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Debatte um RenteneintrittDer Kölner Dachdecker Bernie ist 68 Jahre alt – und klettert weiter

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Dachdecker Bernhard Bartnik tauscht einen Ziegel aus.

Dachdecker Bernhard Bartnik ist 68 Jahre alt und steht immer noch jeden Morgen um halb acht auf dem Dach. 

Während Politik und Ökonomen über ein höheres Renteneintrittsalter streiten, dienen Dachdecker gern als warnendes Beispiel für körperliche Erschöpfung. Doch der Kölner Bernhard Bartnik, 68, tendiert zu Vollzeit für immer.

Bernhard Bartnik lässt seinen Blick gern klettern. Erst lachen seine hellen Augen unter der Krempe seiner Mütze hinauf zu seinem großgewachsenen Chef Harald Römers. Unternehmenslust liegt in diesem Blick, eine Vorfreude, die ihn sogleich die Leitern des Gerüsts emporscheuchen wird, sechs Stockwerke hoch. Auf dem Dach dreht sich die Perspektive: Nun klettert Bartniks Blick von oben nach unten über die roten Dächer von Riehl, über Schrebergärten, den Rhein und die ferne Silhouette des Doms. „Herrlich“, ruft er in den sonnig-kalten Januarmorgen. „Bei klarer Sicht sieht man bis ins Bergische.“

In politischen Debatten über ein höheres Renteneintrittsalter wird der Dachdecker oft als abschreckendes Beispiel herumgereicht – als Kronzeuge dafür, dass Arbeit bis 70 eigentlich niemandem zuzumuten sei. Top-Gewerkschafter Robert Feiger, Vorsitzender der IG-Bau, nennt die Rente mit 70 für Dachdecker einen „Alptraum“. Zimmerer, Gerüstbauer, Eisenflechter – all jene, deren Berufe auf Kraft und Schweiß gebaut seien – würden, so das gängige Argument, schon jetzt zu früh verschlissen. Schon mit Mitte 50 seien sie am Ende. Ein Bild, das seit Jahren zuverlässig funktioniert.

Nur dass es nicht die ganze Wahrheit erzählt. Auf dem Dach an der Boltensternstraße steht ein Gegenbeispiel in schwarzer Zimmermannshose. Bartnik ist 68. Und mittendrin.

„Eine Arbeit am Fließband – das wäre nichts für mich gewesen“
Bernhard Bartnik, Dachdecker mit 68 Jahren

Als Bartnik erstmals ein Dach betritt, springt Ulrike Meyfarth gerade Weltrekord. Es ist der 4. September 1972, in den Bahnen dudelt „Smoke on the Water“, die Republik steht auf Plateausohlen, und Willy Brandt sitzt im Kanzleramt. Der 16-jährige „Bernie“ aus Ehrenfeld braucht nach dem frühen Tod seines Vaters dringend Geld. Sechs Brüder, er der drittälteste. Da kommt das Lehrstellen-Angebot des Kölner Dachdeckers Römers wie gerufen. Latten nageln, Ziegel schleppen, Dachrinnen löten – und immer diese Weite, dieser Wind, der zeitweise jeden Zweifel aus dem Gehirn pustet. „Eine Arbeit am Fließband – das wäre nichts für mich gewesen“, sagt er heute.

Senior-Dachdecker Bernhard Bartnik ist mit Geselle Noah Beckers zu sehen vor einem eingerüsteten Haus.

Am wichtigsten ist ihm vielleicht der Kontakt zu den Kollegen. Gerade arbeitet der 68-Jährige viel mit Noah Beckers, 21 Jahre. Beckers hat gerade die Gesellenprüfung gemacht.

Fast 53 Jahre später erklimmt derselbe Bernie dieselben Leitern – pünktlich um halb acht, Tag für Tag. Oben krönt das Steildach das Haus, gerade werden Dämmung, Unterspannbahn, Dachlatten und Ziegel ersetzt. Überall liegen Nageleisen. Bartnik ist offiziell Rentner. Inoffiziell ist er das Gegenteil: Ein Mann, der sich nicht vorstellen kann, nach einem halben Jahrhundert für immer Feierabend zu machen. „Einfach aufhören? Das liegt mir nicht“, sagt er.

