Die frühere Weltklasse-Athletin über die EM in Birmingham, Halbtagsjobs neben dem Sport und fehlende Männer in Leverkusen.
Ex-Speerwerferin Steffi Nerius„Ein Ruck geht durch Deutschlands Leichtathletik“

König der Leichtathletik-EM: Zehnkampf-Europameister Leo Neugebauer
Copyright: IMAGO/Nordphoto
Frau Nerius, wie haben Sie die Leichtathletik-EM in Birmingham verfolgt?
Natürlich so intensiv, wie es mir möglich war. Ich habe tagsüber, wenn ich arbeiten musste, es im Hintergrund laufen lassen und mir die Zusammenfassung angeschaut. Und abends dann möglichst alles live.
Was hatten Sie insgesamt für einen Eindruck von der EM?
Im deutschen Team herrschte eine sehr schöne Stimmung. Es klang alles im Großen und Ganzen sehr harmonisch. So eine Europameisterschaft gibt immer ein bisschen Aufwind für den gesamten Sport. Das ist eine Chance, gute Stimmung in den Verband zu bekommen. Aber auch von den Leistungen her: Es war nicht nur europäische Spitze, sondern die Leistungen waren zum Teil Weltspitze. Insofern bringt das auch etwas Zuversicht fürs kommende WM-Jahr.
Sind Sie mit dem Abschneiden des deutschen Teams zufrieden?
Auf jeden Fall. Dabei liegt mein Fokus nicht mal nur auf der Medaillen-Ausbeute, auch wenn die super war. Was mich positiv stimmt, sind die Leistungen. Da gab es viele deutsche Weltklasse-Ergebnisse. Das stimmt mich zuversichtlich. Da ist ein Ruck durch Deutschlands Leichtathletik gegangen.
Wer hat Sie am meisten überrascht?
Als frühere Speerwerferin war ich von Nick Thumm begeistert, bei dem es zwischenzeitlich so ausgesehen hatte, als könnte er Gold gewinnen. Aber auch Amadeus Gräber im Zehnkampf war toll, ein junger Athlet, der so viele persönliche Bestleistungen aufgestellt hat. Bemerkenswert fand ich auch die Reaktion von Owe Fischer-Breiholz (wurde Fünfter über die 400 Meter Hürden, d. Red.), der sich maßlos über seine Leistung geärgert hat. Das spricht für Kampfgeist und Mentalität. Auch Florian Bremm und sein Silber über die 5000 Meter haben mich überrascht.
Eine große Überraschung war auch Speerwerferin Julia Ulbricht mit Silber.
Nach ihrem ersten Wurf habe ich schon mit einer Medaille gerechnet. Das europäische Niveau im Speerwurf bei den Frauen ist aktuell nicht so hoch. Aber es ist für sie persönlich und den Verband natürlich ein großer Erfolg.
Ulbricht war vor der EM seit Jahren nicht mehr im Bundeskader und erhielt deshalb kaum Förderung. Sie musste Babysitten, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Ist die mangelhafte Unterstützung für viele Leitungssportlerinnen und -sportler eines der größten Probleme der deutschen Leichtathletik?
Ich glaube, man braucht eine gewisse Grundmotivation. Dass man den Sport nicht unbedingt macht, um Geld zu verdienen, sondern vor allem aus Leidenschaft. Letztendlich war es auch immer mein Anspruch. Ich wollte immer ganz oben stehen und die Nationalhymne hören. Aber es war nicht mein primäres Ziel, damit unendlich viel Geld zu verdienen. Ich war auch jahrelang im B-Kader und nicht im Top-Kader. Zwischen 2002 und 2009 habe ich neben meiner sehr erfolgreichen Sportler-Karriere auch halbtags gearbeitet, das war früher normal. Und trotzdem habe ich jedes Jahr eine Medaille gewonnen. Es ist nun mal Leistungssport. Julia Ulbricht hat jetzt dieses Jahr stabil über 60 Meter geworfen und die Silbermedaille gewonnen. Damit kommt sie jetzt in den Olympia-Kader. Vorher hat sie noch nicht international gut performt. Es ist leider so in der Förderung, dass bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe nur die Top-Talente gefördert werden. Vorher sind es die regionalen Stiftungen, die unterschiedlich aufgestellt sind. In NRW haben wir mit der NRW-Sportstiftung eine Top-Förderung. Ich denke, das ist in Mecklenburg-Vorpommern (Ulbrichs Heimat, d. Red.) nicht so.

