Tischkicker gilt als Kneipenspaß. Dominik Pfingst von der Kicker Crew Bonn verleiht der Sache sportlichen Ernst - Pfingst war schon zweimal Deutscher Meister. Ein Besuch bei jemandem, der einen Sport betreibt, den alle zu kennen glauben.
TischkickerWo es für einen Kneipenzeitvertreib sportlich ernst wird

Dominik Pfingst von der Kicker Crew Bonn organisiert mit seinem Verein das Turnier der International Table Soccer Federation (ITSF) am 23. und 24. Mai in Bonn.
Copyright: Alexander Schwaiger
Das Knallen springt den Unbedarften von hinten an. Es ist nicht zimperlich, überwältigt alle sofort. Metallisch kalt und ohne Vorwarnung. Ohrenbetäubend. Befände man sich in der Kneipe finge einen danach immerhin ein warmer Jubelteppich auf. Hier im Vereinsheim der Kickercrew Bonn lächelt Dominik Pfingst nur zufrieden – und lautlos. Er hat den Ball ein paar Sekunden lang mit der Puppe eingeklemmt. Dann, in einem unbeobachteten Moment, zieht er die Stange seitlich mit einem schnellen Ruck weg, lässt die Hand flink über den Griff abrollen. Pin-Shot. Lärm. Tor.
Das Einklemmen ist vielleicht Pfingsts Spezialität. Die Puppe lockert dabei immer wieder ihren Griff, lässt aber nicht ganz los. Der Schuss kommt dann unvorbereitet, unberechenbar. Pfingst hat zwanzig Jahre seines Lebens investiert, um ihn zu perfektionieren. Es geht nicht nur um Explosivität und Tempo, sondern ums Vorausdenken. Für Außenstehende ist Tischkicker ein Geschwindigkeitsspiel: Wer am schnellsten dreht, gewinnt. Wer Pfingst genauer beobachtet, merkt: Das stimmt nur zur Hälfte. „Manchmal muss man nicht schneller sein, sondern klüger“, sagt der 38-Jährige.
Belohnung für den cleversten Winkelzug durch die gegnerische Abwehr
Den ohrenbetäubenden Einschlag am Ende gibt es dann als Belohnung für den cleversten Winkelzug durch die gegnerische Abwehr. „Meine Nachbarn wünschten sich auch immer, dass es leiser ist." Er hat schon mit Schaumstoff verkleidet, den ganzen Torkasten mit Schwämmen vollgestopft. Aber hier im Vereinsheim ist das nicht nötig und jeder sieht sofort: Dominik Pfingst liebt die ungedämmte Variante seines Sports.
Der Tisch, über den er sich beugt, steht im Vereinsheim der Kicker Crew Bonn. Auf den ersten Blick wirkt der Raum wie ein Lager. Ein Dutzend der 120-Kilogramm-Schwergewichte steht hier Stirn an Stirn: der deutsche Tisch mit stilisierten Puppen in Schwarz und Grün, alle mit Schirmmützen; der metallisch glänzende Amerikaner; der italienische mit Mannschaften in Blau und Rot; der Österreicher; der Franzose – der einzige, dessen Figuren Gesichter tragen. Wer ans Kickern denkt, denkt an fröhliche Kneipenrunden, ans Draufbolzen nach Dienstschluss im IT-Büro. Die Kicker Crew Bonn verleiht dem Spiel Kontrolle, Passgenauigkeit und sportlichen Ernst.
Der Verein ist das einzige offizielle ITSF Training Center in NRW. An den Wänden prunken Pokale: erste Herren-Bundesliga, erste Damen-Bundesliga, erste Senioren-Bundesliga. Regelwerk, Schiedsrichter, Trainingszeiten. Ein internationales Turnier der International Table Soccer Federation (ITSF) wird hier seit Monaten vorbereitet. In den kommenden Tagen werden 60 grüne Tische angeliefert; Pfingst und seine Vereinskollegen bauen sie in der Hardtberghalle auf. 400 Teilnehmer haben sich angemeldet, um in Bonn Weltranglistenpunkte zu sammeln. „Deutsche, Niederländer, Franzosen, Polen, Italiener. Manche kommen auch aus den USA“, sagt Pfingst und klingt dabei stolz.
Er freut sich auf die lauten Tage. Nicht unbedingt, weil er gewinnen will, sondern weil ein Turnier in der Heimat seinem Sport etwas gibt, was ihm oft fehlt: Sichtbarkeit.

