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„wir helfen“-JahresthemaDer tiefe Wunsch nach Gemeinschaft

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Auszug aus dem neuen "wir helfen"-Flyer.

Köln – Herr Ottersbach, wie wichtig ist die Gemeinschaft jeden Einzelnen? Sie kann eine wesentliche Rolle einnehmen, wenn wir zum Beispiel als Person wahrgenommen und bestätigt werden wollen. Dieser tiefe Wunsch nach  Anerkennung, Austausch und gemeinsamen Werten ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken – ohne Gemeinschaft kann kein Mensch existieren.

Zur Person

Markus Ottersbach ist Professor für Soziologie, Direktor des Institus für Migration und interkulturelle Entwicklung und Leiter des Forschungsschwerpunkts „Migration und interkulturelle Kompetenz“ an der TH Köln.Professor Ottersbach hat u.a.  über Integration, Gemeinschaft und Ausgrenzung geforscht.

Welchen Einfluss hat das Miteinander auf die Persönlichkeitsentwicklung? Alles, was in uns vorgeht, ist auf unser Umfeld bezogen – von der Geburt an. Im Austausch mit anderen entwickeln wir unsere Persönlichkeit, unsere  Wahrnehmung, Identität, unser Denken und Verhalten.  Die Gemeinschaft stärkt unser Selbstbewusstsein, lässt uns einen gesunden Selbstwert entwickeln.

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Soziologisch gesehen haben  Gemeinschaften vor allem eine identitätsstiftende Funktion. Ob beim FC, im Karnevalsverein oder in der katholischen Gemeinde  –   hier fühlt man sich zuhause,  ist seinesgleichen, teilt gleiche Interessen und Werte.

Was Letzteres betrifft,  haben  Gemeinschaften aber auch etwas Ausgrenzendes. Gemeinschaften definieren sich durch Abgrenzung – FC-Fans grenzen sich von Schalke-Fans ab, Blaue Funken von den roten oder Katholiken von Protestanten.   Im Gegensatz zur Gesellschaft allerdings hat man im Falle  eines Austritts aus einer Gemeinschaft die Chance, sich eine neue zu suchen.   Die gesellschaftlich bedingte Ausgrenzung hingegen  hat existenzielle Züge.  Wenn zum Beispiel eine Schülerin oder ein Schüler  wegen Schulverweigerung oder zu vieler Verweise  vom Schulsystem ausgeschlossen wird, ist die Gefahr groß, dass die Person  auf der Straße landet oder eine Straftat begeht. Wenn sie zudem keinen Bezug zu einer  Gemeinschaft wie die Familie,  einen Verein oder  Freundeskreis hat, kann es noch problematischer für sie werden.

Haben Gemeinschaften – zugespitzt ausgedrückt – also die Funktion, Probleme zu lösen, die die Gesellschaft verursacht? Sozialpsychologisch gesehen geben Gruppen Halt und Sicherheit, wenn im Alltag Probleme auftauchen. Gemeinschaften können zwar  meist nicht direkt helfen, die Probleme zu lösen, aber dazu beitragen, sie besser zu bewältigen.  Wenn Gemeinschaften fehlen, können gesellschaftlich bedingte Krisen schlimmer werden. Bestes Beispiel sind jugendliche Flüchtlinge, die alleine zu uns kommen.  Sie sind meist weder mit unserer Sprache noch mit unseren gesellschaftlichen Regeln vertraut, kennen unser Rechtssystem nicht und auch keine Gemeinschaften, die ihnen Rückhalt bieten, wie Familie, Freunde oder Vereine. Hier greift häufig die Soziale Arbeit ein und bietet  Möglichkeiten der Problembewältigung, ohne jedoch wie eine Gemeinschaft zu agieren oder diese zu ersetzen.

Aber es gibt auch Gemeinschaften, die die Probleme , die gesellschaftlich entstanden sind,  noch verstärken können, bestes Beispiel Rechtsextremismus.

