Nach einigen kurzen Blicken auf ihre Handys hatten es die rund 100 Viktoria-Anhänger im Hoffenheimer Dietmar-Hopp-Stadion schnell begriffen. „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ hallte es durch die fast leere Arena. Die Kölner Profis standen wenig später Arm in Arm unten auf dem Rasen und hüpften nach ihrem 1:0 (1:0)-Erfolg bei der TSG-Reserve im Takt. Die Mannschaft von Trainer Marian Wilhelm hatte am Samstagnachmittag durch den Arbeitssieg Platz eins der Drittliga-Tabelle erklommen.
Luftlinie knapp 280 Kilometer nordwestlich waren knapp 20.000 Anhänger in der Duisburger Schauinsland-Reisen-Arena mehr als nur bedient. Ihr MSV hatte nach elf Minuten 3:0 gegen den VfB Stuttgart II geführt – und musste sich nach einer Roten Karte und dem 3:3-Ausgleich in der Nachspielzeit mit einem Punkt begnügen. Die Tabellenführung des Traditionsvereins war futsch. Nach dem zwölften von 38 Spieltagen ist die Viktoria nun die Gejagte. „Die Fans feiern das frenetisch. Die Tabellenführung ist etwas Besonderes. Nun wird das genossen. Mit der Leistung auf dem Platz gibt es viel zu feiern“, lobte Trainer Wilhelm.
Kilian Jakob trifft in seinem 100. Drittliga-Spiel
Für die angeschlagenen Yannick Tonye und Lucas Wolf waren Kilian Jakob und Niklas Jahn in die Höhenberger Startelf gerückt. Die Kölner übernahmen nach einer Phase des Abtastens die Kontrolle und hatten erste Chancen durch David Otto (21.) und Pascal Fallmann (24.). In der 32. Minute ging der Gast dann verdient in Führung: Meiko Sponsel spielte nach rechts raus, Fallmann flankte auf den zweiten Pfosten, Otto legte ab ins Zentrum und Jakob köpfte aus kurzer Distanz zum 1:0 ein – eine schöne Erinnerung an seinen 100. Drittliga-Einsatz. Für den 28-Jährigen war es zudem das zweite Tor in Folge, bereits beim 3:1 gegen Verl hatte der Schienenspieler getroffen. „Die Offensive ist nicht gerade meine Kernkompetenz“, sagte der Sommer-Zugang von 1860 München mit einem Grinsen. „Und dann mache ich auch ausgerechnet ein Tor mit dem Kopf. Ich bin Linksfuß und schieße meine Tore mit rechts (gegen Verl, d. Red.) und mit dem Kopf. In der Vorwoche dachten bei meinem Tor noch alle, dass es Zufall war. Nun habe ich es bewiesen, dass ich es auch mit dem Kopf kann.“ Wilhelm sprach von einem „Tor des Willens“.
In der zweiten Halbzeit schaltete die Viktoria im Stile einer Spitzenmannschaft in den Verwaltungsmodus. Angeführt vom souveränen Abwehrchef Tobias Eisenhuth ließen die Kölner keine Hoffenheimer Großchance mehr zu – auf der anderen Seite hätten Tim Kloss und Sponsel das Ergebnis noch erhöhen können. Doch letztlich blieb es beim 1:0, das die Viktoria aufgrund des besseren Torverhältnisses am MSV vorbeiziehen ließ. „Die Kräfte wurden weniger, trotzdem haben wir extrem gut verteidigt“, sagte Wilhelm. Gerade für die Einwechselspieler – Noah Maboulou und Verthomy Boboy kamen nach 64 Minuten aufs Feld – gab es ein Extra-Lob. „Von der Bank kam extrem viel Energie“, so der Coach. „Es ist für unseren Verein mit dem kleinen Budget etwas Besonderes, so eine Breite im Kader zu haben. Und Jungs bringen zu können, die das Ergebnis dann über die Zeit bringen.“
Freitagabend ist Saarbrücken zu Gast in Höhenberg
Viktorias Vorsprung auf Rang vier ist bereits beachtlich. Anzeichen, dass der Höhenflug des Überraschungsteams an Geschwindigkeit verlieren könnte, gibt es nicht. Zuletzt wurden Spiele spektakulär gewonnen, nach Rückstand und nun mit viel Kontrolle. „Wir haben ein Selbstverständnis entwickelt, ohne freizudrehen. Es muss viel passieren, damit uns ein Gegner schlagen kann. Ich weiß nicht, wer uns momentan schlagen kann“, äußerte Abwehrchef Eisenhuth mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen.
Am kommenden Freitag bietet sich der Viktoria die Gelegenheit, nach Hoffenheim einen weiteren Verfolger zu distanzieren. Zum Auftakt des 13. Spieltags ist der 1. FC Saarbrücken zu Gast im Höhenberger Sportpark (19 Uhr). Bis dahin sollten auch Tonye und Wolf wieder zur Verfügung stehen. Die Vorzeichen für weitere „Spitzenreiter“-Gesänge stehen also gut.
Viktoria Köln: Schulz - Sponsel, Eisenhuth, Kloss - Fallmann (64. Boboy), Duman, Swider, Jakob - Castelle (64. Maboulou), Jahn (90.+1 Gueye) - Otto (80. Sachse); Tor: 0:1 Jakob (32.).

