Leverkusen – Markus Rehm musste in den letzten Jahren öfter mal beteuern, sich voll und ganz der Welt des paralympischen Sports zugehörig zu fühlen. Klingt verrückt für einen Athleten, der mit seinen Leistungen und seinem sympathischen Auftreten ganz klar zu jenen gehört, die dem Behindertensport zu mehr öffentlicher Aufmerksamkeit und Anerkennung verholfen haben – ist aber tatsächlich das große Dilemma des Leverkuseners. Er ist zu gut für die Paralympics und hat ein Bein zu wenig für Olympia.
Immerhin wurde er nun zum „Para-Sportler des Jahrzehnts“ gekürt. So erfährt er aus einer seiner zwei Welten die Anerkennung, die ihm zusteht.
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Im Juli 2014 wagte sich Rehm aus der Nische des Behindertensports auf die große Bühne. Er trat bei den Deutschen Meisterschaften der Nicht-Behinderten an. Damals war er bereits Paralympicssieger von London – und mit einer Bestleistung von 7,95 Metern nicht mehr weit weg von der auch für olympische Weitspringer knackigen Acht-Meter-Marke. Sein größter Konkurrent: Christian Reif, Europameister von 2010, Saisonbestleistung: 8,49 Meter. Rehm steigerte sich auf 8,24 Meter – und siegte vor Reif (8,20). Damit war er, der Prothesen-Springer, nicht nur Deutscher Meister der Nicht-Behinderten geworden, sondern auch Persona non grata in zwei Welten. Olympische Leichtathleten fürchteten um die Chancengleichheit, sie sahen in Rehms Prothese ein unlauteres Hilfsmittel. Und viele Parasportler hatten das Gefühl, Rehms Wunsch, sich mit Nicht-Behinderten zu messen, bedeute, dass ihm die Welt des Para-Sports nicht mehr gut genug war.
Neue Chance für Rehm
Die olympischen Leichtathletik-Funktionäre hatten derweil nichts Besseres zu tun, als sich neue Regeln auszudenken. Athleten wie Rehm durften künftig national zwar an Wettkämpfen teilnehmen, aber nur außerhalb der Wertung. Und international galt seit 2015, dass Athleten beim Gebrauch einer mechanischen Hilfe belegen mussten, dass diese keinen Vorteil bringt. Rehm versuchte das, doch eine Studie führte zu keinem klaren Resultat. Rehm nahm das hin, wurde nicht laut, bat nur sanft um Teilhabe und sprang weiter und immer weiter. Sein Weltrekord steht inzwischen bei 8,48 Metern. Im paralympischen Sport ist er eine Klasse für sich.
Nun wurde die Regel des Leichtathletik-Weltverbandes aber vom Internationalen Sportgerichtshof Cas gekippt, die Beweislastumkehr sei „rechtswidrig und ungültig“ hieß es. Das öffnet Rehm eine Tür in seine zweite Welt, Olympia in Tokio scheint wieder möglich. Mitmachen. Sich mit den Besten messen. Auch außerhalb der Wertung, ohne jemandem mit zwei Beinen einen Platz oder gar eine Medaille wegzunehmen – das, so betont er immer wieder, würde ihm schon reichen.
Verdient hätte Markus Rehm auch das.



