Sonderborg – Tränen flossen kurz nach der Zielpassage aus den Augen von Dylan Groenewegen (29), denn sein Vater war plötzlich herbeigeeilt und gab seinem Sohn ein Küsschen auf die linke Wange. Gleich danach rollte der Sieger der dritten Etappe der Tour de France 2022 tief bewegt zur Siegerehrung. Der Niederländer hatte sich zuvor am Sonntag im dänischen Sonderborg im Sprint-Finale des spektakulär besuchten Tour-Wochenendes in dem skandinavischen Land minimal knapp vor Wout van Aert durchgesetzt, den Belgier im Gelben Trikot.Diese Volte des Ergebnisschicksals ist eine faszinierende Pointe. Denn Groenewegens Erfolg, sein fünfter beim größten Radrennen der Welt, folgt dem seines Landsmannes Fabio Jakobsen (25), der am Samstag die zweite Etappe in Nyborg gewonnen hatte. Groenewegen und Jakobsen verbindet nicht nur ihre Nationalität. Sie sind auch Akteure eines brutalen Zwischenfalls.
Es geschah in Kattowitz
Jakobsen war am Samstag der bisher wohl am meisten bestaunte Teilnehmer dieser 109. Frankreich-Rundfahrt. Denn der Weg, den dieser Sportler hinter sich hat, ist unglaublich. Nach einem fürchterlichen Sturz in Kattowitz im Finale der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt am 5. August vor zwei Jahren war Jakobsen lebensgefährlich verletzt. Er war auf abschüssiger Zielgerade im Vollsprint von Groenewegen gecheckt worden und danach rechts kopfüber komplett durch die Bande gekracht, mit 80 Stundenkilometern auf dem Tacho. Es handelte sich um einen der fürchterlichsten Unfälle, die es in der Welt des Radsports zu sehen gab. Die Folgen waren gravierend für beide.
Groenwegen erlitt einen Schlüsselbeinbruch und wurde von seinem damaligen Team Jumbo-Visma wegen seines skandalösen Verhaltens im Sprint-Duell von Kattowitz bis Jahresende nicht mehr in Rennen eingesetzt. Der Weltverband sperrte den Fahrer ein halbes Jahr. Doch um Jakobsen stand es schlimm.

Sieger am Samstag: Fabio Jakobsen aus den Niederlanden
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Noch auf der Strecke kämpften Mediziner um das Leben des jungen Mannes. Im örtlichen Hospital wurde Jakobsen fünf Stunden operiert und in ein künstliches Koma versetzt, obendrein hatte er zehn Zähne verloren. Es folgten viele weitere Operationen. „Es ging zunächst darum, mich als Mensch zu retten. Dann darum, vielleicht daran zu denken, dass ich mich mal auf ein Rennrad setzen kann. Und schließlich, dass ich es noch mal als Sprinter versuchen darf“, erklärte Jakobsen sehr bewegt am Samstag in Nyborg.
700 Tage später
Und fast 700 Tage nach diesem persönlichen Drama vollendete dieser demütige, freundliche und zurückhaltende Mann, dessen Gesicht nach dem Unfall von Kattowitz zahlreiche Narben durchziehen, seine Rückkehr-Tour mit seinem ersten Etappensieg beim größten Radrennen der Welt. „Das ist ein Märchen. Ich bin unendlich dankbar“, sagte Jakobsen.
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Als Sprinter brauche er ein Team, das auf ihn setze, das habe er mit Quick-Step-Alphavinyl gefunden. Das Vertrauen in die Beine des kräftigen Rückkehrers hatte dessen Teamchef Patrick Lefevere ohnehin nicht verloren: Wegen Jakobsen verzichtete er in diesem Jahr auf seinen berühmten britischen Sprint-Veteranen Mark Cavendish (37). Jenen Cavendish, der im Vorjahr gleich vier Etappen bei der Tour siegreich beendet hatte.
Jakobsen gewann seit seiner Rückkehr im April 2021 mittlerweile 19 Rennen. Groenewegen wiederum gelang in Sonderborg sein sechster Erfolg in diesem Jahr. Am Sonntag zeigte er sich ähnlich bewegt wie Jakobsen am Samstag: „Es war ein langer Weg. Mental war es eine schwere Zeit, nach allem, was passiert ist.“ Dass Jakobsen, am Sonntag Fünfter, die erste Tageswertung gewann, „freut mich über die Maßen. Er ist mega stark.“ Aber am Sonntag habe eben er, Groenewegen, gezeigt, dass auch er wieder in den Klub der besten Sprinter gehöre.



