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Zweitleben im NetzViele Jugendliche verbringen mehr Zeit online, als gut für sie ist

5 min
Ein Mädchen sitzt auf ihrem Bett und schaut besorgt auf ihr Handy.

Viele Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit am Smartphone. 

Der Konsum von Sozialen Medien führt bei immer mehr Jugendlichen zur Isolation. Begegnungen im echten Leben werden regelrecht verlernt. Zahlreiche Stellen bieten  Eltern und Jugendlichen Hilfen.

Noch nie war es für Kinder und Jugendliche so leicht, miteinander in Kontakt zu treten. Nachrichten fliegen in Sekunden um die Welt, Bilder werden geteilt, Reaktionen folgen in Echtzeit. Freundschaften scheinen jederzeit verfügbar, Beziehungen nur einen Fingertipp entfernt. Laut JIM-Studie 2024 nutzen 90 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen in Deutschland täglich das Internet, rund 80 Prozent sind jeden Tag in sozialen Netzwerken unterwegs – im Schnitt mehr als drei Stunden. Und trotzdem geben immer mehr junge Menschen an, sich einsam zu fühlen – denn die Verbindung scheint nicht mehr zu verbinden. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist längst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und ein wachsendes gesellschaftliches Problem.

Denn die Einsamkeit junger Menschen ist kein Randphänomen mehr. Und sie ist vor allem eines nicht: eine Phase, die von selbst wieder verschwindet. Soziale Medien versprechen Nähe. Aber es ist eine Nähe ohne Verpflichtung. Denn digitale Kommunikation folgt anderen Regeln. Sie ist schnell, bruchstückhaft und jederzeit abbrechbar. Und genau darin liegt ihr Mangel. Was jungen Menschen fehlt, ist nicht Austausch, sondern Widerstand. Begegnungen, die nicht ausweichen, Beziehungen, die Bestand haben, und Situationen, in denen man einander aushalten muss. Besonders problematisch ist, dass Einsamkeit und Social Media sich häufig gegenseitig verstärken. Wer sich isoliert fühlt, greift eher zum Smartphone, in der Hoffnung auf Anschluss. Doch genau diese Form der Nutzung kann das Gefühl verstärken, nicht wirklich dazuzugehören.

Likes und Reichweite werden zu einer Art sozialer Währung

Forschende sprechen hier von einer negativen Rückkopplungsschleife: Einsamkeit führt zu mehr Online-Zeit, und mehr Online-Zeit kann Einsamkeit vertiefen. Hinzu kommt der ständige Vergleich. Kuratierte Leben, mühelos wirkende Nähe, glatt polierte Wirklichkeit. Für junge Menschen, die ihren Platz in der Welt erst noch finden, kann das zur ständigen Messlatte werden. Nicht selten bleibt das Gefühl zurück, selbst nicht zu genügen. Gerade in der Jugend ist das Bedürfnis nach Rückmeldung besonders ausgeprägt. Anerkennung wird gesucht, Zugehörigkeit erprobt. In digitalen Räumen wird diese Rückmeldung vermeintlich messbar. Likes, Kommentare und Reichweite entwickeln sich zu einer Art sozialer Währung. Bleiben Likes und Kommentare aus, wird das schnell als persönliche Zurückweisung erlebt. Auf Dauer kann das den Selbstwert untergraben und die Anfälligkeit für psychische Belastungen erhöhen.

Aus digitalen Räumen können sich Jugendliche zurückziehen

Verstärkend wirkt ein Effekt, der oft unterschätzt wird. Digitale Räume erlauben es, sich unangenehmen Situationen jederzeit zu entziehen. Eine Nachricht kann unbeantwortet bleiben, ein Beitrag einfach weggewischt werden. Diese Muster bleiben nicht folgenlos. Das Gehirn lernt, Konflikten auszuweichen, statt sie auszutragen. Was online funktioniert, prägt auch das Verhalten außerhalb des Bildschirms. Forschende sprechen von emotionaler Konditionierung. Diese Entwicklung trifft auf eine Lebensphase, in der zentrale Fähigkeiten erst entstehen. Impulskontrolle, emotionale Regulation und soziale Kompetenz formen sich in der Auseinandersetzung mit anderen. Wenn reale Begegnungen aber seltener werden, fehlen wichtige Erfahrungsräume. Situationen, die nicht einfach abgebrochen werden können, werden dann oft als besonders belastend empfunden. Die Folge ist nicht selten ein Rückzug aus genau den Momenten, die eigentlich stärken würden. Was hier beginnt, bleibt nicht folgenlos.