Rechtsextreme Netzwerke bieten Ausgegrenzten eine  gemeinsame Haltung gegenüber anderen, denen es noch schlechter geht. Die katastrophalen Auswirkungen von Volksgemeinschaften kennen wir aus der Zeit des Nationalsozialismus. Statt  sich gegenüber denen zu wehren, die   für ihre Probleme zuständig sind, wie  Arbeitgeber oder Vermieter, machen sie Schwächere für ihre Probleme verantwortlich und sagen:  Ausländer sind Schuld, dass ich keinen Arbeitsplatz  oder keine Wohnung bekomme. Neben den Rechtsextremen gehören im Übrigen auch alle anderen fundamentalistisch orientierten Gemeinschaften  zu denjenigen, die das Potenzial dazu haben, die Probleme zu verschärfen, indem sie aus ideologischen Gründen die Ursachen der Probleme verschleiern.

Stichwort: Vereinzelung und Neue Medien. Inwiefern beeinflusst  die Digitalisierung die Bildung und die Qualität von Gemeinschaften?      Gerade für Jugendliche sind Gemeinschaften von Gleichaltrigen enorm wichtig, da sie besser als alle anderen helfen können, lebensalterspezifische Probleme zu bewältigen – allen voran die Pubertät. Früher fanden sich solche Freundeskreise in der Nachbarschaft oder im Fußballverein, heute bilden sie sich eben  über die Neuen Medien.

Neues Jahresthema bei "wir helfen"

Mit „wir helfen: dass auch Du dazugehörst“ bitten wir in den kommenden zwölf Monaten um Spenden für gemeinnützige Projekte und Initiativen, die ausgegrenzte Kinder und Jugendliche aus Köln und der  Region dabei unterstützen, Selbstbewusstsein und Stärke zu entwickeln, um wieder in  Gemeinschaft leben zu können.

In denen in Form von  Cyber Mobbing oder Hate-Speach gefährliche Ausgrenzungsprozesse stattfinden.  Genau deshalb sollte man  Kinder und Jugendliche bei der  Nutzung dieser Medien kritisch begleiten  – statt sie zu verteufeln. Nur weil die, im und durch das Internet  neu entstehenden, Gruppen und die Art des Austauschs dort vielen Erwachsenen fremd sind – und nicht so leicht zu kontrollieren und zu beeinflussen wie die Nachbarsclique – sollte man sie nicht verbieten. Denn diese neuen Gemeinschaften, häufig über Ort- und Landesgrenzen hinweg, bergen  jede Menge positives Potenzial, wie den interkulturellen Austausch. Die Kinder und Jugendlichen von heute erhalten viel einfacher intensivere  Einblicke in die Perspektiven von Gleichaltrigen in  anderem Teilen der Welt als früher, als man  am Schüleraustauschprogrammen teilnehmen musste, um zu erfahren, wie es sich anderswo lebt.

All das sind aber keine Kontakte zum Anfassen. Ist nicht das Unmittelbare auch wichtig für das Gemeinschaftsgefühl? Zwar gibt es bei diesen Kontakten keine direkten Berührungen, aber wenn sich Jugendliche im Netz mit Hilfe von Kameras austauschen, dann sehen  sie sich, zeigen sich, was sie gerade machen, verfolgen gegenseitig ihre   Mimik und Gestik , es findet also Kommunikation statt – fast wie zum Anfassen.

Was passiert, wenn die Gesellschaft Einzelne ausgrenzt? Soziale Ausgrenzung kommt einer existenziellen Bedrohung gleich, die zu Lebenskrisen führen kann, zu Krankheit, Kriminalität, Drogenmissbrauch, Aggression oder Gewalt.  Deshalb ist es eine wesentliche Aufgabe unserer Gesellschaft, Ausgrenzung durch Herstellung von Chancengleichheit zu verhindern. Leider  wird sie diesem Auftrag nicht immer und überall gerecht. Unser Schulsystem ist beispielsweise eines, das weltweit am stärksten selektiert.  Wäre es egalitärer, würde es mehr Wert auf Gleichheit legen, wären Kinder mit Migrationshintergrund oder aus einkommensschwachen Haushalten nicht mehr so stark benachteiligt. Auch auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sind diese Familien im Nachteil. Würden diese Formen der Ausgrenzung verhindert, müssten Gemeinschaften nicht so oft bei der Bewältigung von Problemen helfen und es gäbe weniger Kriminalität, Drogenmissbrauch und  auch weniger familiäre Probleme. 

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