Mentale Gesundheit bei KindernDer richtige Umgang mit dem Leistungsdruck

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Julia Körtgen, Sophie Wolf und Safiya Larhtami organisieren den Info-Tag gemeinsam.

Köln – Julia Körtgen findet erschreckend, was sie auf einem einwöchigen Segeltrip mit Jugendlichen beobachtet hat. „Wir wollten mit den 15 Teilnehmern einfach eine gute Zeit haben und dahin segeln, wo der Wind uns hintreibt“, erzählt die Referentin der „Evangelischen Jugend in Köln“ im Kinder- und Jugendbüro am Alter Markt. Stattdessen haben die Mädchen und Jungen abends Mathe-Hausaufgaben gemacht und für die nächste Bio-Klausur gelernt. „Das war erschreckend. Die Jugendlichen haben in ihrer Freizeit keine Zeit für Freizeit.“

Bei diesem Satz nicken Sophie Wolf (17) und Safiya Larhtami (16). Die Schülerinnen sind im Vorstand der Bezirksschülervertretung (BSV) Köln und organisieren gemeinsam mit dem Kölner Jugendring einen Fachtag über mentale Gesundheit. Sie wollen Schüler, Lehrerinnen und Experten zusammenbringen, um über Suizidversuche, Magersucht, Panikattacken und Depressionen zu sprechen. Das Motto ist „Break the Silence“, brich das Schweigen.

Corona-Pandemie hat erhebliche Schäden angerichtet

Laut dem neuen Jugendreport der DAK-Gesundheit hatte die Corona-Pandemie erhebliche Folgen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Zwar gingen die Behandlungszahlen im Jahr 2021 insgesamt um fünf Prozent zurück. Gleichzeitig stiegen einzelne psychische Erkrankungen in bestimmten Altersgruppen deutlich an. So wurden 54 Prozent mehr Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aufgrund von Essstörungen behandelt. Bei Angststörungen gab es bei jugendlichen Mädchen ein Plus von 24 Prozent. In der Gruppe der zehn- bis 14-jährigen Mädchen stieg die Neuerkrankungsrate bei Depressionen um 23 Prozent, bei den 15- bis 17-jährigen Mädchen um 18 Prozent im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit.

Jugendverbände beklagen, dass die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in staatlichen Programmen wie „Aufholen nach Corona“ kaum eine Rolle spielte. Auch in den Schulen stand immer das Nachholen des Lernstoffes im Vordergrund.

Täglicher Leistungsdruck im System Schule

Am Fachtag sollen nicht nur psychische Erkrankungen eine Rolle spielen, sondern auch der enorme Leistungsdruck, dem Schülerinnen und Schüler in einem G8-Schulsystem mit Lehrermangel ausgesetzt sind.

Safiya Larhtami gibt regelmäßig Mathenachhilfe in der achten Klasse und sagt: „Meistens ist nicht der Stoff das Problem, sondern die Sicht, die Achtklässlerinnen auf die Schule haben. Bei meiner Schülerin bricht eine Welt zusammen, wenn sie in der Klausur sitzt und nicht alle Antworten weiß.“

So können Sie helfen

wir helfen: damit in der Krise kein Kind vergessen wird

Mit unserer Aktion „wir helfen: damit in der Krise kein Kind vergessen wird“ bitten wir um Spenden für Projekte, die Kinder und Jugendliche wieder in eine Gemeinschaft aufnehmen, in der ihre Sorgen ernst genommen werden.  

Bislang sind 1.328.993,90 Euro (Stand: 27.09.2022) eingegangen.Die Spendenkonten lauten:„wir helfen – Der Unterstützungsverein von M. DuMont Schauberg e. V.“Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25

Mehr Informationen und Möglichkeiten zum Spenden unter www.wirhelfen-koeln.de.

Auch ihre jüngere Schwester berichte, dass in jeder Prüfung mindestens eine Person in der Klasse eine Panikattacke erleidet. „Wir fordern mehr Hilfe und Anlaufstellen“, sagt Safiya Larhtami. „Jemand muss uns jungen Menschen zeigen, wie wir mit dem ganzen Stress und Leistungsdruck umgehen sollen.“ Neben den Folgen der Corona-Pandemie geht auch der Ukraine-Krieg an vielen Mitschülern und Mitschülerinnen nicht spurlos vorbei, sagt Sophie Wolf.

Keinen Raum für aktuelle Themen wie den Ukraine-Krieg

„Mein Sowi-Lehrer wollte mit uns über den Ukraine-Krieg reden. Aber wegen der anstehenden Klausur und dem Zentralabitur konnte er das nicht.“ Nie sei Zeit, um mal über die drängenden aktuellen Themen zu reden. „Für die Frage, wie es uns eigentlich mit all dem geht, gibt es keinen Raum“, sagt Sophie Wolf. An vielen Gymnasien gäbe es im Gegensatz zur Gesamtschule keinen Schulsozialarbeiter, mit dem die Schülerinnen und Schüler auch mal über private Probleme reden könnten.

Beim geplanten Fachtag sollen sich zum Beispiel Beratungsangebote wie die „Nummer gegen Kummer“ des Kinderschutzbundes und der Stadt vorstellen. Außerdem haben die Veranstalterinnen Sport- und Freizeitverbände eingeladen, die aufzeigen können, wie hilfreich Sport, Bewegung und Ablenkung vom Schulstress für die mentale Gesundheit sein kann. Der Jugendring hat auch Politikerinnen und Politiker dazu gebeten. „Die Schüler sollen endlich gesehen werden und sich ernst genommen fühlen“, sagt Thorsten Buff vom Kölner Jugendring.

Der „Break the Silence“-Day findet am 4. November, 13 bis 18 Uhr, in der IGIS Gesamtschule am Severinswall statt. Interessierte Schüler, Lehrer und Mitwirkende können sich per E-Mail anmelden: schule@koelner-jugendring.de

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