Chef Harald Römers ist froh über den Erhalt der Arbeitskraft. „Bernie, du machst doch weiter“, soll er Bartnik gefragt haben, als der sich langsam ans Rentenalter heranrobbte. Wahnsinnig überrascht habe ihn dessen Zusage dann nicht. Mit zupackenden älteren Mitarbeitern habe man bei Römers Erfahrung. Der Seniorchef, Römers Vater, komme mit seinen 84 Jahren noch jeden Tag ins Büro. Und zumindest bis zum Renteneintritt blieben eigentlich auch alle Angestellten an Bord. Vielleicht ist es einfach Unternehmenskultur. Aber was bei Römers auf dem Kölner Dach passiert, spiegelt sich auch in den Zahlen der deutschlandweiten Statistik wider. Jeder Fünfte der 65 bis 69-Jährigen arbeitet laut aktuellem Altersübergangs-Report des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen, der gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht wird. 2013 lag die Rate der Erwerbstätigen in dieser Altersgruppe noch bei nur 13 Prozent. Die Quintessenz: Altsein heißt immer seltener ausschließlich Reisen und Sofa, der Ruhestand ist auf später verschoben.

Ruhestand ist für manche ein Luxus, den sie sich nicht leisten können

Wer sich auf die Suche nach den Gründen macht, der landet relativ schnell beim Argument Geld. Jeder fünfte Rentner gilt in Deutschland als armutsgefährdet, knapp acht Prozent müssen mit weniger als 1100 Euro auskommen. Frührente, die ja nochmal mit einem Minus im Gepäck daherkommt, ist da ein Luxus, den sich viele einfach nicht leisten können. „Die meisten arbeiten natürlich aus finanziellen Gründen so lange wie möglich“, sagt auch Römers. Bei Bartnik ist das anders. Natürlich, nur mit Rente wäre sein monatliches Einkommen um etwa ein Drittel auf knapp 2000 Euro runtergeschmolzen. Die Aktivrente, die ihm nun einen steuerfreien Zuverdienst von weiteren 2000 Euro ermöglicht, ist da ein golden glänzendes Angebot. Aber der finanzielle Aspekt sei nicht ausschlaggebend. Wichtiger ist ganz banal: „Ich habe Spaß an der Arbeit.“ Ein schlichter Satz, der sich mit keiner Statistik messen lässt, aber vielleicht einer, der das System rettet, wenn genug Menschen ihn teilen.

Bartnik Sitzt auf einer Gaube und lacht in die Kamera.

„Ich habe Spaß an der Arbeit“, sagt Bernhard Bartnik. „Einfach aufhören? Das liegt mir nicht!“

Ein bisschen Mut ist vielleicht auch von Nöten, um die Wunden zu heilen, die der demografische Wandel in der Arbeitswelt hinterlässt. Schließlich gibt es neben der Gruppe der aktiven Rentner auch eine stabile Zahl an Langzeitarbeitslosen, die schon mit Mitte 50 keine neue Aufgabe mehr finden. In Köln stecken nach Auskunft des Jobcenters 15.000 Erwerbsfähige über 55 Jahren in dieser Sackgasse. Um sie herauszuführen, müssten sich Arbeitgeber wie Arbeitnehmer bewegen. Sabine Mendez vom Jobcenter wirbt für ein Umdenken auf beiden Seiten. „In den 1980er Jahren war ein Bewerber mit 58 Jahren nur noch fünf Jahre von der Rente entfernt. Da sagte man dann vielleicht eher, ach, das lohnt sich nicht mehr. Heute können diese Menschen noch zehn, vielleicht sogar fünfzehn Jahre arbeiten. Das heißt: Es lohnt sich für den Arbeitgeber, sie anzustellen, sie vielleicht sogar umzuschulen. Das heißt aber auch: Es lohnt sich für den Arbeitnehmer, nochmal etwas Neues zu lernen.“

Mein Kardiologe rät mir ausdrücklich zur Arbeit an der frischen Luft.
Bernhard Bartnik, 68 Jahre

Dranbleiben, weiterlernen, im Rhythmus bleiben – für Bartnik ist das selbstverständlich. Die Aussicht auf das süße Nichtstun zu Hause lockt ihn kaum? „Naja, ich hätte da meinen Garten, aber da ist im Winter ja auch nicht viel los. Das ist mir zu langweilig. Und auf dem Sofa kann ich auch nach Feierabend bequem sitzen.“ Also widersteht er den Lockungen ehemaliger Arbeitskollegen, die nun Rentner seien und ihm den Ruhestand schmackhaft machen wollen. „Die melden sich so oft. Ich glaube, denen ist am Ende auch langweilig.“ Seine Frau, die nicht mehr berufstätig ist, koche ihm, dem Fleißigen, abends eine Suppe oder „falsch Kotelett“, panierten Bauchspeck mit dicken Bohnen. „Dann macht sie mir eine Wärmflasche für die Couch“, sagt Bartnik und lächelt hochzufrieden wie jemand, der einen besonders hohen Gewinn eingestrichen hat.

