- Vor den Australian Open prophezeit die Bundestrainerin aus Köln ein schweren Tennis-Jahr.
- Die Chefin des deutschen Damen-Tennis traut Angelique Kerber trotz problematischer Vorbereitung noch viel zu.
- Bei den Australian Open sieht Rittner eine unwirkliche Situation zwischen Quarantäne und Freiheit.
Frau Rittner, kurz vor Beginn der Australian Open mussten alle Spieler und Betreuer wegen eines positiven Corona-Falles in Quarantäne. Das Turnier soll am Montag dennoch wie geplant starten, mit 30 000 Zuschauern am Tag, die keine Masken tragen müssen. Sie verfolgen das Turnier als Eurosport-Expertin von München aus. Welche Gedanken begleiten Sie?
Es ist beeindruckend, was die Veranstalter seit Monaten auf die Beine gestellt haben, und wie sehr sie darum kämpfen, dass das Turnier stattfinden kann. Mit der Tennis-Brille betrachtet finde ich das schon toll. Und man kann ihnen einfach nur die Daumen drücken, dass sie keine weiteren positiven Fälle haben, und dass es jetzt über die Bühne gehen kann mit schönen Bildern und gutem Tennis. Für eine Spielerin wie Angelique Kerber war es total unwirklich. Sie war wegen eines einzigen Corona-Falls im Flugzeug zwei Wochen in einem ganz harten Lockdown alleine im Hotelzimmer. Dann kam sie nach draußen und konnte sich frei bewegen, auch ohne Maske. Die ist nur beim Einkaufen nötig. Es ist eine spezielle Situation in Australien. Ich schreibe allen meinen Spielerinnen: Genießt es, diese Freiheit.
Was erwarten Sie von Ihren Spielerinnen?
Schon 2020 haben alle wenig gespielt, dann war nach den French Open in Paris wieder drei, vier Monate Pause, dann sind sie nach einer ewig langen Vorbereitung da rüber geflogen. Und eine Spielerin wie Angie Kerber muss dann zwei Wochen dort im Hotelzimmer bleiben. Es ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar, was das für einen Hochleistungssportler bedeutet, sich auf 20 qm einigermaßen fit halten zu müssen. Sportartspezifisch ist das gar nicht möglich. Dann herrscht dort Hochsommer. Sie werden jetzt auch ein wenig Glück brauchen mit dem Wetter und dass sie die Chance bekommen, sich ins Turnier reinzuspielen.
Was ist mit Glück möglich?
Ich traue Angie Kerber schon noch einiges zu. Sie weiß, wie große Matches gespielt werden. Dass sie motiviert ist bis unter die Haarspitzen, zeigt die ganze Situation. Wer in ihrer Situation nicht hinwirft, hat das Herz für den Sport noch am rechten Fleck. Ihre Siege im Vorbereitungsturnier sind schon sensationell. Insofern ist ihr alles und nichts zuzutrauen. Laura Siegemund ist topfit und fühlt sich wohl, sie kann immer mal überraschen, hat allerdings in Serena Williams eines der schwersten Losen in der ersten Runde erwischt. Bei Andrea Petkovic hoffe ich einfach nur, dass das Knie hält, dann ist auch sie für jede Überraschung gut, aber sie hat 2020 sage und schreibe genau ein Match gespielt. Und Mona Barthel, die Vierte im Bunde, hat mit Rückenbeschwerden im letzten Jahr lange pausiert. Sie fühlt sich aber auch gut. Insgesamt ist es eine Wundertüte. Es ist möglich, dass alle weiterkommen, oder dass wir in der zweiten Runde niemanden mehr dabei haben.
Wen sehen Sie im Finale des Damenturniers?
Es gibt einen klaren Favoritenkreis, zu dem natürlich Naomi Osaka gehört, die einst in Australien ihren Durchbruch schaffte, jetzt gesund ist und eine gute Vorbereitung hatte. Dann mit Sicherheit Simona Halep, die sich in Adelaide im Show-Kampf gut präsentiert hat. Auch die Lokalmatadorin Ashley Barty, auch wenn sie ein Jahr nicht gespielt hat. Aber sie ist so talentiert, dass sie das wegstecken kann. Serena Williams darf man nicht vergessen, die sich angeblich wohl fühlt. Dazu Bianca Andreescu, wenngleich sie lange nicht gespielt hat. Und auch die Paris-Siegerin Iga Swiatek, die man auch im Blick haben muss. Ihr werden die schnellen Plätze vermutlich jedoch nicht so entgegenkommen. Allerdings erwarte ich, wie immer in Australien, reichlich Überraschungen.
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Was erwarten Sie vom gesamten Tennis-Jahr 2021 unter dem Druck der Corona-Pandemie?
Ich glaube, dass es eine schwierige erste Jahreshälfte wird. Viele Turniere werden ohne Zuschauer stattfinden müssen, vielleicht finden einige kurzfristig gar nicht statt. Die Spieler und Spielerinnen müssen sehr flexibel sein. Da kann man gar nicht viel planen. Ich arbeite als Bundestrainerin viel im Jugendbereich. Ich habe immer für die nächsten vier Wochen einen Plan A, wenn Turniere stattfinden und einen Plan B, falls sie ausfallen und wir noch Trainingswochen anbieten. Diese Planungen werden immer kurzfristiger, weil sich einfach so viel unabsehbar verändert. Das ist total untypisch für Tennis. Der Tennisspieler hat normalerweise am Anfang des Jahres seinen Plan, stellt sich darauf ein und weiß: Genau so kommt das. Aber jetzt kann kurzfristig immer alles anders kommen. Es werden die Spielerinnen und Spieler am erfolgreichsten sein, die psychisch und emotional mit diesen Gegebenheiten am besten zurechtkommen.
Wie stehen Sie zu dem Gedanken, Sportler privilegiert zu impfen und dadurch große Sport-Events wie Tennis-Turniere, die Fußball-Europameisterschaft oder auch Olympia zu sichern?
Meine Einstellung dazu ist ganz klar: Die Risikogruppen, das Pflegepersonal, die Ärzte, alle im gesellschaftlich relevanten Gruppen, müssen absoluten Vorrang haben. Auch vor den Sportlern. Das eine ist existenziell und lebensrettend. Das andere ist auch Beruf und Vergnügen, aber es muss hinten anstehen. Bei Olympia ist es vielleicht etwas anderes. Tokio ist in der zweiten Jahreshälfte, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sommerspiele ohne Impfung stattfinden würden. Aber wenn sich jetzt im Februar einer von den Sportlern aufregt, dass er nicht geimpft wird, muss man sich an den Kopf fassen. Denn jetzt muss man ganz klare Prioritäten setzen. Das ist meine persönliche Meinung. Entscheiden müssen es dann die in der Politik, die den Überblick haben.



