Was Carles Martínez in der Halbzeitpause gesagt hat, bleibt Kabinengeheimnis. Wie er es gesagt hat, verrät Aleix García: Der Trainer sei sehr wütend gewesen, und zwar über die Haltung der Mannschaft. Martínez hielt sich öffentlich zurück. „Nach drei Monaten weiß man, wie ich bin“, sagte er. „Ich bin leidenschaftlich, ich mag den Wettbewerb. Mir hat nicht gefallen, wie mein Team in den ersten Minuten gekämpft hat.“
Das ließ sich schwer bestreiten. Gegen das hohe Pressing der Nürnberger fand Bayer 04 keine Lösung, schlug so viele lange Bälle wie seit Jahren nicht mehr und lag nach den Treffern von Rafael Lubach und Sigurd Haugen mit 0:2 zurück. Im Stadion wurde es unruhig, und für eine Weile sah alles nach einer Pokalsensation aus. Doch Leverkusen wachte auf, drehte die Partie und zog verdient ins Achtelfinale ein.
Dass am Ende ein 5:2 stand, hat mit dem Moment zu tun, in dem Bayer begriff, was ihm gerade widerfuhr. Edmond Tapsoba verkürzte nach einer Ecke kurz vor der Pause. Jonas Hofmann nannte den Anschluss „sehr, sehr wichtig, um das Gemüt ein bisschen zu beruhigen, aber auch ein bisschen Positivität wieder in den Kopf zu bekommen“. In der Kabine habe man „überhaupt nicht den Kopf in den Sand gesteckt“, sondern analysiert, was von Beginn an besser laufen sollte.
Hofmann und Vázquez treffen spektakulär
Mit Ibrahim Maza, Patrik Schick und Equi Fernández kamen drei frische Kräfte, und Tapsoba glich erneut nach einer Ecke aus. Nürnberg, das viel investiert hatte, fand keine Entlastung mehr. Schick holte den Elfmeter zum 3:2 selbst heraus, Hofmann traf mit einem Fernschuss, und Lucas Vázquez setzte kurz vor Schluss einen spektakulären Volley ins Netz.
Die Spieler sprachen danach offen darüber, wie es so weit kommen konnte. „Nicht gut, viel zu wenig gemacht“, sagte Simon Rolfes über die Anfangsphase. „Wir haben immer zurückgespielt. So kommst du nicht vorwärts, so wird es nicht gefährlich.“ Wer einem guten Gegner viel Raum und Zeit gebe, so der Sportchef, mache ihn stark. Erst als Bayer tiefer attackierte, kippte das Spiel. García nahm den Fehlpass vor dem 0:2 auf sich. „Das Gefühl war wirklich schlecht“, sagte er, „wir hatten ein bisschen Angst.“
Es ist ein altes Thema. Schon in der vergangenen Saison hat sich Leverkusen Schwächephasen geleistet, die ein Spiel entscheiden konnten, und auch in dieser Spielzeit tauchen sie auf. Das 0:3 in Hoffenheim am Sonntag ist noch frisch, das 2:3 in Elversberg zum Saisonstart gilt als Blaupause der Passivität. Martínez wiederholt deshalb immer wieder, wie wichtig jede einzelne Minute sei. „Wie wir beginnen, wie wir weitermachen, wie wir das Spiel beenden“, sagte er. Der Fußball sei heute so ausgeglichen, dass jeder Gegner gefährlich werde, wenn man nicht bereit ist.
Hier liegt der eigentliche Gewinn des Abends. Bayer hat eine brenzlige Lage nicht nur überstanden, sondern in ihr gelernt. „0:2-Rückstände, die drehst du nicht allzu oft“, sagte Hofmann. Das Wissen darum gibt Selbstvertrauen und schärft den Blick für die Kehrseite. Gegen eine stärkere Mannschaft, so Hofmann, gehe man bei so einem Rückstand womöglich mit 0:3 oder 0:4 in die Pause. Rolfes brachte die Lehre auf einen Satz: „Du darfst nicht wild werden, darfst auf jeden Fall nicht das dritte von der Halbzeit kassieren.“ Martínez sagte: „Man darf nie aufgeben, im Fußball ist alles möglich.“
Getragen wurde diese Haltung von denen, die schon einmal gewonnen haben. Tapsoba, Schick und Hofmann gehören zur Meistermannschaft von 2024, und mit Vázquez traf ein weiterer Routinier. Rolfes lobte vor allem den Kapitän Tapsoba: „Die Tore waren eigentlich die Konsequenz seiner Leistung.“ Er sei in der ersten Hälfte der Einzige gewesen, der Stabilität in die Mannschaft gebracht habe. Martínez nennt Tapsoba „unser Thermometer“: Wenn er mit vollem Einsatz spiele, werde das ganze Team besser. Ein großer Name allein nütze nichts, so Rolfes, „du musst Leistung bringen“.
Am Samstag kommt der VfB Stuttgart, ein Gegner, der Bayer seit Jahren Spektakel liefert und im Pokal ebenfalls weitergekommen ist. „Wenn wir nicht intensiv spielen, wird es immer schwierig“, sagte Rolfes. „Wir müssen Gas geben.“ García verwies auf die Stärke der Mannschaft: „Wenn wir alle miteinander verbunden spielen, ist es sehr schwer, uns in unserem Stadion mit unseren Fans zu stoppen.“ Der Pokalabend hat gezeigt, dass Bayer das kann. Er hat aber auch gezeigt, wie nah das Gegenteil liegt. Die Mannschaft kann daraus lernen, ohne noch einmal dreißig Minuten dafür bezahlen zu müssen.


