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Nachruf auf Uwe SeelerEiner von uns und für alle

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Hamburger-Fußballidol Uwe Seeler nach seinem Abschiedsspiel im Volksparkstadion in Hamburg.

Das riesige Symbol wird angesichts des robusten Bronze-Materials, aus dem es gefertigt ist, noch eine gefühlte Ewigkeit weiterleben und an sein Modell erinnern. Der daraus gefertigte rechte Fuß ist ja auch 3,5 Meter hoch, fast 50 Prozent größer als ein Fußballtor, und fünf Meter lang, er wiegt satte 2,5 Tonnen, so etwas ist als Mehrgenerationen-Erinnerung für die Nachwelt gedacht. Erinnert wird mit jenem Fuß-Denkmal vor der Hamburger Arena im Volkspark an den Besitzer dieses Körperteils, an Uwe Seeler, „Uns Uwe“ genannt.

Wegen seiner Nahbarkeit und Beliebtheit, seines Willens auf dem Platz, von dem jeder gerne etwas abhaben wollte, der selbst auch einmal Fußball gespielt hat oder es jetzt noch tut. Es ist tröstlich zu wissen, dass so ein überwältigendes Symbol von Seeler bleiben wird, jetzt, wo er selbst diese Welt am Donnerstag verlassen hat, im Alter von 85 Jahren. Und damit nicht nur die Anhänger des Hamburger SV in tiefe Trauer stürzte. Denn Seeler war, das darf man immer so behaupten, ein Idol für Millionen. Nicht nur in Hamburg, sondern mindestens auch in Deutschland.

Siegtreffer zum Meistertitel gegen 1. FC Köln

Der riesige Fuß, gefertigt von der Mönchengladbacher Künstlerin Brigitte Schmitges, steht seit 2005 vor dem Stadion in Hamburg. Seeler selbst war bei der Einweihung dabei und sagte: „Ich hoffe, mein Fuß bringt dem HSV Glück.“ Während seiner Karriere war es so, zwischen 1953 und seinem Karriereende 1972 sind für Seeler 404 Tore in 476 Spielen registriert. HSV-Glück mischte sich da vor allem mit großem Können eines der größten Mittelstürmers des deutschen Fußballs.

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Bronze vor dem Volksparkstadion, die den Fuß des ehemaligen Fußballspielers Uwe Seeler zeigt.

Dieser rechte Fuß, unterstützt vom linken Äquivalent und vor allem auch vom Kopf, hat dem Hamburger SV, Seelers einzigem Karriereklub, neben viel Glück auch etwas Zählbares gebracht: Den Meistertitel 1960, der HSV gewann im Finale um den Titel mit 3:2 gegen den 1. FC Köln, Seeler traf doppelt, er erzielte auch den Siegtreffer in der 86. Minute. Hinzu kommt der Sieg im DFB-Pokalfinale 1963 gegen Borussia Dortmund. Der HSV gewann 3:0, alle drei Treffer erzielte in Hannover er, Hamburgs größte Nummer neun aller Zeiten, Uwe Seeler.

Millionen-Angebot von Inter Mailand abgelehnt

Dass Seeler den HSV, seinen HSV, nie verließ, verlieh seiner Beliebtheit noch weiteren Schub. Wo gibt es so etwas in Nachkriegsdeutschland, dass ein Hochbegabter sich sein Talent nicht übermäßig vergolden lässt, freiwillig? Seeler hat es getan, indem er dem fabelhaften Angebot von Inter Mailand widerstand, damals, 1961. Dreimal, so heißt es, habe sich Seeler mit Delegierten der Lombarden in einer Suite des Hamburger Hotels Atlantic zwecks Verhandlungen getroffen.

