Der US-Präsident unterschätzt die Abhängigkeit der USA von Europa, schreibt Gastautor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft.
Donald TrumpDeutschland und Europa dürfen sich nicht länger einschüchtern lassen


US-Präsident Donald Trump
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Als Donald Trump vor gut 14 Monaten erneut zum Präsident gewählt wurde, haben wir im Institut der deutschen Wirtschaft vor einem „Worst-Case-Szenario“ gewarnt. Heute wissen wir: Wir sind wahrlich in der schlechtesten aller Welten angekommen. Schon in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie aus dem Dezember hatte der US-Präsident deutlich gemacht, wie wenig er von internationalen Bündnissen und der transatlantischen Partnerschaft hält. Da heißt es sinngemäß: Die USA setzen ihre eigenen Interessen an erste Stelle und empfehlen dies auch allen anderen Nationen.
Die bisherige Strategie ist erfolglos
Mit den nun angekündigten Zöllen gegen Unterstützer Grönlands setzt Trump das jetzt um. Nicht einmal die Nato wird von der gegenwärtigen US-Administration als verbindliche Sicherheitsarchitektur gewahrt. Für Deutschland und Europa muss das bedeuten, ihren Umgang mit Trump zu überdenken.
Die bisherige Strategie, durch Zurückhaltung und Beschwichtigung Einfluss auf Washington zu gewinnen – oder zumindest Trump nicht zu verärgern – hat sich als erfolglos erwiesen. Weder auf EU-Ebene noch auf Ebene der Mitgliedstaaten ist es gelungen, eine nachhaltige Beziehung aufzubauen. Jedes weitere Nachgeben würde angesichts der Provokationen aus dem Weißen Haus die eigene Glaubwürdigkeit untergraben – sei es im Hinblick auf das Völkerrecht oder auf Bündnisverpflichtungen.
Doch Trump unterschätzt die Abhängigkeit der USA von Europa. Was über Jahrzehnte hinweg wirtschaftlich aneinandergewachsen ist, lässt sich nicht kurzerhand per Dekret entzweien. Die USA sind erheblich von europäischen Importen abhängig. Wie eine Studie des IW zeigt, beträgt etwa die Importabhängigkeit der USA bei Insulin aus der EU knapp 90 Prozent. Gleichzeitig ist die EU ein unverzichtbarer Absatzmarkt für US-Tech-Unternehmen.
Selbst in der schlechtesten aller Welten können Deutschland und Europa handeln und ihre Interessen selbstbewusst vertreten. Von Provokationen aus Washington dürfen sie sich nicht länger einschüchtern lassen. Die Antwort muss aus präzisen und spürbaren zollpolitischen Maßnahmen bestehen. Zugleich sollten jenseits des direkten Einflussbereichs Trumps neue Partnerschaften gezielt gesucht und gestärkt werden. Das Mercosur-Abkommen sendet ein positives Signal für offene Märkte und multinationale Partnerschaften. Doch auch in den USA gibt es nach wie vor zahlreiche Unterstützer des transatlantischen Bündnisses. Mit diesen Kräften muss Europa eng zusammenarbeiten, um die Partnerschaft langfristig zu sichern.
Michael Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.