Körperlich fühlt sich Bartnik den Anforderungen der 40-Stunden-Woche gewachsen. Sein Gang ist geschmeidig, er tigert mehr, als dass er läuft. Auf dem Dach klettert er katzenhaft. Größere Schmerzen plagen seinen Körper nicht. „Manchmal piekst es irgendwo, aber das ist nicht der Rede wert“, sagt Bartnik. Vor 14 Jahren streckte ihn ein Herzinfarkt nieder, der Stress, die Geldsorgen. Eine Zäsur, ja. Aber heute sei die Aktivität heilsam. „Mein Kardiologe rät mir ausdrücklich zur Arbeit an der frischen Luft.“ 

Harald Römers ist vor der Baustelle zu sehen.

Harald Römers ist der Chef von Römers Bedachung und damit auch von Bernie. Er sagt: „Heute werden Arbeitsschutz und Kollegialität großgeschrieben. Wer nicht nur eine billige Arbeitskraft ist, sondern als wertgeschätzter Kollege gerne aufs Dach steigt, der zählt auch nicht die Jahre bis zur Rente.“

Dass ältere Arbeitnehmer länger produktiv am Erwerbsleben teilnehmen, gründet gerade im Handwerk auf technischer Entwicklung. Auch die Arbeit auf dem Dach befreien Maschinen von manch körperlichen Beschwernissen. Früher musste alles geschleppt werden, heute nehmen Kräne oder Drohnen den Gesellen und Meistern einiges ab. Aber nicht nur die Technik führt Römers an, wenn er über bessere Fitness seiner älteren Mitarbeiter spricht. Zur Wahrheit gehöre auch, dass die Menschen auf dem Bau heute deutlich gesünder lebten: „Früher hat den ein oder anderen nicht die Arbeit an den Rand gebracht, sondern der Alkohol.“ Zudem habe sich der Umgang untereinander verändert. „Heute werden Arbeitsschutz und Kollegialität großgeschrieben. Wer nicht nur eine billige Arbeitskraft ist, sondern als wertgeschätzter Kollege gerne aufs Dach steigt, der zählt auch nicht die Jahre bis zur Rente“, sagt Römers.

Der soziale Aspekt ist vielleicht der stärkste Magnet, der Bartnik an Römers bindet. Die Kollegen, auch die ganz jungen wie der 21 Jahre alten Noah Beckers, der gerade in den letzten Zügen seiner Ausbildung steckt. Fragt man den jungen Mann, was er an seinem Beruf mag, dann lächelt er Bartnik zu und sagt: „Na draußen sein, sich bewegen, etwas schaffen – und all das mit Bernie.“ Aber das Band der guten menschlichen Erfahrungen auf dem Dach reicht für Bartnik noch viel weiter zurück. Als er seinen heutigen Chef kennenlernt, ist der noch ein Kleinkind. „Eingestellt hat mich der Großvater von Harald Römers.“ Mehr als 52 Jahre ist das her. „Alle waren hier immer gut zu mir. Haben mich gelobt. Da war ich stolz“, sagt Bartnik.

Mehr als ein halbes Jahrhundert. Vielleicht ist es so einfach: Bartnik und die Firma, das ist mehr als eine wirtschaftliche Verbindung, das ist eher Familie. Und die verlässt man eben nicht, nur weil der Rentenbescheid ins Haus flattert. So sieht das zumindest Bartnik. Und bleibt. Wie lange? „Ich plane nicht. Ich mache einfach jeden Tag weiter.“ Unter den Kollegen witzelt man aber schon über die zu erwartende Zähheit und Ausdauer. „Der hat doch mindestens nochmal einen Zehn-Jahres-Vertrag unterschrieben.“