Abo

Premiere in KölnDeutschlands erster Wasserstoff-Abschleppwagen

6 min

Echter Hingucker: Deutschlands erster Wasserstoff-Abschleppwagen vor dem Neven-DuMont-Haus.

Nachhaltiges Pilotprojekt des ACV testet Vorteile von H2-Antrieb für Nutzfahrzeuge – Vorstellung im Neven-DuMont-Haus.

Der Automobilclub ACV hat einen emissionsfreien Abschleppwagen auf die Straßen gebracht, der mit Wasserstoff fährt. Es ist der erste mit dieser Antriebsart in Deutschland. „Ein Automobilclub hat eine Verantwortung“, sagte Holger Küster, Geschäftsführer des ACV, bei der Vorstellung des Wagens im Neven-DuMont-Haus. Im Talk-Format „ACV Connect“ hat der Club zum Start des Pilotprojekts deutlich gemacht: Wasserstoff kann als emissionsfreier Antrieb auch bei Nutzfahrzeugen künftig eine zunehmend wichtige Rolle spielen – darin einig waren sich die geladenen Experten Sara Schiffer, Gründerin vom emissionsfreien Nutzfahrzeug-Vermieter Hylane, und Martin Jüngel, Geschäftsführer des Wasserstofftankstellen-Betreibers H2 Mobility. Moderiert hat Thorsten Breitkopf, Chefreporter Wirtschaft des „Kölner Stadt-Anzeiger“.

ACV geht neue Wege

Holger Küster rechnet vor: Anzunehmen ist, dass es in Deutschland im Jahr drei Millionen Abschleppvorgänge gibt. Ein Abschleppvorgang verursacht durchschnittlich 17,7 Kilogramm CO2-Emissionen – das macht 53.100 Tonnen CO2, das jährlich allein durch Abschleppvorgänge freigesetzt wird. Der 1962 gegründete Automobil-Club Verkehr, kurz ACV, wickelt jährlich 70.000 der deutschen Abschleppvorgänge für seine mehr als 550.000 Mitglieder ab. Und es dürften deutlich mehr werden, denn der Club wächst dynamisch: Seit Jahresbeginn zählt er 30.000 neue Mitglieder. Mit Abschleppen als Kernaufgabe, suchte der 1962 gegründete Club folglich nach Alternativen im Antrieb seiner Fahrzeuge.

Das Pilotprojekt

Der Wasserstoff-Abschlepper sieht auf den ersten Blick nicht nur aus wie jeder andere Diesel-Abschleppwagen, er ist laut Küster auch in der Leistung „absolut vergleichbar“. Rund 300 Kilometer fährt ein durchschnittlicher Abschleppwagen am Tag, um liegengebliebene PKW-Fahrer aus ihrer Misere zu holen. Der Wasserstoff-Abschleppwagen erzielt eine Reichweite von 450 Kilometern, bevor er betankt werden muss. Genau darin liegt sein Vorteil gegenüber eines rein batterieelektrischen Fahrzeugs – der ja durchaus gängigeren emissionsfreien Antriebsart von Fahrzeugen. Denn während ein elektrischer LKW zwei bis acht Stunden laden muss, wird Wasserstoff getankt, wie man es vom Diesel kennt. Das dauert nur in etwa eine Viertelstunde, ermöglicht dem Pannenservice also, sein Fahrzeug rund um die Uhr im Einsatz zu haben.

Holger Küster, Martin Jüngel, Thorsten Breitkopf und Sara Schiffer (v.l.) im Gespräch.

Bleiben Sie künftig als ACV Mitglied in unserer Region liegen, könnte der Abschlepper auch Ihnen zur Hilfe eilen. Das Fahrzeug in leuchtendem Orange und Türkis ist im Einsatz bei einem Pannenservice, der Vertragspartner des Automobilclubs ist und in Köln seinen Sitz hat. Erste Reaktion eines Fahrers des Unternehmens auf dem Weg zur Vorstellung lautete übrigens: „Fährt super!“ Auch Fahrer profitieren, denn Wasserstoff-Fahrzeuge sind viel leiser als herkömmliche Dieselfahrzeuge. Wer seinen Arbeitstag im LKW oder Abschlepper verbringt, ist sonst einer erheblich höheren Lärmbelastung ausgesetzt.

Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen wasserstoffbetriebenen PH2P-Truck des Herstellers Paul Nutzfahrzeuge, der zu einem vollwertigen Abschleppfahrzeug umgerüstet wurde. Das Projekt gilt als technische Premiere: Erstmals überhaupt wird ein Schiebeplateau mit Abschleppbrille auf einem wasserstoffbetriebenen Lkw eingesetzt. Das 6,5 Meter lange Schiebeplateau verfügt über eine Tragkraft von 4.000 Kilogramm, die Hubbrille erreicht eine Hublast von 2.000 Kilogramm. Die 85 Kilowatt-Brennstoffzelle sorgt für 200 Kilowatt-Antrieb. Der Tank fasst 30 Kilogramm Wasserstoff – chemische Bezeichnung: H2. Küster sagt: „Wir wollen uns dem Thema Nachhaltigkeit mit Fakten nähern.“ Wasserstoff sehe er nicht in allen Bereichen der Mobilität als die beste Antriebsart an, sagt aber: „Der Wasserstoffantrieb entspricht dem Einsatzspektrum eines Abschleppers mit potenziell 24 Stunden Betriebszeit.“

Wieso Wasserstoff?

