Die Uefa führt den Widerstand gegen den Schweizer Fifa-Präsidenten an. Doch ihr Job ist noch nicht getan.
Sonnenkönig wackeltDie Fifa braucht einen Neustart ohne Gianni Infantino


Gianni Infantino, Präsident der Fifa.
Copyright: Sam Hodde/AP/dpa
Per Akklamation wurde Gianni Infantino nach seinen ersten beiden Amtszeiten als Fifa-Präsident bestätigt. 2019 in Paris und 2023 in der ruandischen Hauptstadt Kigali genügten dem Sonnenkönig des Fußballs der Applaus seiner Untertanen aus den 211 Nationalverbänden – denn Gegenkandidaten gab es keine bei den Präsidentenküren, klassische Wahlen im demokratischen Sinne waren es nicht. Beim Fifa-Kongress am 18. März 2027 in Rabat/Marokko dürfte sich Infantino ein anderes Bild bieten – sollte der König bis dahin nicht aus seinem Züricher Schloss verjagt worden sein. Denn das Volk hat sich zur Rebellion erhoben.
Mit seinem jüngsten Vorhaben, dem geplanten Verkauf von Teilen künftiger Weltmeisterschaften, dem Allerheiligsten im Fußball, an US-Investoren aus dem familiären Umfeld Donald Trumps, hat Infantino möglicherweise selbst das Ende seiner Regentschaft eingeläutet. Denn binnen weniger Stunden haben sich die Kontinentalverbände Europas, Asiens sowie Mittel- und Nordamerikas gegen die Fifa verbündet. Der angedrohte WM-Boykott durch Fußball-Großmächte wie Spanien, Frankreich, England und Deutschland macht Infantinos Produkt auf einen Schlag wertlos. Kein Investor mit halbwegs klarem Geisteszustand würde auch nur einen Dollar in eine so ausgehöhlte WM-Variante stecken. Infantinos Plan ist gescheitert. Und vielleicht auch Infantino selbst.
Hat Infantino die Europäer unterschätzt?
Hat der Schweizer womöglich die Europäer, die Anführer des Widerstands, unterschätzt? Gut möglich. Immerhin hat die Uefa seit über einem Jahrzehnt mehr oder weniger klaglos zugeschaut, wie Infantino die Fifa nach seinen Wünschen umgestaltete. Egal ob die Abschaffung von Kontrollgremien, die Nähe zu demokratie-feindlichen Machthabern oder das Beugen des Reglements. Mehr als mahnende Worte, zumeist aus dem norwegischen Verband, gab es selten. Der Großteil der Welt schien fest hinter Infantino zu stehen. Teils aus Überzeugung, teils wegen der Abhängigkeit von seinen finanziellen Zuwendungen.
Erst in den vergangenen Wochen drehte sich der Wind mit dem Skandal um die offensichtlich politisch motivierte Begnadigung von US-Stürmer Folarin Balogun. Infantinos Investoren-Pläne waren dann der Zündfunke für den Widerstand. Nun hatte offenbar auch die Uefa nach über zehnjährigem Schweigen begriffen, wovor externe Experten, NGOs und Medien seit geraumer Zeit warnen: Infantino, der selbsternannte Retter des Fußballs, ist dabei, den Fußball zu zerstören. Eine späte Einsicht ist besser als keine.
Die traditionellen Werte werden nicht zurückkehren
Doch wie geht es weiter? Es sollte klar sein, dass Infantino trotz politischer Niederlage nicht zu einem besseren Anführer bekehrt werden kann. Die Fifa braucht einen Neustart ohne den Schweizer. Und die Uefa muss dafür Sorge tragen, besser jetzt als später, so lange die Opposition noch als Einheit agiert.
Es wäre naiv zu glauben, dass ein durch den europäischen Verband installierter Fifa-Präsident dem Fußball traditionelle Werte zurückbringen könnte. Immerhin stehen viele große Uefa-Klubs unter direkter Kontrolle von Staatsfonds aus dem Mittleren Osten. Und Nasser Al-Khelaifi, der schwerreiche katarische Präsident von Paris Saint-Germain, gilt als möglicher Gegenkandidat für Infantino. Doch allein die Kernforderung der Uefa, keinen Teil der WM „jemals an private Investoren abzutreten“, macht einen Machtwechsel im Züricher Schloss erstrebenswert.


