Leidenschaft.
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Fehlt Ihnen der Fußball also bereits?
Ich weiß, dass er mir fehlen wird. Im Moment noch nicht jeden Tag, weil mein Kopf mit anderen Dingen beschäftigt ist. Aber ich liebe Fußball. Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr nichts anderes gemacht. Das verschwindet nicht einfach.
Am 22. Oktober war Ihr Bruder Seki völlig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben. Warum war ein Weitermachen nicht möglich?
Weil ich mich selbst kenne. Wenn ich etwas mache, dann mit 100 Prozent. Und ich habe gemerkt: Die hatte ich nicht mehr. Mein Körper wäre vielleicht noch gegangen – aber mein Herz nicht. Ich hätte mich jeden Tag gefragt, ob ich den Jungs wirklich helfen kann. Und wenn du anfängst zu zweifeln, dann ist es besser, ehrlich zu dir selbst zu sein.
Gab es einen konkreten Moment, in dem Ihnen das klar wurde?
Ja. Wir saßen nach Wochen der Trauer am Esstisch. Meine Frau, die Kinder, ich. Mein Vater in Solingen ist seit Jahren sehr krank, meine Mutter leidet unfassbar. Und da habe ich gesagt: Ich bin zwar hier, aber innerlich ganz woanders. In diesem Moment wusste ich, dass es so nicht weitergehen kann.
Wie haben RB Leipzig und die Verantwortlichen reagiert?
Sehr menschlich. Ich habe unglaublich respektvolle Gespräche geführt. Niemand hat Druck gemacht. Ganz im Gegenteil. Das vergesse ich dem Verein nie. Noch am selben Tag haben wir angefangen, Umzugskartons zu packen. Nicht, weil wir Leipzig nicht geliebt hätten – sondern weil wir woanders gebraucht werden.
Das war der schlimmste Tag meines Lebens. Da bricht alles weg. Ich bin einfach zusammengeklappt. Es hat sich wie im Film angefühltIch
Welche Erinnerungen haben Sie an den 22. Oktober?
Das war der schlimmste Tag meines Lebens. Zehn Minuten vor dem Training in Leipzig kam der Anruf. Meine Schwägerin sagte, sie versuchen seit über einer Stunde, meinen Bruder zu reanimieren. Da bricht alles weg. Ich bin einfach zusammengeklappt. Und weiß nicht mehr alles. Wir sind mit den Kindern zum Flughafen, hatten noch Hoffnung, weil wir nichts gehört haben. Du sitzt im Flieger und betest. Und dann landest du, schaltest dein Handy ein – und liest diese Nachrichten. Dass er tot ist. Ins Krankenhaus zu gehen, ihn dort leblos zu sehen. Das fühlt sich an wie ein Film, in dem du selbst nicht mitspielen willst.
Ihr Bruder war weit mehr als ein Begleiter Ihrer Karriere, oder?
Ohne ihn gäbe es meine Karriere nicht. Er hat mich 15 Jahre lang jeden Tag zum Training nach Leverkusen gefahren. Nach der Arbeit. Bei Wind und Wetter. Er hat nie gefragt, was er dafür bekommt. Er wollte einfach, dass es mir gut geht. Wir waren wie beste Freunde und zehn Tage vor seinem Tod noch gemeinsam auf Mallorca. An meinem Geburtstag. Wenn ich heute daran denke, zerreißt es mich.
Was für ein Mensch war Seki?
Ein Mensch mit einem riesigen Herzen. Er hat jeden so genommen, wie er ist. Bei der Beerdigung waren über 400 Menschen da. Jeder hat dasselbe gesagt: Er war einfach gut. Hat dieser Verlust Ihren Blick auf den Fußball verändert? Total. Fußball war immer alles. Aber am Ende zählt die Familie. Deshalb war für uns klar: Solingen ist jetzt unser Zuhause. Hier müssen wir sein.

Rückkehr ins Rheinland: Kevin Kampl daheim in Solingen. Er zeigt eine Collage mit Stationen seiner langen Karriere, die ihn zum Laufbahnende sein langjähriger Berater und Freund Michael Ruhnau geschenkt hat.
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Trotzdem wollen Sie im Fußball bleiben.
Weil er ein Teil von mir ist. Ich brauche ihn. Aber nicht sofort. Ich will Abstand, Ruhe. Der Trainerschein steht ganz oben. Ich hatte das Glück, mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann, Roger Schmidt, Ralf Rangnick oder Jupp Heynckes zu arbeiten. Unfassbar tolle Trainer! Da nimmt man unglaublich viel mit.
Wenn Sie zurückblicken: 658 Profispiele, rund 400 auf höchstem Niveau für Leverkusen, Dortmund, Leipzig – was empfinden Sie?
Stolz. Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen, wir hatten es früher nicht leicht. Ich weiß, wie viele Jungs es nicht schaffen. Mir war es vergönnt – auch dank Ehrgeiz und harter Arbeit. Ich habe für absolute Top-Klubs gespielt, international, Titel gewonnen. Dafür bin ich dankbar.
Was war der größte Moment Ihrer Karriere?
Der erste Pokalsieg mit Leipzig. Der erste Titel der Klubgeschichte. Die Emotionen, die Nacht – das vergisst du nie. Aber auch Champions League Abende. Als Kind habe ich Champions League beim Nachbarn geschaut, dann stand ich selbst auf dem Platz.
