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Die Job-KolumneKI frisst nicht Ihren Job – sie macht den Kuchen größer

4 min
Ein Mann im Blaumann steht in einer Produktionshalle an einer Maschine mit Roboterarm.

KI, Technik und Roboter halten immer mehr Einzug in den Arbeitsalltag – einige fürchten, überflüssig zu werden.

Der Kölner Coach Sohrab Salimi erklärt, warum Menschen Künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung, sondern als Wachstumsmotor sehen sollten

Seit Anfang des Jahres gebe ich immer mehr Kurse zum Thema Künstliche Intelligenz. Ich führe dabei Hunderte Gespräche, mit Vorständen, genauso wie mit Menschen aus Entwicklungsteams. Fast immer taucht derselbe Satz auf, in der einen oder anderen Form: „KI wird einen großen Teil unserer Aufgaben übernehmen. Also werden viele von uns überflüssig.“ Punkt. Ende der Geschichte.

Sohrab Salimi

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Diese Geschichte ist in sich schlüssig. Sie lautet: Es gibt eine feste Menge an Arbeit, einen Kuchen, der immer gleich groß bleibt. Wenn die KI ein Stück davon frisst, bleibt für die Menschen eben weniger übrig. Wer so denkt, rechnet aus, wie groß sein Stück noch sein wird, und verteidigt es.

Mich beschäftigt an dieser Geschichte vor allem eines: Seit wann geben wir uns mit Stillstand zufrieden? Die Annahme vom gleich großen Kuchen ist keine Tatsache. Sie ist eine Entscheidung. Und eine erstaunlich bequeme.

KI nicht als Bedrohung, sondern als Wachstum

Denn es gibt eine zweite Geschichte. Sie geht davon aus, dass der Kuchen wächst, dass schnellere und günstigere Arbeit zu mehr Möglichkeiten führt, nicht zu weniger. Diese Geschichte ist nicht naiv, sie hat Vorbilder. Als die ersten Tabellenkalkulationen auf den Markt kamen, sagten viele das Ende des Buchhalters voraus. Das Gegenteil geschah. Weil Analysen plötzlich günstig waren, rechneten Unternehmen nicht mehr einmal im Quartal, sondern jede Woche. Am Ende gab es deutlich mehr Buchhalter, nicht weniger.

Dieses Muster beschreiben Ökonomen seit über 150 Jahren. Wird ein Werkzeug billiger, sinkt nicht der Verbrauch, er steigt, und mit ihm der Bedarf an Menschen, die es nutzen können. Andere Länder haben sich längst entschieden: In China und den USA wird KI nicht zuerst als Bedrohung erzählt, sondern als Wachstum.

Beide Geschichten haben eines gemeinsam: Sie bestätigen sich selbst. Wer glaubt, dass KI nur Stellen vernichtet, wird vorsichtig, kontrolliert und wartet ab. Genauso entsteht der Stillstand, vor dem er sich fürchtet. Wer glaubt, dass KI neue Möglichkeiten schafft, fängt an zu gestalten und schafft damit genau die Möglichkeiten, an die er glaubt. Die Geschichte, die wir uns erzählen, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Wie schnell sich so eine Geschichte dreht, erlebte ich neulich beim Geschäftsführer eines Unternehmens mit rund 500 Millionen Euro Umsatz. Erst sah er nur die eine Variante: mit weniger Leuten dasselbe schaffen. Dann hielt er inne und fragte: „Du meinst also, wir können mit derselben Mannschaft deutlich mehr erreichen?“ Genau das. Vorausgesetzt, wir befähigen die Menschen dazu. Und vorausgesetzt, sie wollen es. Wer trotz Unterstützung nicht mitziehen will, wird gehen müssen, zugunsten von Menschen mit Potenzial und Ambition.

Mensch plus KI ergibt Magie

Dafür reicht es nicht, wenn nur der Chef an die wachsende Geschichte glaubt. Eine starke Kultur entsteht erst, wenn alle in dieselbe Richtung wollen. Nicht, weil sie in jeder Frage einer Meinung sind, sondern weil sie dieselbe Ambition teilen.

Womit die Frage bei jedem Einzelnen ankommt: am Montagmorgen, am eigenen Schreibtisch. Sie lautet nicht: Welchen Teil meiner Arbeit nimmt mir die KI weg? Sie lautet: Was kann ich jetzt tun, das vorher unmöglich war? Wer KI ernsthaft nutzt, merkt schnell: Nicht die Technik ist die Grenze, sondern die eigene Vorstellungskraft. Mensch plus KI gleich Magie.

Ein Selbstläufer ist das nicht. Wer abwartet, verliert. Die zweite Geschichte verlangt mehr: ausprobieren, dazulernen, Verantwortung übernehmen. Aber sie ist die einzige der beiden, die nach vorne führt.

Wir können uns die Geschichte vom gleich großen Kuchen erzählen und am Ende recht behalten. Oder wir backen einen größeren. Die Technik entscheidet das nicht. Das entscheiden wir. Von Nichts kommt Nichts.

Sohrab Salimi schreibt regelmäßig die Job-Kolumne.

Sohrab Salimi schreibt regelmäßig die Job-Kolumne.

Zur Person und zur Kolumne

Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.