Sara Schiffer weiß: „Bei Nutzfahrzeugen ist es wichtig, dass sie rund um die Uhr auf den Straßen sind.“ Eine Flotte bräuchte „wesentlich mehr Fahrzeuge“, wenn ihre Betreiber nur auf batterieelektrische Lkw setzten, eben wegen der Ladezeiten, sagt die Geschäftsführerin von Hylane. Auch reagiert der Wasserstoffmotor weniger sensibel auf Hitze und Kälte. Wer ein E-Auto fährt, hat sicherlich schon einmal im Winter feststellen müssen, dass die Leistung abgefallen ist. Hylane hat den direkten Vergleich, das Unternehmen mit Sitz in Köln vermietet sowohl Wasserstoff- als auch Batterie-LKW und Transporter. Ein weiterer Grund, wieso Schiffers Kunden gezielt auf die H2-LKW setzten, sei die Unabhängigkeit der Energieversorgung. Denn nicht überall in der Region, in Deutschland und Europa ist das Stromnetz so ausgebaut ist, dass eine Flotte ohne großen Aufwand dort beladen werden kann, wo es für ein Unternehmen sinnvoll wäre. Da kommt Martin Jüngel ins Spiel, der CFO und Geschäftsführer von H2 Mobility, Europas größter Betreiber von öffentlichen Wasserstofftankstellen, baut diese Infrastruktur weiter aus. Er erklärt, wieso Wasserstoff zu tanken flexibel ist: Die neusten Tankstellen brauchen noch nicht einmal mehr einen eigenen Tank für Wasserstoff, sondern nutzen die Auflieger der Anlieferer, in denen der Wasserstoff transportiert wird gleich als solchen. Ist er leer, holt der Lieferant ihn wieder ab und lässt seinen vollen Auflieger da.

Hochkarätige Fachleute diskutierten angeregt auf dem Podium vor dem interessierten Publikum.

Wirtschaftlichkeit erreicht

Während Wasserstoff bei Bussen schon etablierter ist, ist die Antriebsart bei LKW noch nicht vergleichbar weit verbreitet. Moderator Thorsten Breitkopf will wissen, wann Wasserstoff wettbewerbsfähig wird. Schiffer sagt: „Bislang waren wir in der Phase, in der sich Nutzer rein aus nachhaltigen Gründen für ein Wasserstoff-Fahrzeug entschieden haben. Jetzt startet die Phase, in der es sich wirtschaftlich rechnet.“ Batteriebetriebene Fahrzeuge sind derzeit in der Regel noch günstiger, Schiffer erklärt: „Weil die Technologie weiterentwickelt ist. Aber der gleiche Trend ist jetzt schon bei Wasserstoff zu sehen.“ Auch Jüngel sagt: „Gerade jetzt.“ Er spricht vom „Hochlauf“ der Technologie, der zurzeit stattfinde, und seiner Einschätzung nach bis in die Mitte der 2030er Jahre andauern wird. „In der Zukunft werden sich Wasserstoff und Batterie in der Logistik ergänzen“, sagt Jüngel. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit ist der Preis von Wasserstoff. An einzelnen Standorten in der Region lässt er sich mittlerweile für acht Euro pro Kilo tanken – ein wichtiger Meilenstein, um die Technologie voranzubringen. „Acht Euro sind der Wert, den wir preislich benötigen“, sagt Holger Küster.

Auch haben Unternehmen, die eine emissionsfreie Flotte betreiben, über die Treibhausgasminderungsquoten der Europäischen Union einen finanziellen Vorteil. Dazu sind emissionsfreie LKW sind im Gegensatz zu Diesel-LKW von Maut befreit. „Dadurch wird H2-Antrieb tatsächlich die wirtschaftlich günstigere Variante“, sagt Jüngel.

Stimmen zur Veranstaltung

Holger Küster, Geschäftsführer ACV: „Mit dem Pilotprojekt wollen wir Erfahrungen sammeln und deutlich machen, dass die Zukunft der Pannen- und Unfallhilfe emissionsfrei sein kann.“

Dr. Sara Schiffer, Gründerin und Geschäftsführerin Hylane: „Wasserstoff-Fahrzeuge sind emissionsfrei und haben auch wirtschaftliche Vorteile gegenüber Diesel-LKW“

Martin Jüngel, CFO und Geschäftsführer H2 Mobility: „In der Zukunft werden sich Wasserstoff und Batterie in der Logistik ergänzen.“

Thorsten Breitkopf, Moderator und Chefreporter Wirtschaft des Kölner Stadt-Anzeiger: „Ob Wasserstoff eine Alternative zum elektrischen Antrieb ist, wird die Zukunft zeigen.“