In der Metall- und Elektroindustrie steht im Oktober die nächste Tarifrunde an. NRW-Unternehmerpräsident Kirchhoff verweist auf die hohen Lohnkosten und die Probleme der Branche - und schwärmt für Kanada.
Arndt KirchhoffArbeitgeberpräsident lehnt Inflationsausgleich ab

NRW-Unternehmerpräsident Arndt G. Kirchhoff spricht auf einer Podiumsdiskussion während der Industriemesse Hannover Messe.
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Alle zwei Jahre erlebt die nordrhein-westfälische Industrie ein Spektakel, das jeden Basar übertrifft und ein ausgeklügeltes Schauspiel guter Pressearbeit ist. Die nächste Tarifrunde der für NRW immens wichtigen Metall- und Elektroindustrie (M+E) steht an. IG Metall und die Arbeitgeber bringen sich in Stellung. Das Ziel: Die eigene Lage so darzustellen, dass man am meisten für das eigene Lager rausholt. Am 31. Oktober läuft der bestehende Tarifvertrag aus, um 0 Uhr des 1. November endet damit auch die Friedenspflicht, das heißt: dann stehen Warnstreiks ins Haus.
Vorbereitung und Abhandlung dieser Tarifverträge sind ein großes Schachspiel, das ein Mann aus dem Sauerland so gut beherscht wie fast keiner im Land. Arndt G. Kirchhoff, seit 13 Jahren Nordrhein-Westfalens Metallpräsident und Mitinhaber eines Familienunternehmens in Konzerngröße. Sieben Verhandlungsrunden hat Kirchhoff schon auf dem Buckel.
Brötchen statt Lachs in der „Einigungsstelle“
Den Vor-Auftakt zur großen Show machen die Arbeitgeber traditionell mit einem Hintergrundgespräch mit ausgewählten Teilnehmern aus Presse und Rundfunk. Zu Filterkaffee und belegten Brötchen gibt es Wasser. Kein Sektempfang, kein gesetztes Essen, kein teures Hotel als Domizil. Stattdessen ein Raum in der Zentrale von Unternehmer NRW, der an eine alte Eck-Kneipe erinnert. Am Eingang hängt ein Emaille-Schild mit der Aufschrift: „Einigungsstelle“. „Bei uns gibt es immer eher rustikales Essen“, sagt Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber mit Blick auf die Brötchen. Der Subtext aber lautet: Seht her, nur Brötchen! Bei uns gibt es grade nicht viel zu holen.
Und genau das gehört zum Spiel vor einer Tarifrunde - sich ärmer darstellen als vermutet. Kirchhoff zeigt einen Chart mit dem BIP-Wachstum der vergangenen sieben Jahre. Platz eins: USA mit 18 Prozent, dann EU mit neun, Italien mit sieben, und so weiter. Letzter Platz: Deutschland mit nur zwei Prozent Wachstum gegenüber dem Vor-Corona-Zeitraum. „Deutschland kommt seit Jahren kaum voran“, sagt Kirchhoff.
Arndt Kirchhoff ist seit 2016 Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen (Unternehmer NRW). Geboren in Essen, ist er seit 2023 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kirchhoff Gruppe mit Sitz in Iserlohn. Nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens und des Maschinenbaus an der TU Darmstadt war Arndt G. Kirchhoff zunächst Leiter der zentralen Auftragsabwicklung Deutsche Babcock Werke AG, bevor er 1990 geschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff Gruppe wurde.
Das Produktionsniveau der Metall- und Elektroindustrie liege 27 PRozent unter 2018. Weltweit sei es um 13 Prozent gestiegen. „NRW verliert den Anschluss“, meint Kirchhoff. Es folgen Folien mit sinkender Produktion, sinkendem Auftragseingang, Unterauslastung in den Betrieben. Laut Umfrage haben sich die Standortbedingungen von 63 Prozent der M+E-Betriebe „deutlich verschlechtert“ Und warum: 72 Prozent der Unternehmen nennen die Arbeitskosten als Grund für geringere Invesitionspläne. Mit solchen Charts geht man zur Presse vor einer Tarifrunde.
„Wir müssen den Personalabbau stoppen“, legt Kirchhoff nach. 2500 Industriearbeitsplätze würden in NRW abgebaut - pro Monat wohlgemerkt. 65.000 Euro verdiene ein Beschäftigter in der M+E-Branche. „Ganz schön ordentlich, oder?“, sagt Kirchhoff, um Zustimmung bittend.
Aber die Rüstung, die läuft doch gut wie nie? Rüstung dürfe man nicht überschätzen, meint Kirchhoff. Der Kauf von Zügen, Schiffen oder Rüstungsgütern, das seien Einmaleffekte, kein Ausgleich der Probleme im Automotive-Bereich.
Wir sind nicht für die Inflation zuständig. Inflation ist kein Maßstab, sondern die Produktivität
Aber wieviel ist denn jetzt mehr drin für die Arbeitnehmer in der nächsten Tarifrunde? Kirchhoff wäre kein Profi, wenn er diese Journalistenfrage beantwortete. Viel zu früh in der Pokerrunde der Gewerkschaftsbosse und der Industriebosse. Könnte es wenigstens der Inflationsausgleich sein? „Wir sind nicht für die Inflation zuständig. Inflation ist kein Maßstab, sondern die Produktivität“, macht Kirchhoff unmissverständlich klar. Verteilungsspielraum gebe es nur aus Produktivitätsgewinnen.
Etwa eine Nullrunde? So schlimm sei nun wieder auch nicht, könnte man Kirchhoffs Worte in etwa interpretieren. Beim Thema Arbeitszeit ließ sich der Arbeitgeber-Präsident nicht festnageln. „Mehr Flexibilisierung“. Mit diesen Ansagen geht es in die erste Runde. Die ist am 7. Oktober in Düsseldorf und Stuttgart. Dann sitzen die Metaller beider Lager erstmals am Tisch.
Ungeachtet der Tarifaussichten haben die Arbeitgeber klare Vorstellungen von der Politik. Am Benzingpreis muss die Regierung was machen, meint Kirchhoff. Aber was? „Ein Preisdeckel wäre ein Eingriff in die Unternehmen“, sagt Kirchhoff. Also klare Absage. „Der Staat muss auf Steuern verzichten“, ergänzt Pöttering. Und zwar nicht auf die Mehrwertsteuer, denn die zahlen nur die End-Verbraucher, Unternehmer hätten nichts davon.
Und was hält der Unternehmer von der Übergewinnsteuer? Wie zu erwarten war nichts. „Das Wort Übergewinnsteuer habe ich in meinem Studium nicht gehört“, macht Kirchhoff klar, der in Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat. Bleibt noch die Energiesteuer. Die müsse sinken. Grund laut Kirchhoff: „Außergewöhnliche Notsituation“.
Und zum Schluss gibts beim Hintergrundgespräch noch einen Werbeblock für Kanada. In Toronto hat Kirchhoffs Firma ihre Nordamerika-Zentrale. Kanada passe wunderbar zur EU, sagt Kirchhoff und lobt die Pläne, Kanada zum assoziierten EU-Mitglied zu machen. Kanada sei sehr europäisch. Reich an Bodenschätzen und damit eine gute Alternative zu China. „Kanada spielt nach unseren Regeln“, sagt Kirchhoff. Und Großbritannien? „Die hätte ich auch gerne wieder in der EU“, meint Kirchhoff.