Nur die Mannschaft am französischen Tisch trägt Gesichter. Außerdem arbeitet man hier mit Teleskopstangen, die sich ineinander schieben, statt auf der gegnerischen Seite rauszustechen.
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Auf Sportkanälen im Fernsehen finden Kicker-Fans auch nach langem Zappen kaum etwas, das ihnen zusagt. Wettkämpfe werden zwar gestreamt, Sponsoren gibt es auch. Aber am Ende bleibt es eine Nische – gemessen an dem, was Dart oder E-Sports inzwischen mobilisieren. Auch die DOSB-Anerkennung, das offizielle Siegel des Deutschen Olympischen Sportbundes, steht noch aus, der Antrag wurde 2025 gestellt. Italien, Österreich, Frankreich haben sie bereits. „Es fehlt in Deutschland ein bisschen die Popularität“, sagt Pfingst. An Teilnehmern und Strukturen mangelt es nicht.
Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 50 Tischkicker-Vereine mit 1500 registrierten Spielerinnen und Spielern. „Dazu kommen die, die es in Kneipen tun, auf Pausenhöfen, in Jugendzentren – unregistriert, ungezählt, aber nicht weniger begeistert.“ Der Sport ist organisiert wie sein großer Bruder auf dem Rasen: mit dem Nordrhein-Westfälischen Tischfußballverband, dem Deutschen Tischfußballbund und darüber der ITSF. Mit Bundesligen – für Herren, Damen, Senioren, Junioren. Mit Ranglisten auf Landes-, Bundes- und Weltebene. Mit einer Weltmeisterschaft alle vier Jahre. Mit Nationalspielern im Trikot. Auch Idole gibt es. All die Stars der Szene führt Dieter Thiele an. Ein 100-Kilogramm-Hüne aus der Nähe von Lüneburg, der eigenen Aussagen zu Folge acht Liter Cola am Tag trank – weil er bei seinen manchmal fünfstündigen Trainingseinheiten stark schwitzte. Er hat sämtliche Turniere gewonnen, die der Tischfußball in den 70er und 80er Jahren bereit hielt. Und einmal siegte er auch bei Wetten dass…?, wo er mit verbundenen Augen jeden Schuss versenkte.
Hier ist immer etwas in Bewegung, es ist ununterbrochene Aufmerksamkeit gefordert. Dabei kann ich gut abschalten, alles andere ausblenden.

Sehr stilisiert kommen italienische Puppen in rot und blau daher.
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Dass Pfingst heute in Turnschuhen und Jersey am Tisch steht, geht auf eine dieser zufälligen Begegnungen im Leben zurück, die unscheinbar beginnen und zu folgenreichem anwachsen. Als junger Mann vertrieb er sich die Zeit mit Kneipenspielen: Billard, Darts, Tischkicker. „Letzteres gefiel mir schon damals am besten, weil hier immer etwas in Bewegung ist und es ununterbrochen Aufmerksamkeit fordert. Dabei kann ich gut abschalten, alles andere ausblenden.“
Eines Abends beobachtete er am Nebentisch Spieler mit besonderer Ausrüstung. „Die trugen Golfhandschuhe, hatten Tennisband um Handgelenke und Stangen gewickelt und beherrschten Techniken und Schüsse, die ich so nicht kannte.“ Manche sprühten Möbelspray, um die Stangen geschmeidig zu halten, andere streuten für den besseren Grip Zink-Oxyd aufs Spielfeld. Pfingst war damals Schüler in Dortmund. Zwanzig Jahre später ist seine Erfolgsliste lang: Deutscher Meister im Herren-Doppel, Weltranglistenplatz drei, Gewinner der World Series im Offenen Doppel, Titelverteidiger des ITSF-Turniers in Bonn. Um sein rechtes Handgelenk klebt ein türkisfarbenes Tennisband. „Man schwitzt ja auch und rutscht dann durch. Das will ich vermeiden.“
Neben dem Job trainiert er zwei- bis viermal pro Woche, manchmal allein und stundenlang. „Die Shots müssen sitzen. Gerade im Spiel braucht man die perfekte Technik. Das geht nicht beim ersten Mal.“ Er spielt ein bis zwei große Turniere im Monat – meist in Deutschland und Europa. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass er nach Dallas fliegt, um mehr Praxis auf den amerikanischen Tischen zu sammeln. „Der Boden ist da glatter, man kann die Puppe nicht so gut klemmen. Man muss eher den Pull-Shot üben: aus der Bewegung heraus abfeuern.“ Noch verwirrender für den Abwehrchef Pfingst: 13 Freunde auf dem Feld und dazu in der grotesken Aufstellung 3-2-5-3. Das ist, als stünden Neuer, Ter Stegen und Baumann gemeinsam zwischen den Pfosten.
Vor wichtigen Turnieren guckt sich Pfingst außerdem Videos an. Er analysiert Gegner: „Schießt der 70 Prozent nach links oder nach rechts? Was ist sein Lieblingsschuss? Wo liegen seine Schwächen? Das machen wir alle. Videomaterial gibt es massenhaft.“

