Die Digital X ist die Hausmesse der Telekom zur digitalen Durchdringung der Republik - und nach der Wahl in Sachsen-Anhalt auch eine Mischung aus Zukunftswerkstatt und Gegenwartsanalyse.
Digital XKöln und ganz Deutschland träumen von der Künstlichen Intelligenz

Traum oder Wirklichkeit? „Wir können KI“, versichert Telekom-CEO Tim Höttges, dem Publikum auf der Digitalmesse Digital X.
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Es gibt Menschen im südlichen Rheinland, die träumen, bräsigen Verkehrsbehörden zum Trotz, seit Jahren schon von einem Wassertaxi, das unsere schönen Metropolen über den Fluss auf die Schnelle verbindet. Die Deutsche Telekom hat nicht nur diesen Traum am Dienstag beinahe Wirklichkeit werden lassen. Einem Vaporetto gleich verbindet das Eventschiff der Bonner den Kölner Hauptbahnhof mit dem Rheinauhafen, schön zeigt sich vom Wasser her das Schokoladenmuseum, hier steigt die 2026er Neuauflage der Digital X, der Hausmesse für die digitale Durchdringung der Republik. „Navigate what’s next“ lautet ihr beziehungsreicher Titel, mehr als 6.000 Leute sind an Bord, um im Bild zu bleiben. Alles dreht sich um KI - aber irgendwie auch um Deutschlands Zukunft.
Es ist Tag zwei nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. „Mir blutet das Herz“, wird Angela Merkel später beichten. Der AfD-Schock, er ist allen Protagonisten anzumerken, gerade weil das Programm, das die Telekom für ihren Eventklassiker organisiert hat, eine Mischung aus Zukunftswerkstatt und Gegenwartsanalyse ist. Die Prominenz aus Politik und Unternehmen ist flächendeckend, sogar der Sport ist mit dabei, wenn man das bei Lukas Podolski noch sagen kann.
„Eine Jahrhundertchance“
Hendrik Wüst, der Ministerpräsident aus Düsseldorf redet flüssig zur Eröffnung, Markus Söder lässt sich aus München dazuschalten. Doch vor allem gibt es ein Feuerwerk von Corporate Speakern, an der Spitze Tim Höttges, Chef der Telekom und, später gemeinsam mit ihm auf dem Podium, Roland Busch, Chef der Industrie-Ikone Siemens. Womit zwei Männer zusammenkommen, die Aufsehen erregend und noch lauter beklatscht von den Chancen berichten, dir für unser Land in der KI-Revolution stecken sollen. „Das ist eine Jahrhundertchance für Deutschland“ sagt Busch, von Gabor Steingart befragt. „Wir können KI“, ruft Tim Höttges, ganz in weiß gekleidet, ins Publikum. Ist das Traum, ist es Wirklichkeit?
Wohl von beidem etwas, es geht eigentlich allen Protagonisten an diesem Tag darum, sich vom Schock der Landtagswahlen nicht kirre machen zu lassen. „Wir müssen auf Reformkurs bleiben“, sagt ein jeder, eine jede, als wollten sie Friedrich Merz den Rücken stärken. Laut redet Tim Höttges gegen die deutsche „Skepsisblase“ an. „Eine zwei vor dem Komma“ beschwört Siemens-Lenker Busch ein Wachstumsziel für Deutschland, das es brauche, um mit dabei zu sein, wenn wir in der KI-Zukunft mithalten wollen.
Von Friedrich zu Michelangelo
Der Chef der Telekom ist bekannt dafür, Bilder sprechen zu lassen. Für den Start hat er Caspar David Friedrich gewählt, den Wanderer über dem Nebelmeer. „Quo vadis Europ(ai)“ steht dazu geschrieben. Höttges versucht, so manchen KI-Nebel zu beseitigen. Am Ende seines Vortrags steht er vor Michelangelos Schöpfungsmoment als animiertem Bild. Mal verändert sich Adam, Mal der liebe Gott zu einer schönen Roboterfigur. In und ums Schokoladenmuseum läuft inzwischen Evo herum.
Er grüßt und herzt jeden Digitalprotagonisten, den er in die Klauen bekommt. Evo kommt aus China, kostet 20.000 Euro, dafür läuft er auf Turnschuhen sehr behände. Mehr als ein Blickfang ist der Humanoide allerdings noch nicht, in der wahren industriellen Produktion geben andere Unternehmen den Ton an, noch zumindest.