Steffi Nerius
Copyright: IMAGO/Beautiful Sports
Zur Person: Steffi Nerius (54), geboren in Bergen auf Rügen, ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin, erfolgreiche Trainerin (bis 2025 von Para-Sportler Markus Rehm) und aktuell Abteilungsleiterin beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Die Speerwerferin wurde 2009 Weltmeisterin in Berlin. Zuvor Olympiazweite 2004 in Athen, Europameisterin 2006, dreifache WM-Dritte (2003, 2005, 2007) und Deutschlands Sportlerin des Jahres 2009. (red)
Deutscher EM-Topstar, neben Zehnkämpfer Leo Neugebauer, war Sprinter Owen Ansah. Glauben Sie, dass in seiner Auseinandersetzung mit der Nada eine Lösung gefunden wird und er seine Medaillen behalten darf?
Ich hoffe auf Gerechtigkeit und, dass alles so ausgeht, dass er seine Medaillen behalten kann. Aber ich habe zu dem Vorgang nicht genug Hintergrundwissen, um es zu beurteilen.
Ein Blick auf den TSV Bayer 04: War der Siebenkampf von Sophie Weißenberg mit persönlicher Bestleistung und Platz fünf das Highlight?
Das war auf jeden Fall der größte Erfolg und total toll, gerade nach so einer schlimmen Verletzung (Achillessehnenriss bei Olympia 2024, d. Red.). Wir haben Sophie in den vergangenen beiden Jahren extrem unterstützt und ihr vertraut. In diesem Jahr hat sie zwei Siebenkämpfe absolviert, mit zwei Bestleistungen – das ist ein Super-Comeback und ein Beweis für ihre Willensstärke.

Die Leverkusener Siebenkämpferin Sophie Weißenberg
Copyright: Sven Hoppe/dpa
Sonst hatten die Leverkusener Athletinnen viel Pech: Im Weitsprung ist Imke Dahlmann ohne gültigen Versuch geblieben, Marie Steinacker hat das Diskus-Finale verpasst und Franziska Schuster ist über eine Hürde gestürzt.
Ja, leider ist es viel Pech gewesen. Da gebe ich Ihnen recht. Sie waren selbst nicht glücklich mit ihrem Abschneiden. Ich hoffe, dass sie es als internationale Erfahrung mitnehmen und daraus lernen können. Aber gerade bei den jungen Athletinnen – für Imke und Franziska war es der erste internationale Einsatz und auch Anna Ehlers war im Hochsprung erstmals mit dabei – bin ich zuversichtlich, dass sie in Zukunft in der europäischen oder in der Weltspitze ankommen werden.
Der TSV Bayer 04 war mit sieben Athletinnen am Start, aber kein Mann schaffte die Quali. Eine Flaute im Herren-Bereich.
Ich würde es eher positiv formulieren: Es gab Frauenpower. Mit Heike Henkel und mir an der Spitze der Abteilung haben wir die Frauenpower reingebracht. Insofern sind es jetzt sieben Mädels (lacht). Aber ich hoffe natürlich, dass in Zukunft auch wieder Jungs dabei sein werden. Wir werden unser Bestes tun, damit auch diese Quote erfüllt wird.
Wie sehen Sie die Zukunft der Leichtathletik in Leverkusen? Abteilungen wie Handball oder Basketball hatten es zuletzt schwer innerhalb des TSV Bayer 04.
Die Gelder sind nicht mehr geworden, aber sie sind stabil geblieben. Die Bayer AG ist unser mit Abstand größter Partner. Wir sind der Bayer AG sehr dankbar. Aber wir müssen gucken, dass wir weitere externe Partner und Sponsoren für die Leichtathletik-Abteilung finden, damit wir dieses Niveau aufrechterhalten können. Da sind Heike und ich dran. In Kürze wird es bei uns in der Abteilung ein Strategiegespräch geben, in dem wir klare Ziele formulieren wollen. Und dann wird es auch wieder einen Aufschwung geben bei der Leichtathletik in Leverkusen.

