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Christoph DaumWas aus dem Nachlass des Kulttrainers werden soll

6 min
Auch der 1. FC Köln hat einen festen Platz in Daums Privatarchiv

Auch der 1. FC Köln hat einen festen Platz in Daums Privatarchiv

Nach dem Tod des Ex-FC-Trainers blieb sein Büro unangetastet. Jetzt öffnet seine Witwe den Nachlass, in dem einige Schätze schlummern. 

Lange blieb das Arbeitszimmer von Christoph Daum nach seinem Tod im August 2024 unangetastet. Erst jetzt ist seine Frau Angelica Camm-Daum bereit, sich mit dem umfangreichen Nachlass ihres Mannes zu beschäftigen. „Ich bin lange nicht in sein Büro gegangen. Ich hasse es, in privaten Sachen zu stöbern“, sagt sie. Inzwischen sei jedoch der richtige Zeitpunkt gekommen. „Jetzt ist es gut. Jetzt möchte ich, dass seine Aufzeichnungen und die vielen Erinnerungsstücke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Vergangene Woche fiel der Startschuss für die Suche nach einem angemessenen Umgang mit dem umfangreichen Nachlass des ehemaligen Erfolgstrainers. Zu den ersten Besuchern in der Kölner Villa gehörte Manuel Neukirchner, Direktor des Deutschen Fußballmuseums. „Christoph Daum ist eine der prägendsten deutschen Trainerpersönlichkeiten. Durch die Art und Weise, wie er gearbeitet und sein Wissen vermittelt hat, hat er Maßstäbe gesetzt“, sagt Neukirchner, „das vorhandene Material ist für die deutsche Fußballgeschichte von großem Wert. Wir wollen diesen Schatz heben und in Ruhe prüfen, wie er bewahrt und präsentiert werden kann.“

Hunderte Ordner

Daums Schreibtisch wirkt, als sei er nur kurz weg. In einem acht Meter langen, deckenhohen Wandschrank stehen Hunderte Ordner – chronologisch und thematisch sortiert, fein säuberlich beschriftet. Daum dokumentierte nahezu alles: Gespräche mit Spielern, Mannschaftsbesprechungen, Sitzungsprotokolle, Trainingskonzepte und medizinische Analysen.

„Von den Anfängen als Jugendtrainer beim 1. FC Köln über seine Zeit an der Sporthochschule bis zu seinen internationalen Trainerstationen ist hier nahezu sein komplettes Berufsleben dokumentiert. Da ist jeder Klub drin, minutiös aufgelistet“, sagt Sportwissenschaftler Gunnar Gerisch, der Daum zehn Jahre lang als Co-Trainer begleitete. „Diese Unterlagen sind ein exzellentes Kompendium an Fachwissen und Erfahrungen. Stoff für mehrere Fachbücher. Das komplette Material ist für junge Trainer ein Sechser im Lotto.“

Perspektivisch soll das gesamte Material digitalisiert werden. Denkbar seien Kooperationen mit dem Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Sporthochschule Köln. „Vielleicht können sich auch Studierende wissenschaftlich damit beschäftigen“, sagt Gerisch, der jahrelang als Dozent an der Spoho und als Trainer-Ausbilder für den DFB tätig war.

Museum prüft Optionen

Auch Manuel Neukirchner sieht darin eine große Chance. Die umfangreichen Aufzeichnungen seien für Forschung und Trainerausbildung von hohem Wert, in einer klassischen Ausstellung aber nur schwer zu vermitteln. „Ich kann mir einen Mix vorstellen“, sagt der Direktor des Deutschen Fußballmuseums. Während die wissenschaftliche Aufarbeitung an anderer Stelle stattfinden könne, interessiere sich das Museum vor allem für Exponate, an denen sich Daums Arbeitsweise anschaulich erzählen lasse.

Angelica Camm-Daum und Manuel Neukirchner, der Direktor des Deutschen Fußballmuseums, sichten die Trikots und Jacken von Christoph Daum

Angelica Camm-Daum und Manuel Neukirchner, der Direktor des Deutschen Fußballmuseums, sichten die Trikots und Jacken von Christoph Daum

Ein Beispiel dafür sind die berühmten Motivationsscherben, über die Daums Spieler vor wichtigen Spielen barfuß laufen mussten. Sie gehören bereits heute zur Ausstellung in Dortmund. „Wenn wir in den Ordnern die handschriftlichen Notizen und Erklärungen zu solchen Aktionen finden, wäre das natürlich spannend“, sagt Neukirchner. „An solchen Beispielen kann man nachvollziehen, wie Christoph Daum als Trainer gedacht und gearbeitet hat. Das ist ein Stück deutscher Fußballgeschichte.“

Von Motivationsscherben bis Meisterjacke

Wie groß der emotionale Wert vieler Erinnerungsstücke ist, zeigt die Geschichte seiner Meisterjacke aus der Saison 1991/92 mit dem VfB Stuttgart. Das Kleidungsstück gehört heute zu den Exponaten des Deutschen Fußballmuseums. Im Jubel nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft wurde die Jacke ihrem Besitzer damals entrissen und gestohlen. Rund 20 Jahre später tauchte sie überraschend wieder auf. „Eines Tages stand ein Mann vor unserem Haus und hatte die Jacke in der Hand“, erinnert sich Angelica Camm-Daum. „Er sagte: ‚Ich habe diese Jacke damals gestohlen. Ich möchte mich entschuldigen und sie zurückgeben. Damit Sie mit dem FC aufsteigen‘.“