Der amerikanische Tisch glänzt nicht nur silberfarben, er verfügt auch über eine sehr glatte Spielfläche. Um sich im Wettstreit daran zu gewöhnen, flog Pfingst sogar mal nach Dallas.
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Eine Inklusionsidee aus Holz und Metall
Die Geschichte dieses Sports beginnt unscheinbar: ein Tisch, ein paar Stangen – und die Idee, dass Fußball auch drinnen stattfinden kann. Der Brite Harold S. Thornton meldete 1922 das erste belegbare Patent für einen Tischfußballapparat beim Londoner Patentamt an. Sein Entwurf ähnelte, so die Überlieferung, bereits verblüffend dem, was heute in Millionen Kneipen, Wohnzimmern und Vereinsräumen steht. Knapp fünfzehn Jahre später, 1937, sicherte sich der Spanier Alejandro Finisterre ein Patent auf eine eigene Version – inspiriert, so heißt es, vom Anblick von Kindern, die nach Kriegsverletzungen nicht mehr auf Rasen spielen konnten. Fußball für alle, auch für diejenigen, die gar nicht rennen und schon gar nicht dribbeln können: eine Inklusionsidee aus Holz und Metall.
Überhaupt ist Kickern eine Beschäftigung, die Unterschiede eher nivelliert. Männer spielen durchaus selbstverständlich gegen Frauen; es gibt extra niedrige Tische mit durchsichtigen Seitenwänden für Rollstuhlfahrer. Und auch nach oben hin ist das Alter offen. „Unser ältester aktiver Spieler geht auf die 90 zu“, sagt Pfingst. Jede Gruppe habe eigene Stärken: Rentner und Studierende viel Zeit zum Training, Männer mehr Schnellkraft, Frauen oft eine überlegtere Taktik und eine sauberere Technik. „Ich habe natürlich auch schon gegen Frauen verloren. Überhaupt sind sie hier in Bonn den Männern überlegen. Sie haben schon zweimal die Bundesliga gewonnen. Das ist dem Männerteam noch nicht gelungen.“

Geht es um die deutschen Puppen, favorisiert Dominik Pfingst die grünen Figuren - wegen des stärkeren Kontrasts zum Ball.
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Im Doppel – zwei gegen zwei, jeder an zwei Stangen – ist Pfingsts Platz die Abwehr, das Tor. Sein Partner steht vorne im Sturm. Sobald der Ball durch das seitliche Loch eingeschoben wird, startet nicht nur eine wilde Torjagd, sondern auch ein taktisches Abtasten: Pfingst beobachtet, wie der gegnerische Stürmer steht, wie er sich bewegt, wo sich eine Lücke in den flitzenden Mannschaftsreihen auftut. 15 Sekunden darf er den Ball an einer Stange führen, mit konzentriertem Blick am Tisch rütteln, dann muss er spätestens entscheiden: Pass zur Mittelstange oder zur 3-er-Stürmer-Reihe. Tödlicher Angriff direkt aufs Tor? Geradeaus oder über die Bande? „Direkt in die Mitte erscheint erstmal attraktiv, birgt aber auch ein hohes Risiko: Zieht der Gegner seine Abwehr perfekt dazwischen, knallt der Ball zurück und in mein eigenes Tor.“

Auch Pokale gibt es beim Tischkickern zu gewinnen. Die Damen der Kicker Crew Bonn konnten schon zweimal die Bundesliga für sich entscheiden.
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Man ahnt schon beim Zuhören, dass Reaktionsgeschwindigkeit hier Voraussetzung ist.
Schnelles Schach, nennt Pfingst das dann auch: Im Wettkampf stehen sich zwei Menschen sehr nah gegenüber. Es geht auch um Nervenstärke, um Täuschungsmanöver, darum, den anderen aus der Deckung zu locken. Ein vorgetäuschter Schuss, der zum Pass wird. Ein Pass, der wie ein Schuss aussieht. Pfingst beugt sich wieder über den deutschen Tisch in grün und schwarz. Die Puppe morst im Stakkato auf der Oberfläche des Balls. Kontrolliert. Dann zieht sie explosionsartig nach rechts ab. Ein Bandenschuss, 90 Grad, mit bis zu 60 Stundenkilometern donnert die Kugel ins lange Eck. Es knallt metallisch kalt und ohrenbetäubend.
Das Internationale Turnier der ITSF findet am Pfingstwochenende in der Hardtberghalle in Bonn statt. 400 Teilnehmer aus ganz Europa werden erwartet.“ Am Samstag finden die Doppel-Disziplinen statt und am Sonntag die Einzel - jeweils vormittags Vorrunde, nachmittags K.O.-Spiele. Am Samstag um 14 Uhr treffen sich zudem die Nationalmannschaften von Deutschland und den Niederlanden zum Testspiel, Pfingst ist da mit von der Partie. Der Eintritt ist frei, Zuschauer sind herzlich willkommen.
Wer selbst spielen will, kann das hier tun: Kicker Crew Bonn e.V., Siemensstraße 14, 53121 Bonn (auch Anfängertraining mit lizensierten Trainern).