Langzeitstudien zeigen, dass Einsamkeit im Kindes- und Jugendalter kein vorübergehendes Gefühl bleiben muss. Eine Untersuchung der Universität Leipzig aus dem Jahr 2023 kommt zu dem Ergebnis, dass sich frühe Einsamkeitserfahrungen über Jahre hinweg stabilisieren und das Risiko für psychische Erkrankungen deutlich erhöhen können. Auch internationale Längsschnittstudien, etwa aus Großbritannien, belegen: Wer sich in jungen Jahren dauerhaft isoliert fühlt, hat ein signifikant höheres Risiko für Depressionen, Angststörungen und sozialen Rückzug im Erwachsenenalter. Gleichzeitig verstärken soziale Medien genau die Mechanismen, die Einsamkeit begünstigen. Eine aktuelle britische Studie zeigt: 70 Prozent der befragten Jugendlichen sehen ihr Körperbild durch soziale Netzwerke negativ beeinflusst, mehr als die Hälfte berichtet von einem schlechteren emotionalen Zustand nach der Nutzung von Sozialen Medien.

Was hier entsteht, ist ein subtiler Druck: das Gefühl, nicht mithalten zu können. Was also tun? Die gute Nachricht: Einsamkeit ist kein Schicksal. Aber sie braucht Aufmerksamkeit. Die Antwort liegt selten in radikalen Verboten. Sie beginnt im Kleinen. In gemeinsamer Zeit, die nicht nebenbei stattfindet. In Gesprächen, die echtes Interesse zeigen, statt Kontrolle auszuüben. In der Bereitschaft, sich auf die digitale Lebenswelt junger Menschen einzulassen, ohne sie vorschnell zu bewerten. Die Fragen „Was schaust du da eigentlich?“ oder „Wie fühlst du dich danach?“ können mehr verändern als jede Bildschirmzeitregel. Das bedeutet aber nicht, dass die Nutzungsdauer keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Eine Untersuchung der Universität von Pennsylvania belegt, dass bereits eine Reduktion der Social-Media-Nutzung auf 30 Minuten pro Tag nach drei Wochen zu messbar weniger Einsamkeit und depressiven Symptomen führte. Genau deshalb sollten Warnsignale ernst genommen werden: Rückzug, Reizbarkeit, Schlafprobleme oder ein plötzlicher Verlust von Interesse an Hobbys oder sozialen Kontakten können Hinweise darauf sein, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Raum für echte Begegnungen sollen geschaffen werden

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Einsamkeit inzwischen als relevantes Gesundheitsrisiko ein, vergleichbar mit Faktoren wie Bewegungsmangel oder Übergewicht. Einsamkeit bei jungen Menschen ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches. Denn Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der digitale Räume selbstverständlich sind – aber echte Begegnungen oft weniger werden. Deshalb braucht es mehr als nur Regeln. Es müssen Räume für Begegnung geschaffen werden, in denen das kulturelle Angebot für Kinder und Jugendliche ausgebaut werden kann. Denn am Ende bleibt etwas, das sich durch keine App ersetzen lässt: Echte Zuwendung. Oder anders gesagt, das Gefühl, gesehen zu werden – nicht geliked.


Hilfe vor Ort: Medienkompetenztrainings

  1. KIDSmiling e.V.: Medienkompetzentrainings für Kinder und Jugendliche inklusive Nutzung von sozialen Medien kidsmiling.de/projekte/digitalprojekt
  2. Mediensuchtprävention NRW e.V.: Angebote für Schulen und Jugendliche zum Thema Mediensuchtprävention und Kompentenztrainings mediensuchtpraevention-nrw.de
  3. Sozialdienst katholischer Frauen (SkF): Digital Coaching: Eltern lernen, Geräte kindersicher einzurichten natascha.wirth@skf-koeln.de
  4. Jugendzentren Köln: Medienkompetenzprojekte für Schulen und Jugendeinrichtungen jugz.eu/medienarbeit
  5. AWO Köln: Medienkompetenztrainings und Gewaltprävention guenter@awo-koeln.de
  6. KOMEZ Köln: Kommunales Medienzentrum der Stadt, medienzentrum@stadt-koeln.de