Abo

Aus Porz auf die WeltbühneKerim Alajbegovic sorgt bei Bosnien für Furore

4 min

Kerim Alajbegovic (r.) bejubelt sein erstes WM-Tor. Im Sommer schließt er sich Bayer 04 Leverkusen an.

Kerim Alajbegovic hat mit Bosnien und Herzegowina erstmals den Einzug in die K.o.-Phase einer WM geschafft. Der künftige Leverkusener stammt von der Schäl Sick. Auch dort ist die Freude groß.

Im Lumen Field von Seattle war eine knappe halbe Stunde gespielt, als Kerim Alajbegovic sein ganzes Potenzial aufblitzen ließ. Der Teenager kam 20 Meter vor dem Tor an den Ball, dann dribbelte er parallel zum Strafraum los. Den ersten Gegenspieler ließ er aussteigen, auch der zweite konnte ihn nicht vom Ball trennen. Als sich der Raum vor dem Tor öffnete, ging Alajbegovic noch einen Schritt und zog ab. Der Ball schlug unhaltbar für Katars Torhüter Mahmud Abunada ein. Es war eine brillante Aktion, die mehrere Qualitäten vereinte: Technik, Durchsetzungsvermögen und Abschlussstärke.

Mit seinem Tor zur 1:0-Führung ebnete der zukünftige Leverkusener den Weg zum 3:1 (2:1)-Sieg von Bosnien und Herzegowina. Für den kleinen Balkanstaat war es ein Erfolg von historischer Tragweite. Bei seiner erst zweiten WM-Teilnahme hat das nur drei Millionen Einwohner zählende Land den Einzug in die K.o.-Phase geschafft. Nach der Niederlage von Schottland gegen Brasilien (0:3) gehören die Südosteuropäer mit vier Punkten und einer Tordifferenz von minus eins nach Abschluss der Gruppenphase schon jetzt sicher zu den besten acht Drittplatzierten. „Wir sind hier als komplette Underdogs hergekommen, die versuchen, etwas Großes zu erreichen. Und das wird nun wahr“, bejubelte Trainer Sergej Barbarez den Coup – zwölf Jahre nach dem Vorrunden-Aus beim deutschen Triumph in Brasilien.

Er hat trainiert, trainiert, trainiert
Willi Nesseler, Germania Zündorf, über Kerim Alajbegovic

Der bosnische Erfolg in Nordamerika hat auch eine Kölner Note. Kerim Alajbegovic wurde 2007 hier geboren. Sein Vater Semin war selbst Profi, von einer WM-Teilnahme konnte er aber nur träumen. Nach dem Ende seiner professionellen Karriere kickte der einstige Regionalliga-Spieler noch für die Sportvereinigung Porz, und im Kölner Südosten tat auch sein Sohn Kerim die ersten Schritte als Fußballer. Der RSV Urbach war der erste Klub des Offensivtalents. Mladen Drmonjic, seit 17 Jahren beim RSV aktiv, erinnert sich an die Ursprünge: „Schon früh war zu spüren, dass die Familie mit großem Ehrgeiz bei der Sache war. Semin hat mit seinem Sohn viele Zusatztrainings absolviert. Der heutige Erfolg ist das Resultat harter Arbeit von klein an“, erklärt der Urbacher Vereinspräsident.

Unzählige Sonderschichten absolvierten die Alajbegovics auf dem Sportplatz an der Heerstraße, der Heimat des FC Germania Zündorf. Auch dort ist die Freude groß über die WM-Teilnahme von Kerim Alajbegovic. „Bei uns im Verein kennt ihn jeder. Es macht uns stolz, dass Kerim mit gerade mal 18 Jahren bei einer Weltmeisterschaft spielt. Das ist eine tolle Geschichte, auch für unseren Verein. Wir drücken ihm fest die Daumen“, sagt Jugendkoordinator Willi Nesseler. Als Alajbegovic am Mittwochabend sein erstes WM-Tor erzielte, fühlte sich Nesseler auf einer Zeitreise: „Dieses Tor habe ich von ihm schon 1000-Mal gesehen. Dribbling parallel zum Strafraum, Schuss, Tor. Das hat er auf unserer Platzanlage immer wieder geübt. Er hat trainiert, trainiert, trainiert.“ Der Vater sei dem Verein auch heute noch als Techniktrainer eng verbunden.

Wir sind sicher, dass Kerim in den kommenden Jahren auch eine wichtige Rolle bei Bayer Leverkusen einnehmen kann
Simon Rolfes, Sportchef Bayer Leverkusen

In erster Linie ist Semin Alajbegovic aber als hauptberuflicher Spielerberater, zu dessen Klienten auch FC-Jungprofi Jaka Cuber Potocnik zählt, mit der Karriereplanung seines Sohnes beschäftigt. Kerim Alajbegovic war im Sommer 2021 vom 1. FC Köln zu Bayer 04 Leverkusen gewechselt. Für den FC-Nachwuchs bedeutete der Abgang einen bitteren Verlust. Zuvor hatte der rheinische Rivale den Kölnern schon Florian Wirtz abgeworben. Auch unter dem Bayer-Kreuz sorgte Kerim schnell für Furore. Im April 2022 debütierte er als 14-Jähriger für Leverkusens U17, nur anderthalb Jahr später folgte der Einstand in der U19. Im Oktober 2024 gehörte er unter Xabi Alonso erstmals dem Kader des Bundesligateams an, auf ein Pflichtspiel für die Bayer-Profis wartet er aber noch.

Das könnte sich bald ändern. Im März machte der Werksklub von seiner Rückkaufklausel Gebrauch und stattete Alajbegovic mit einem Vertrag bis 2031 aus. Die Ablöse, die Bayer an Red Bull Salzburg überwies, lag bei rund sechs Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatten die Österreicher nur zwei Millionen Euro bezahlt. Von einem schlechten Geschäft kann aus Leverkusener Sicht trotzdem nicht die Rede sein. Alajbegovic, dessen Marktwert inzwischen mit 22 Millionen Euro angegeben wird, habe die „hohen Erwartungen in Salzburg nicht nur erfüllt, er hat sie sogar in kürzester Zeit übertroffen“, sagte Bayer-Sportchef Simon Rolfes im Frühjahr. In Salzburg, wo Alajbegovic Erfahrungen auf Europa-League-Niveau sammelte, sei er zu einem „absoluten Leistungsträger“ geworden. „Wir sind sicher, dass Kerim in den kommenden Jahren auch eine wichtige Rolle bei Bayer Leverkusen einnehmen kann.“ Womöglich wird eines Tages auch sein jüngerer Bruder für Schlagzeilen sorgen. Über Emre Alajbegovic, der in Bayers U15 spielt, sagt Willi Nesseler: „Er ist der nächste, der Bundesliga-Profi wird.“