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„Fahne zurückholen“Klopp wird bei DFB-Nominierung auch politisch

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Bundestrainer Jürgen Klopp kommt zur Pressekonferenz zur ersten Kadernominierung der Nationalmannschaft mit einer Adidas Kappe

Gab auf der DFB-Presskonferenz seinen Kader für die kommenden Spiele bekannt: Jürgen Klopp mit einer Adidas-Kappe.

Jürgen Klopp denkt groß und dreht die Nationalelf mit einem historischen Kader-Modell auf links. Er hat aber noch ein anderes wichtiges Anliegen.

Jürgen Klopp trug einen Pappkarton voller Deutschland-Kappen in den Saal – startete seine historische Fußball-Revolution mit einem flapsigen Spruch über einen DFB-Neuling, den keiner der Anwesenden auf der DFB-Presskonferenz auf dem Zettel haben dürfte: „Wer den Spieler errät, bekommt eine Kappe.“

Doch bald wurde es auch ernst. Klopp lieferte neben seiner großen Begeisterung für die kommende Zeit als Bundestrainer auch einen flammenden Appell für „positiven“ Patriotismus. „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen“, sagte der neue Bundestrainer bestimmt. Und Klopp zeigte sofort eindrücklich, wie er als „einer von 83 Millionen“ – so stand es auf seiner schwarzen Basecap – vorangehen will.

Klopp: „Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“

Seine Doppel-Nominierung mit Wow-Effekt und gleich 16 möglichen Debütanten in einem 44-köpfigen, zweigeteilten XXL-Aufgebot steht für echten Aufbruch. „Nach der WM konnte man denken, wir lägen am Boden und hätten kein Talent. Wir haben ganz viele Fußballtalente gefunden“, sagte Klopp, der bei seinem Speed-Dating „so viele Spieler wie möglich kennenlernen“ möchte.

Und ein neues Wir-Gefühl etablieren will. „Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“, sagte der 59-Jährige im Lichte des jüngsten Rechtsrucks.

Die Menschen im Land sollten Schwarz-Rot-Gold vielmehr „immer so schwingen“ dürfen, „dass man das Gefühl hat, du bist happy und verstehst, dass du Glück hattest, dass du in diesem wundervollen Land geboren, aufgewachsen und zugezogen bist.“

Happy – das Wort fiel mehrfach, als Klopp über seine ungewöhnlich große Auswahl sprach. „Die Kaderzusammenstellung hat Spaß gemacht“, schwärmte er bei seinem 71-minütigen Auftritt im Frankfurter DFB-Campus. Klopp strahlte dieses Glücksgefühl aus, trat motivierend, klar und mitreißend auf. Diesen Spaß müsse auch seine runderneuerte DFB-Elf „wieder finden“.

Für Fanliebling Deniz Undav oder Leroy Sané hat er keinen Platz mehr, dafür berief er zahlreiche frische Gesichter für sein Debüt mit dem Nations-League-Viererpack. „Allen bedeutet es unglaublich viel“, sagte Klopp und betonte dabei jede Silbe, „das wollen wir jetzt wieder sichtbar machen.“

Ganz neu in den beiden Kadern für je zwei Spiele sind Hennes Behrens vom FC Augsburg und die Freiburger Max Rosenfelder, Philipp Treu, Yannik Engelhardt und Derry Scherhant. Dazu Bambasé Conté (TSG Hoffenheim), der bei Klopps Anruf „zwei Minuten am Stück gelacht“ habe, Younes Ebnoutalib von Eintracht Frankfurt, Finn Jeltsch (VfB Stuttgart), der Elversberger Felix Keidel sowie die Legionäre Vitaly Janelt (FC Brentford) und Mika Baur von Celtic Glasgow.

„Ich habe die Tür sperrangelweit aufgemacht. Wir sehen was in den Jungs: Ganz viel Potenzial“, sagte Klopp, der auch auf Oliver Baumann oder den verletzten Leon Goretzka verzichtete. „Mich hat keiner beschimpft am Telefon“, sagte er, für niemanden sei „die Tür zu“.

Noch 15 Turnierverlierer um den Noch-immer-Kapitän Joshua Kimmich, den Klopp „als Mittelfeldspieler“ sieht, sind dabei. Und gleich fünf Torhüter, darunter erstmals seit 15 Monaten die „für den Moment“ alte und neue Nummer eins Marc-André ter Stegen. Klopp: „Er ist genau der gleiche Torwart, der er war.“

Klopps Personal-Plan wirkt erstmal chaotisch

Von allen erwartet Klopp „sofort mehr“, wie er mit Nachdruck betonte. Die Spielidee: „Qualität wird sichtbar, wenn eine Mannschaft Stabilität im Defensivverhalten hat. Das ist das Trampolin, das Fangnetz. Denkst du nur offensiv, wird dich die Defensive immer killen.“ Den nächsten Turnier-„Tod“ will Klopp mit „organisiertem Chaos“ verhindern.

Chaotisch wirkt auch sein Personal-Plan – allerdings nur auf den ersten, flüchtigen Blick. Klopp erklärte sein Jobsharing-Modell mit Spielerwechsel nach der zweiten Partie anhand der Leitgedanken „ungewohnt lange Länderspielphase“ und „Belastung“ schlüssig. In „A- oder B-Mannschaft“ unterscheide er nicht, der erste Kader aber bildet den vermeintlichen Stamm.

Ter Stegen, die genesenen Nico Schlotterbeck, Serge Gnabry, Lennart Karl und Jamal Musiala sowie Kimmich und Kai Havertz bestreiten die Duelle mit den Niederlanden in Amsterdam am 24. September und drei Tage darauf gegen Griechenland in Augsburg. „Wenn die Achse stabil ist, kann man drumherum ein bisschen spinnen und Jugend dazu mischen“, sagte Klopp.

Nach dem ersten Doppelpack reist ein Großteil der Spieler ab, neue kommen hinzu. Der zweite Kader um Florian Wirtz, Said El Mala und Nick Woltemade absolviert die Länderspiele gegen Serbien in München am 1. Oktober und drei Tage später gegen Griechenland in Thessaloniki. Wenn es schief geht, nimmt Klopp es auf seine Kappe. (red/sid)