Auch eine Kleiderstange voller Trikots und Trainingsjacken dürfte bei vielen Fußballfans Begehrlichkeiten wecken. Die bunten Trikots erzählen die Trainerkarriere Daums nahezu lückenlos nach – vom 1. FC Köln über den VfB Stuttgart und Bayer Leverkusen bis zu seinen erfolgreichen Jahren im Ausland.

Daums Tochter Cara (21) hat diese Jacke ihres Vaters als Andenken behalten.

Daums Tochter Cara (21) hat diese Jacke ihres Vaters als Andenken behalten.

Doch nicht jede Jacke oder jedes Trikot steht zur Disposition. Zwei haben bereits einen festen Platz in der Familie gefunden. Die rote FC-Jacke ging an Tochter Cara, eine andere, aus der Zeit bei Fenerbahçe Istanbul, behält seine Witwe. „Diese Jacke kann ich nicht weggeben. Das Blau erinnert mich an Christophs Augen. Und auch seine Liebesbriefe habe ich bereits beiseitegelegt, die er mir während seiner Auslandsaufenthalte regelmäßig gefaxt hat“, sagt Angelica Camm-Daum. „Ich habe zwar alle Faxfolien aufgehoben. Als ich die Ordner durchgesehen habe, habe ich entdeckt, dass Christoph auch die Originale abgeheftet hatte. Die habe ich sofort herausgefischt.“

Prall gefüllte Vitrinen

Die Vitrinen im Haus sind gefüllt mit Trophäen aus Daums Stationen beim 1. FC Köln, dem VfB Stuttgart, Bayer 04 Leverkusen sowie seinen Jahren als Cheftrainer in Österreich, der Türkei und Rumänien, auch die Entwürfe für die Plakate einer DFB-Werbekampagne, wäre er im Jahr 2000 Bundestrainer geworden, hängen an den Wänden. „Sein alter Mercedes S-Klasse aus dem Jahr 2000 steht noch in der Garage. Es gibt Kisten voller Autogrammkarten und unzählige Trikots, die er später gerne bei der Gartenarbeit getragen hat“, erzählt Angelica Camm-Daum. „Ich weiß, dass viele dieser Dinge für Fans einen unschätzbaren Wert haben. Aber zuerst müssen wir als Familie entscheiden, was wir behalten und was vielleicht für einen guten Zweck versteigert werden kann.“

Das wäre ganz im Sinne des früheren Erfolgstrainers. Daum engagierte sich zeitlebens weit über den Fußball hinaus für soziale Projekte. Er unterstützte unter anderem die türkische Kinderkrebshilfe, initiierte den Aufbau der GAZI-Kinderstiftung, half beim Bau eines Waisenhauses in der Türkei und setzte sich für Kinderkrankenhäuser auch in Deutschland ein.

„Christoph hat immer versucht, Menschen zu helfen“, sagt seine Witwe. „Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass ein Teil seines Nachlasses auch künftig armen und kranken Kindern und Jugendlichen zugutekommt.“

Patronenhülse mit Madonna

Neben den großen Trophäen finden sich im Haus auch zahlreiche unscheinbare Erinnerungsstücke, denen Daum oft einen ganz besonderen Wert beimaß. Immer wieder schenkten ihm Fans Glücksbringer, die er sorgfältig aufbewahrte und stets in einer Plastiktüte am Spielfeldrand dabeihatte. Besonders am Herzen lag ihm eine Patronenhülse mit einer eingearbeiteten Madonna, die ihm eine ältere Frau geschenkt hatte.

Der erste Sichtungstermin in der Kölner Villa dauerte mehr als drei Stunden. Am Ende fuhr Manuel Neukirchner noch nicht mit einem voll beladenen Kofferraum nach Dortmund zurück. Mitgenommen hat er erst einmal nur eine Jacke mit den drei Sternen aus dem Meisterjahr mit Fenerbahçe. „Ich finde die Jacke deshalb so interessant, da wir mit ihr auch die deutsch-türkischen Verbindungen im Fußball vermitteln können.“

Die Aufarbeitung des Daum-Nachlasses hat gerade erst begonnen. Welche Überraschungen und bislang unbekannten Einblicke in den Aktenordnern verborgen sind, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Möglicherweise finden sich dort sogar Hinweise auf die Hintergründe seines überraschenden Rauswurfs beim 1. FC Köln im Jahr 1990, der für die Öffentlichkeit nie vollständig geklärt wurde.

Schon jetzt wirft der Nachlass jedoch eine größere Frage auf: Werden auch Köln und der 1. FC Köln einem ihrer prägendsten Fußballbotschafter die Würdigung zukommen lassen, die viele seiner Weggefährten längst für überfällig halten?