Er sagte dazu einmal: „Die boten mir 900 000 Mark. Als ich ablehnte, erhöhten sie auf eine Million, später auf 1,2 Millionen. Dazu hätte es alle Nebengeräusche gegeben: Internationale Schule für die Kinder, Prämien, Handgeld, freies Wohnen. Es stimmte alles. Als ich ihnen absagte, verstanden sie die Welt nicht mehr.“ Er sei damals eben schon ein Sicherheitsfanatiker gewesen. Seeler wusste, was er in und an Hamburg hatte. Seinen Stellenwert dort konnte ihm niemand nehmen. Spätestens nach dieser Entscheidung war Seeler mehr als ein Idol, ein Mythos, der Mann, der das große Geld ausschlug, weil ihm reichte, was er hatte. Das war neben dem Job als Fußballer der eines Vertreters für Adidas. Auch als Geschäftsmann war Seeler erfolgreich.

Als Fußballer unvergessen

Uwe Seeler blieb auch im Erfolg als Volkstribun seinem Mantra von der Normalität treu, Leitsatz: „Ich war, bin und bleibe normal.“ Volksnah ist er auch noch in einer filmischen Hommage des ARD-Reporters Reinhold Beckmann, gefertigt zu Seelers 85. Geburtstag am 5. November 2021, bescheiden, überaus freundlich zudem. Ein Gemochter, ein Zufriedener. „Wir können uns nicht beschweren“, sagt er zu Ilka, seiner Frau, verheiratet waren sie seit Februar 1959, über 63 Jahre – noch so ein Beispiel für Treue. Er nennt Ilka in Beckmanns Film „Mäuschen“. Sie ihn auch. Und „Dicker“.

Als Fußballer aber ist er unvergessen. Auch überregional, weil er vor allem Spuren im Dress der Nationalelf hinterlassen hat. Berühmt ist das Foto nach dem Finale von 1966 gegen England, kurz nachdem sein Team das Wembley-Tor schlucken musste, den berühmten Phantomtreffer. Seeler, leidend, gebeugt, der Kopf sackt nach unten, verlässt den Platz als Geschlagener, eine Ikone, das Sinnbild einer Niederlage. Doch Seeler ist Vize-Weltmeister: „Ist das nichts?“ Und dann die WM 1970, klagloser Zuarbeiter für Gerd Müller, den noch besseren Mittelstürmer, dazu Seelers Jahrhunderttor mit dem Hinterkopf erzielt vom rechten Rand des Fünfmeterraums im Viertelfinale gegen England – 2:2 nach 0:2. Deutschland gewann 3:2 durch ein Müller-Tor. Aus dann im Halbfinale nach dem Jahrhundertspiel gegen Italien.

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Idol sein verpflichtet, Seeler wollte seinem HSV helfen, als es dem Mitte der 1990er Jahre mal wieder schlecht ging. 99,9 Prozent der Mitglieder wählten ihn 1995 zum Präsidenten. Doch dieser Job fraß ihn auf, Haifischbecken, nichts für Uwe, den Anständigen. Rückzug 1998, er fühlte sich in Verbindung mit Unwahrheiten gestellt – „das muss ich mir nicht antun“.

Die Gesundheit ließ Seeler zuletzt im Stich, 2017 erhielt er einen Herzschrittmacher. Gehen, sehen, hören, das klappte nicht mehr so gut. Das Sprechen fiel ihm in Beckmanns Film hörbar schwer, wenngleich er immer wieder bereit war, ein paar Witzchen zu reißen. Hinzu kam ein Sturz am 12. September 2021 über die Stufe einer Terrasse bei sich daheim in Norderstedt bei Hamburg, Landung mit dem Gesicht im geborstenen Geschirr, starke Blutungen. Termine und Anfragen vor seinem Jubeltag hatte er kurzfristig abgesagt, er fühle sich nicht gut, sagte Ilka Seeler damals. Zuletzt benötigte Seeler beim Gehen einen Stock, die Folgen eines Hüftbruchs Ende Mai 2020.

Mit Beckmann spazierte Uwe Seeler im Film durch Hamburg, erkannt und verehrt, umarmt und beliebt weiterhin, er, der große Hamburger. Er war blass vor Rührung. Und dann sprach er es aus, das Fazit seines Lebens, eingefangen von Beckmanns Kameramann: „Ich bin sehr zufrieden. Mein Leben war wunderbar. Das habe ich meiner Frau zu verdanken.“ Dieser Dank. Diese Harmonie. Bewundernswert auf ewig. Adieu, „Uns Uwe“.