Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Mitbestimmung, nicht nur in der Theorie - Ein Plädoyer
Internationaler Tag der BildungDarum sollte die Jugend mehr mitbestimmen

Studien beweisen: Mitsprache und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen stärken die Gesellschaft.
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Bildung ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben – daran erinnert der heutige Internationale Tag der Bildung. Dazu zählt auch, dass das Recht der jungen Generation auf Mitbestimmung in der Praxis verankert wird. Ob schnelles Internet, zuverlässiger Nahverkehr, Einhalten der Klimaziele oder eine gute Gesundheitsversorgung – das alles betrifft auch junge Menschen jetzt und in Zukunft.
Es geht um 22 Millionen Kinder und Jugendliche, 14 Millionen davon sind im Alter zwischen zwölf und 27 Jahren, die derzeit in Deutschland leben. Um die Themen, Perspektiven und Wünsche dieser Jugendlichen, die knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, stärker in politischen Entscheidungen zu berücksichtigen, ist im Jahr 2019 die Jugendstrategie der Bundesregierung ins Leben gerufen worden.
Junge Menschen brauchen eine Jugendpolitik, die den Namen verdient
Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass junge Menschen für ihre Entwicklung zu selbstbestimmten und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten bestmögliche Bedingungen brauchen und damit auch eine eigenständige Jugendpolitik – für, mit und von jungen Menschen.
Gründe, warum es so wichtig ist, junge Menschen an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen, gibt es massenhaft – rechtlich wie ethisch. Mitbestimmung wirkt sich positiv auf die persönliche Entwicklung und die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen aus, sie verbessert nachweislich die Qualität gesellschaftlicher Entscheidungen, stärkt die Demokratie und ist – nicht zuletzt – ein grundlegendes Kinderrecht.
Junge Mitbestimmung macht stark und bildet
Mitbestimmung und Beteiligung machen Kinder und Jugendliche stark, indem sie ihnen Selbstwirksamkeit vermitteln. Dadurch, dass sie erleben, etwas bewirken zu können, werden Kompetenzen wie Selbstvertrauen, Eigenverantwortung, soziales Verantwortungsgefühl und das Vertrauen in die Politik gestärkt. Wenn die Interessen junger Menschen in Entscheidungen, die sie direkt betreffen, einbezogen werden, führt das zu fairen Lebensverhältnissen.
Kinder sind nicht passive Patienten sondern aktive Beteiligte ihrer eigenen Gesundheitsversorgung. Wir wissen aus Studien, dass sie von verständlicher Information und echter Mitsprache deutlich profitieren. Es ist unsere Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kindern ermöglichen, ihre Stimme zu nutzen und gehört zu werden
Junge Menschen haben Perspektiven auf ihr Umfeld, die Erwachsene nicht ersetzen können. Ihre Einbindung führt nachweislich zu besseren politischen Ergebnissen. Wenn Jugendliche ihre Umgebung mitgestalten, erhöht das auch ihre Identifikation mit ihrem Wohnort. Was mehrere Studien bewiesen haben: Frühe, positive Erfahrungen mit Teilhabe und Mitbestimmung steigern die Lust auf langfristiges Engagement.
Wenn die Jugend mitentscheidet, kommt das allen zugute
Schließlich kommt all das der Gesellschaft zugute: Indem junge Menschen lernen, eigene Meinungen zu bilden und zu äußern, Entscheidungen zu treffen, Kompromisse zu finden, stärkt das die Demokratie. Was gerne vergessen wird: Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an (politischen) Entscheidungen etwa in einer Stadt oder Gemeinde ist mehr als nur ein wünschenswerter Zusatz, sie ist ein grundlegendes Kinderrecht, das national wie international gesetzlich verbrieft ist.
Laut Sozialgesetzbuch (SGB VIII) ) Paragraf 8 und 11 ist die Jugendhilfe dazu verpflichtet, Kinder und Jugendliche entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen und Angebote zu schaffen, die von ihnen selbst mitgestaltet werden können. Viele Kommunalgesetze schreiben zudem die Beteiligung bei Planungen vor, die junge Interessen berühren – wie Grünanlagen, Sport-, Spiel- und andere Freizeitplätze.
Mitbestimmung ist ein (in)ternational verbrieftes Recht
Die UN-Kinderrechtskonvention betont das Recht von Kindern und Jugendlichen, in allen sie berührenden Angelegenheiten ihre Meinung frei zu äußern. Die Vertragsstaaten sichern zu, die Meinung des Kindes und der oder des Jugendlichen angemessen zu berücksichtigen. So ist unter anderem geregelt, dass „zu diesem Zweck dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben (wird), in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder direkt oder durch einen Vertreter gehört zu werden“.
Trotz all dieser Erkenntnisse und rechtlichen Vorgaben mangelt es in Deutschland in der Praxis an vielen Stellen weiterhin an Mitwirkungsmöglichkeiten. Im 17. Kinder- und Jugendbericht des „Familienministeriums“ ist sogar von „Nichtbeteiligung der Jugend“ die Rede. Die Autorinnen und Autoren kritisieren darin, dass insbesondere in den multiplen Krisen der vergangenen Jahre die Anliegen von jungen Menschen bei Entscheidungen kaum – bis gar nicht – berücksichtigt wurden. Nur ein kleiner Teil der befragten Jugendlichen fühlt sich bei kommunalen Entscheidungen ausreichend gehört.
Studien bestätigen: Junge Menschen fühlen sich nicht ernst genommen
Der Teilhabeatlas 2025 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zeigt: Junge Menschen wollen sich beteiligen, und sie haben Ideen, wie sie ihre Umgebung besser gestalten können. Sie haben aber häufig das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden und erfahren, dass ihre Ideen nicht wirklich umgesetzt werden. Es fehlt ihnen an echten Beteiligungsformaten, die ihnen Mitsprache und Mitbestimmung auf Augenhöhe ermöglichen, an Freizeitmöglichkeiten und öffentlichen Aufenthaltsorten, die ihnen Raum für Gestaltung geben, an Selbstbestimmung und eigenständiger Mobilität.
Laut des aktuellen Berichts der Stiftung Kindergesundheit möchten junge Menschen sogar in puncto Gesundheitsversorgung mehr mitmischen können. „Kinder sind nicht passive Patienten sondern aktive Beteiligte ihrer eigenen Gesundheitsversorgung. Wir wissen aus Studien, dass sie von verständlicher Information und echter Mitsprache deutlich profitieren. Es ist unsere Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kindern ermöglichen, ihre Stimme zu nutzen und gehört zu werden“, schreibt der Stiftungsvorsitzende Berthold Koletzko im Vorwort des Kindergesundheitsberichts 2025.
Kinder und Jugendliche möchten auch in puncto Gesundheit mitreden
Rund ein Drittel der befragten acht- bis 17-Jährigen berichtet, beim Arzt nur wenig mitentscheiden zu können. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) wünscht sich ausdrücklich mehr Mitsprache. 48 Prozent der jungen Befragten geben an, dass ihnen einfachere Erklärungen helfen würden, medizinische Entscheidungen besser zu verstehen. Viele Kinder wünschen sich außerdem, dass Ärztinnen und Ärzte häufiger direkt mit ihnen sprechen (29 Prozent) und sich mehr Zeit für ihre Fragen nehmen (27 Prozent). Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass junge Menschen sehr gut in der Lage sind, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern – vorausgesetzt, sie werden verständlich informiert. Was die Studie auch zeigt: Kinder, die in Entscheidungen einbezogen werden, entwickeln ein deutlich besseres Gesundheitsverständnis.
