Digitalisierung der Arbeitswelt„Experimente wagen und Scheitern in Kauf nehmen“

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Digital Leadership Symbolbild

Die Digitalisierung verändert auch die Arbeit von Führungskräften. (Symbolbild)

Köln – Ursula Vranken ist Diplom-Arbeitswissenschaftlerin und Gründerin des Instituts für Personalentwicklung und Arbeitsorganisation. 2016 hat sie den „Digital Leadership Summit“ in Köln ins Leben gerufen. Reza Moussavian leitet bei der Deutschen Telekom den Personalbereich „Digital & Innovation“. Im Doppelinterview sprechen die Digitalexperten über die Arbeitswelt der Zukunft, den Mythos „New Work“ und die zukunftsweisende Rolle junger Mitarbeiter.

Frau Vranken, wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Arbeit von Führungskräften aus?

Ursula Vranken 2

Ursula Vranken

Vranken: Viele führen Mitarbeiter inzwischen über Distanz, das Team sitzt über verschiedene Standorte verteilt oder im Homeoffice. Dafür müssen sie die richtigen digitalen Werkzeuge finden und bedienen können. Mitarbeiter können außerdem stärker in komplexe Arbeitsprozesse und Entscheidungen einbezogen werden.

Herr Moussavian, wie etablieren Sie bei der Telekom eine digitale Kultur?

Reza Moussavian

Reza Moussavian

Moussavian: Einerseits ändert sich unser Geschäftsmodell, unsere Produkte werden digital. Andererseits wandeln sich auch unsere betrieblichen Abläufe. Darauf müssen wir insbesondere Führungskräfte vorbereiten. Es geht auch darum, mit Unsicherheiten umgehen zu lernen, mit sich stetig verändernden Anforderungen. Wie manage ich Komplexität? Wie führe ich Teams, die sich kaum persönlich kennen? Welche Methoden und Werkzeuge stehen mir dafür zur Verfügung? Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Wie gelingt das?

Moussavian: Ich muss die eigene Haltung verändern, mit viel Vertrauen führen. Wenn ein Mitarbeiter an einem anderen Standort bei einer Videokonferenz die Kamera nicht anstellt, sollte ich nicht denken, der sitzt in einem Café oder hat noch seinen Schlafanzug an. Nein, ich gönne ihm seine Freiheit, die ihn so sehr motiviert, dass er Höchstleistungen bringt. Das und mehr kann gelingen, wenn wir Experimentierräume schaffen – die wir auch gemeinsam mit den Führungskräften aufbauen und sie diese Welten ausprobieren lassen. So verstehen sie, wie Dinge funktionieren und was auf sie zukommt.

Ist es nicht schwierig, das mit Tausenden Mitarbeitern umzusetzen?

Moussavian: Klar, wir sprechen in unserem Konzern über weltweit 225.000 Mitarbeiter, davon etwa 15.000 in leitender Funktion. Alle sind von der Digitalisierung betroffen und benötigen neue Kenntnisse für die digitale Arbeitswelt. Wir bilden die Führungskräfte nicht individuell weiter, sondern gehen in die Teams und arbeiten an existierenden Herausforderungen. Wir setzen auf die Wirkung kleiner Experimente nach dem Motto „Fang klein an, aber fang an“. Wir beschäftigen uns nicht monatelang mit Theorien, sondern setzen einfache Dinge um und haben schnell Ergebnisse. Darüber wird viel im Unternehmen gesprochen, es verbreitet sich rasant und das Interesse steigt erheblich.

Worin besteht in diesem Arbeitsumfeld die größte Herausforderung?

Vranken: In der Verbesserung der Kommunikationsfähigkeiten. Beim Führen auf Distanz muss dem Gesprächspartner sehr gut zugehört werden, man muss stärker aufeinander eingehen und sich noch deutlicher ausdrücken. Das bedeutet auch, dass ich die Technik beherrschen muss: Wie funktionieren Videotelefonie und Gruppenchats, wie bediene ich die Online-Werkzeuge, wie mache ich Arbeitsabläufe transparent für alle, die nicht vor Ort sind? Der Umgang damit ist nicht immer einfach, manchen macht er Angst. Gerade Jüngeren fällt das leichter.

Wie können alle davon profitieren?

Vranken: Es empfiehlt sich, mit ihnen über digitale Tools zu sprechen und von ihnen zu lernen. Es sind absolute Digitalexperten – die nicht nur erklären können, welche digitalen Kanäle wofür gut sind. Spannend ist, wie sie im Netz miteinander kommunizieren. Das läuft so unkompliziert, dass wir uns viel abschauen können. Vor allem, wenn es darum geht, ein Dutzend Mitarbeiter, die an verschiedenen Standorten sitzen, über Distanzen zusammenzubringen. Es lohnt, sich damit zu beschäftigen: Die Zukunft ist digital und sie wird noch digitaler werden.

Moussavian: Man kann das Digitale mögen oder nicht, aber es ändert nichts daran, dass es einen großen Einfluss auf unser Privat- und Arbeitsleben hat. Da sind Führungskräfte besonders gefordert – je besser sie sich und ihre Mitarbeiter darauf vorbereiten, desto besser können sie damit umgehen.

Welche Rolle spielt dabei der jeweilige Raum, in dem die Beschäftigten in einem Unternehmen arbeiten?

Vranken: Er ist ein Teil des Puzzles, aber bloße Äußerlichkeiten gehen Veränderungen nicht nachhaltig an. In vielen Unternehmen beobachte ich das, was ich den Mythos „New Work“ nenne. Da bekommen die Büros einen neuen Anstrich, ein Tischkicker wird aufgestellt, man gibt sich ein krawattenfreies Image. Wichtiger ist es aber, Prozesse zu optimieren und die Kultur zu einer digitalen zu wandeln. Dazu gehört es, Experimente zu wagen und Scheitern in Kauf zu nehmen. Das bedeutet viel mehr Arbeit, als Äußerlichkeiten zu verändern.

Über den „Digital Leadership Summit“

Am 21. Juni findet in der Kölner Trinitaskirche der „Digital Leadership Summit“ statt. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Zukunft der Arbeit hat. Zu den Rednern gehört Wissenschaftsautor Ranga Yogeshwar. Auch Reza Moussavian steht bei dem Event auf der Bühne.

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