Sie haben gegen Messi, Neymar, Mbappé gespielt. Wer war der beste?
Lionel Messi. Ganz klar. Der war von einem anderen Planeten. Ich habe einen Tunnel von ihm kassiert (lacht). Aber ich hatte auch so viele tolle Mitspieler, alleine zuletzt in Leipzig: Szoboszlai, Olmo, Upamecano, Nkunku.
28 Länderspiele für Slowenien, aber kein großes Turnier – schmerzt das?
Ja. Das fehlt. Aber mein Körper hat mir Grenzen gesetzt, meine Familie brauchte mich. Deshalb hatte ich recht früh die Nationalmannschafts-Karriere beendet. Aber es war die richtige Entscheidung.
Bayer 04 Leverkusen bezeichnen Sie als Ihren Herzensverein.
Weil dort alles begann. Meine Jugend, mein Traum. Viele Menschen von Bayer haben sich nach dem Tod meines Bruders gemeldet, einige waren sogar bei der Beerdigung.
Wie haben Sie das historische Double 2024 erlebt?
Mit großer Freude – obwohl ich für Leipzig gespielt habe. Ich habe sofort gratuliert. Dieser Verein hat so lange darauf gewartet. Diese Saison war außergewöhnlich. Es war so verdient.
Können Sie sich vorstellen, eines Tages zu Bayer zurückzukehren?
Ja. Absolut. Aber nicht sofort. Jetzt brauche ich Zeit.

Kevin Kampl 2017 am Ball für Bayer 04 Leverkusen
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Sie haben insgesamt achteinhalb Jahre für RB Leipzig gespielt – und viel Ablehnung erlebt. Wie sind Sie damit umgegangen?
Es gab Hass, keine Frage. Auswärts, in sozialen Medien. Aber ich habe auch gemerkt, dass einige ihre Meinung geändert haben. Leipzig ist kein Verein, der einfach mit Geld um sich wirft. Da steckt ein Plan dahinter, harte Arbeit. Ich persönlich habe in Leipzig kaum Hass im Alltag erlebt. Im Gegenteil. Die Menschen in der Stadt waren unglaublich herzlich. Die RB-Fans halten zusammen.
ich sage das ganz offen: Der FC ist ein großartiger Verein. Tradition, Geschichte, große Emotionen – das ist Fußball pur.
Am Sonntag trifft der 1. FC Köln auf RB Leipzig. Wie blicken Sie darauf?
Das wird ein intensives Spiel. Köln lebt von seinem Stadion, von dieser Wucht. Leipzig steckt gerade im Umbruch, den es geben musste, aber braucht natürlich auch Punkte. Das ist kein einfaches Spiel für RB. Köln kann da etwas holen.
Gab es mal Interesse des FC?
Reichlich spät, im vergangenen Sommer (lacht). Aber es war nichts wirklich Konkretes. Aber ich sage das ganz offen: Der FC ist ein großartiger Verein. Tradition, Geschichte, große Emotionen – das ist Fußball pur.
Hätte man sich Kevin Kampl im FC Trikot vorstellen können? Schwierig, ich weiß (lacht).
Ich bin Leverkusener, war Leipziger. Ich weiß nicht, ob mich alle mit offenen Armen empfangen hätten. Eher nicht. Aber ich hatte immer Respekt vor Köln. Wenn du ins Stadion einläufst, spürst du die Wucht. Da bekommst du Gänsehaut. Die Fans tragen dich – aber sie können einen auch erdrücken.
Wenn ich heute Bilder von meiner Frisur sehe, denke ich mir: Kevin, warum hat dich niemand aufgehalten?
Gibt es eigentlich etwas, das Sie bereuen?
(lacht) Manche Frisuren. Ich habe vieles ausprobiert – nicht alles war eine gute Idee. Aber eine Frisur verfolgt mich bis heute: die 2021 zu meiner Hochzeit. Blondiert, zu lang, irgendwo zwischen Experiment und Fehlentscheidung. Wenn ich heute Bilder davon sehe, denke ich mir: Kevin, warum hat dich niemand aufgehalten?
Was bleibt am Ende dieser Karriere?
Dankbarkeit. Und Demut. Für den Fußball, meine Familie, meinen Bruder. Und das Gefühl, dass es jetzt Zeit ist, langsamer zu werden – und trotzdem weitere Schritte nach vorne zu machen.
ZUR PERSON
Kevin Kampl, geboren am 9. Oktober 1990 in Solingen, begann 1994 beim VfB Solingen. 1997 folgte der Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen. Insgesamt bestritt der Mittelfeldspieler 658 Partien als Profi, darunter 400 Pflichtspiele, 51 davon in der Champions League, für Bayer 04 Leverkusen (2009 bis 2011 und 2015 bis 2017), Borussia Dortmund (2025) und RB Leipzig (2017 bis Januar 2026). Da seine Eltern aus der Stadt Maribor stammen, besitzt er durch seine Abstammung die slowenische Staatsbürgerschaft und bestritt 28 Länderspiele. Bereits 2018 trat er aus der Nationalmannschaft zurück und konzentrierte sich auf den Vereinsfußball. Kampl ist verheiratet mit seiner Jugendliebe Vanessa, sie sind Eltern zweier Söhne. (LW)