Souveränität, Sicherheit, Geschwindigkeit, das sind die Leitbegriffe der diesjährigen Digital X. Für viele damit verbundenen Fragen glaubt die Telekom, Antworten parat zu haben. Mit ihrer AI-Agents-Plattform bietet sie Unternehmen die Möglichkeit, wiederkehrende Geschäftsprozesse mit KI-Agenten zu automatisieren, auf einer Plattform made in Europe. Die Sorge, dass die amerikanischen KI-Giganten uns die Kontrolle über unser eigenen Daten entziehen, sie ist überall gegenwärtig. Das gilt auch für die mit Jubel empfangene „Frau Bundeskanzlerin“: „Wie viele meiner Daten habe ich heute wieder in die USA geliefert“. Das müsse sich jeder Einzelne fragen, sagt Angela Merkel.
Wette auf die Zukunft
Souveränität ist heute vor allem eine Frage des Kapitals. Mehr als 700 Milliarden Euro steckten die US-Unternehmen im laufenden Jahr in KI-Infrastruktur, die Chinesen fast 100 Milliarden. Die Europäer brächten es dagegen gerade einmal auf 23 Milliarden Euro, rechnete die Telekom vor. KI, das sei angesichts der gewaltigen US-Investitionen „die größte Wette auf die Zukunft, die die Menschheit bisher gewagt habe“, sagt der Siemens-Chef dazu. Dennoch soll für Deutschland trotz aller Schwächesymptome mehr als nur der Platz als Beifahrer drin sein.
Während die Telekom massiv in eigene Infrastrukturen investiert, schwört Siemens auf die Bündelung der Prozesskompetenz in der deutschen Industrie. Mit dem gezielten Einsatz von KI in ihre Prozesse könnten die deutschen Unternehmen auch den Chinesen Paroli bieten, zeigte sich Busch überzeugt. Denn sie verfügten neben der Erfahrung über eine unübersehbare Menge an Daten. Und noch sei die KI, so wie wir sie kennen, nicht auf industrielle Daten trainiert: „Das ist unsere Chance“.
Mit zwei wenig spektakulären Roboterarmen, die gezielt Schrauben greifen und drehen, zeigte das Startup Wandelbots industrielle KI-Kompetenz aus Deutschland. Die Dresdner, eine der vielen erfolgreichen Ausgliederungen aus der dortigen Universität, sind Spezialisten für die digitale Simulation von Arbeitsprozessen in Robotern. Ihre Software gilt als leicht zu programmieren. Und außerdem arbeitet Wandelbots mit der Cloud der Telekom zusammen. Dadurch wird KI wichtiger Teil in der Programmierung von Robotern, die bisher hart für jeden einzelnen Arbeitsgang programmiert werden mussten.
Größter Deal der Geschichte
Gut 200 Partnerfirmen hat die Digital X versammelt, mit dabei ist auch Rohde&Schwarz, der Münchener Familienkonzern, einer der echten „Hidden Champions“ aus Deutschland. Ohne den Funkspezialisten, der von Handyverschlüsselung bis Funkaufklärung aktiv ist, ginge auf vielen Flughäfen dieser Welt gar nichts. Rohde&Schwarz hat im April den größten Deal der Firmengeschichte gemacht, die US-Flugsicherungsbehörde FAA vergab einen Auftrag von bis zu 4,9 Milliarden Dollar zur Modernisierung ihrer Sprachkommunikation an die Münchener.
Es sind solche Unternehmensgeschichten, die auf der Digital X Mut machen. Tim Höttges berichtet, sein Unternehmen lasse bereits 60 Prozent aller Kundenanfragen mittels KI beantworten. KI sei Alltag , eben erst habe man 120.000 Chat-GPT-Lizenzen für alle Mitarbeiter erworben. Doch dabei soll es nicht bleiben. Höttges ließ kaum einen Zweifel daran, dasss sich die Telekom am Milliardenprojekt der EU zur Ausschreibung von Gigafactorys beteiligen wird. „Wir arbeiten intensivst, intensivst an dieser Ausschreibung“, kündigte er an. Die Bewerbungsfrist läuft am 12. November ab.
