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Die Job-KolumneWarum Rückschläge einen nicht immer besser machen

4 min
Julian Nagelsmann sitzt nach einer Niederlage enttäuscht auf der Bank.

Nagelsmann und sein Team sind bei der WM gegen Paraguay ausgeschieden. In der Aufbereitung der Niederlage wurden selten die richtigen Fragen gestellt, kritisiert unser Autor. 

Unser Kolumnist erklärt, warum Niederlagen erst dann zur Lektion werden, wenn wir ehrlich hinschauen, statt sie schönzureden – und was das mit Julian Nagelsmann zu tun hat.

„Herr Salimi, ehrlich gesagt bin ich enttäuscht. Ich hatte mehr von Ihnen erwartet.“ Mündliche Anatomieprüfung, drittes Semester Medizin. Der Professor sagte es ruhig, ohne Schärfe. Es hatte nicht gereicht. Ich war durchgefallen.

Ich hätte mir das schönreden können. Mut zur Lücke. Klingt fast nach Strategie, nach kalkuliertem Risiko. War es aber nicht. Ich hatte schlicht zu wenig gelernt. Faulheit, keine Hypothese.

Sohrab Salimi

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Ein Jahr später stand ich im Labor. Dort scheiterte ich am laufenden Band. Experimente, die anders ausgingen als gedacht; Ergebnisse, die meine Annahmen widerlegten. Und trotzdem war das etwas völlig anderes. Denn dahinter lag jedes Mal eine klare Frage, ein sauberer Aufbau, echtes Interesse an der Antwort. Ich habe hingeschaut, nachgedacht, angepasst. Diese Rückschläge haben mich besser gemacht. Die Anatomieprüfung war anders. Sie hat mich zuerst nur blamiert. Besser gemacht hat sie mich erst, als ich mich der Enttäuschung stellte, statt sie schönzureden. Beim zweiten Anlauf saß der Stoff. Die Niederlage wurde zur Lektion, nicht weil sie passierte, sondern weil ich sie nicht auf sich beruhen ließ.

Gleicher Mensch, gleiches Fach, zwei Arten zu scheitern.

Das Silicon Valley hat daraus eine Weltanschauung gemacht: Wer schnell scheitert, lernt schnell. Der Gedanke hat seinen Wert. Aber er verführt zu einer Gleichung, die falsch ist. Nicht jedes Scheitern ist Lernen. Ein Experiment darf schiefgehen, wenn es ernsthaft war. Wer ohne die nötige Disziplin startet und hinterher „Experiment“ ruft, benutzt das richtige Wort, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Das eine verdient Vertrauen. Das andere verdient Konsequenzen. Von außen sieht beides wie eine Niederlage aus. Nur eines ist es.

Genau diese Unterscheidung bekommen wir als Land gerade schlecht hin, im Kleinen wie im Großen.

Nicht jedes Scheitern ist Lernen

Deutschland ist bei der WM früh ausgeschieden, gegen Paraguay, das seine Rolle kannte und sie diszipliniert erfüllte. Seitdem läuft der vertraute Reflex: erst der Schuldige, dann die Erklärung, dann das nächste Thema. Selten die Frage, die zählt. War das ein mutiger Versuch, der eben nicht aufging? Oder war es Halbherzigkeit? Nagelsmann und sein Team haben nicht kühn experimentiert. Sie haben in einem entscheidenden Spiel nicht geliefert. Das darf man so nennen.

Man darf es auch deshalb, weil an dem, was man bekommt, eine Erwartung hängt. Mein Professor war enttäuscht, weil er mir mehr zugetraut hatte. Das war kein Zynismus, das war seine Aufgabe. Ehrlich zu sagen, dass es nicht gereicht hat, statt es wegzumoderieren. Nagelsmann gehört zu den bestbezahlten Trainern des Turniers, noch vor Deschamps aus Frankreich. Wer viel bekommt, von dem darf man viel verlangen. Das ist keine Häme. Das ist der Vertrag.

Zwei Sichtweisen auf Rückschläge im Unternehmen: Wegdeuten und Verdammen

In Unternehmen beobachte ich zwei Fluchtwege aus diesem Vertrag. Die einen übertünchen jeden Rückschlag mit „das war ein Lernfeld“ und ziehen nie Konsequenzen. Die anderen brandmarken ihn sofort als Versagen und züchten damit Angst und Stillstand. Wegdeuten und Verdammen, zwei Seiten derselben Medaille. Beide verhindern das, was wirklich stark macht: ehrlich hinzuschauen.

Die gute Nachricht: Man kann das üben. Bevor Sie etwas Neues wagen, klären Sie zwei Dinge. Was ist meine Annahme? Und bin ich bereit, wirklich zu tun, was nötig ist, um sie ernsthaft zu prüfen? Wer beides nicht beantworten kann, macht kein Experiment. Und hinterher, bei der Niederlage, die ehrliche Frage: Habe ich getan, was nötig war, oder war es Mut zur Lücke?

Nicht das Ergebnis ist der eigentliche Test. Sondern die Frage, die wir uns danach stellen. Mein Professor hat sie mir abgenommen. Er hatte recht. Ich hatte nicht zu wenig Glück. Ich hatte zu wenig getan.

Von nichts kommt nichts.

Sohrab Salimi

Sohrab Salimi

Zur Person und zur Kolumne

Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.