ProjektantragAm Ende der Produktionskette

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Ein-Euro-Kraft Kev Tugrul hat Hilfe bei der Essensausgabe.

Leverkusen – Die Spüle: scheint jeden Moment zusammenzubrechen. Die Möbel: stammen aus einer Hotelauflösung. Vier Kochstellen: Kategorie behelfsmäßig. Die Anrichte: eine Spende des Seniorenheims. Die Küche im Jugendzentrum Bunker der Jungen Gemeinschaft Leverkusen ist das, was Reiner Hilken eine Epochenküche nennt. Den 20 bis 40 Kindern und Jugendlichen, die täglich anstehen, um etwas Warmes zu essen zu bekommen, ist das egal.

In dem alten Weltkriegsbunker in der Dr.-August-Blank-Straße nahe der Wiesdorfer S-Bahn-Station gibt es keinen Induktionsherd und kein Tageslicht, dafür viel Herzenswärme, super Proberäume für laute Instrumente, und im Sommer besticht ein 3000 Quadratmeter großer Garten vor der Tür.

„Was wir hier machen, ist Elementarpädagogik“, begrüßt der Leiter der Einrichtung den Besuch und erklärt das wilde Geschrei: Reinkommen, wohlfühlen und „mal nicht funktionieren müssen“ ist die Erfolgsdevise des 55-jährigen Sozialarbeiters, um überhaupt erst einmal Zugang zu den vielen Mädchen und Jungen zu finden.

Nach dem Essen werden Probleme unter zwei Kindern „unter sechs Augen“ geklärt. Jeder, der kommt , wird auch persönlich verabschiedet.

Ein Stab aus acht Ehrenamtlern

Als 14-jähriger Ehrenamtler begann Hilken hier, als er seinem Vater dabei half, die Elektronik des Hauses in Schuss zu halten. Seitdem hat der 55-Jährige viel gesehen. „Die Elternhäuser sind stark auf dem Rückmarsch“, sagt er heute und drückt so den Grund für vieles aus, was er hier täglich an Armut und damit einhergehender Aggression durch die Räume toben sieht. Oberstes Ziel beim Essen nach dem Sattwerden ist die Gemeinschaft. „Mit anderen gemeinsam zu essen ist für viele hier das Highlight des Tages.“ Dazu gehört auch, Teller und Besteck selbst zu spülen. Hier konsumiert der Nachwuchs nicht nur, sondern ist mit im Boot, sagt Hilken. Was es zu essen gibt, ist dabei zweitrangig und ist zudem gar nicht planbar.

Ein Stab aus acht Ehrenamtlern, die sich abwechseln („Der älteste ist 90 Jahre alt“), und Harald Herz („Ich habe hier als Ein-Euro-Jobber angefangen.“) als einziger hauptamtlicher Logistiker, dessen Lohn ebenfalls aus Spenden finanziert werden muss, klappern täglich Supermärkte ab und sichten das, was dort weggeworfen würde. „Wir sind ja am Ende des Produktionskreislaufes“, sagt Hilken. Mal fällt der „Überhang“ an Salat ab, mal schon etwas reiferes Obst. Brot gibt es meistens von der Tafel. „Lebensmittelakquise“ heißt das. Das Team prüft alles nach Optik und Geruch und transportiert das, was noch vertretbar ist, in den Bunker – sowie 13 weitere Kinder- und Jugendeinrichtungen aus einem Netzwerk namens „Jugendszene Lev“. Zudem ist der Bunker im Kreis „Kinderarmut“ und koordiniert „nebenbei“ auch „Kleinigkeiten“ wie 200 Weihnachtsgeschenke für bedürftige Kinder. Nach dem Essen, wohlgemerkt.

Heute gibt es mal wieder „gemischtes Allerlei“: Gemüsepfanne mit Kartoffeln, dazu Salat und – wer will – Dessert. Und es gibt keinen, der nicht will. Heute sind es mal vornehme Tortenstücke. Oft es aber auch nur ein Teilchen vom Vortrag. Doch egal, was: Das Spiel um den Nachtisch ist Kult. Denn erst, wer erraten hat, welches Tier die Mitarbeiter aus dem Buch umschreiben – heute sind es Vögel –, darf aufspringen und als Nächstes von dem Tablett wählen, auf dem das Team die Essen zubereitet. Kochen dürfen die Helfer nicht. Zu alt, die Epochenküche. Um eine Ausstattung, die den modernen Anforderungen der Hygieneaufsicht entspricht, anzuschaffen, fehlt ihnen schlicht das Geld. Das ist Hilkens Wunsch für das neue Jahr: „Eine richtige Küche für die Kinder, in der wir kochen dürfen. Nicht so ein Sammelsurium.“

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