Frau Haase, Deutschlands Industrie stellt sich dem weltweiten Markt. Wie steht es aus Arbeitgebersicht um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, insbesondere der industriell geprägten?
Margarete Haase: Leider nicht gut. Es geht momentan darum, ob unsere Produkte weltweit zu den Kosten, die wir hier in Deutschland haben, überhaupt noch abgenommen werden. Wir waren mal eine große Exportnation. Diesen Ruf und diese Zahlen haben wir nicht mehr.
Was sind die Hauptgründe dafür aus Ihrer Sicht?
Verglichen mit anderen Industrienationen haben wir zum Beispiel die höchsten Arbeitskosten. Aber es geht um das Gesamtpaket. Ich war gerade in den USA und habe mit Unternehmern gesprochen. Die sehen nüchtern auf die Standorte und betrachten die Kosten, also auch Steuern, Abgaben, Energie- und Bürokratiekosten. Deutschland ist da nicht mehr wettbewerbsfähig.
Was haben Sie in den USA dazu gehört?
Ich kenne ein US-amerikanisches Unternehmen, das in Polen und Deutschland Werke aufgebaut hat und jetzt komplett nach Polen verlagert. Warum? Die Arbeitskosten in Deutschland sind dreimal so hoch, die Bürokratie ist deutlich größer und die Flexibilität fehlt. In Polen haben sie die Leute, wenn Sie sie brauchen. In Deutschland haben Sie durch das starre Arbeitszeitregime, durch die fehlende Flexibilität, die Leute nicht unbedingt dann, wenn Sie sie brauchen. Das führt dazu, dass man mehr Beschäftigte für den Arbeitsprozess einstellen muss, als man bräuchte. Das führt zu höheren Arbeitskosten.
Also geht es Ihnen vor allem um die Arbeitskosten, die Stundenlöhne?
Es geht nicht nur darum, was eine Person oder eine Arbeitsstunde kostet. Sondern wie viele Produktivstunden habe ich, wie viele Menschen muss ich einstellen? Dann geht es noch um Abwesenheit, Krankenstand, Produktivität. Ein deutscher Unternehmer, vor allem ein Familienunternehmer, überlegt sich eine Verlagerung nach Polen sicher sehr viel länger als ausländische Investoren – wegen der Loyalität und wegen seiner Wurzeln in diesem Land.
Aber am Ende kommt auch er zu den gleichen Schlüssen. Deswegen ist die Produktion hier so stark zurückgegangen. Aus diesem Grunde sinken ausländische Investitionen am Standort Deutschland und aus diesem Grund bauen deutsche Firmen, wenn es um Wachstum geht, neue Werke eher nicht hier auf, sondern in Osteuropa. Das führt bei uns zu Deindustrialisierung, gegen die unbedingt angegangen werden muss.
Margarete Haase wurde 1953 in Neunkirchen (Österreich) geboren. Die Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Kölnmetall ist seit Anfang 2001 Mitglied des Aufsichtsrats der Fraport AG und der Elringklinger AG. Bis zum 30. April 2018 war sie Mitglied des Vorstands der Deutz AG. Haase studierte in Wien Betriebswirtschaftslehre und schrieb ihre Doktorarbeit zum Thema „Entstehungsursachen des japanischen Managementsystems“.
Aber wir galten doch mal, was die Produktivität angeht, als überlegen – trotz der hohen Arbeitskosten. Was ist denn davon geblieben?
Die höheren Arbeitskosten werden nicht mehr durch höhere Qualität, mehr Verlässlichkeit und besondere Innovationen kompensiert. Diese Vorteile gibt es nicht mehr wie früher. Und viele Länder um uns herum haben aufgeholt, manche uns sogar überholt. Diese nüchterne Betrachtung führt dazu, dass man sagt: Hier kann man nicht mehr so produzieren, dass man seine Produkte am Weltmarkt mit Gewinn verkaufen kann, weil einfach die Preise aus anderen Ländern andere sind.
Und wenn Sie mal in Polen waren, dann haben Sie auch diesen unfassbaren Ehrgeiz erlebt, diese Ambition, diese Zukunftsgerichtetheit. Das fehlt hier leider zu häufig. Wir erleben eine Stimmung, die nicht dazu führt, dass die Menschen nach vorne wollen – es fehlt an Aufbruchstimmung, Ehrgeiz und dem absoluten Willen, besser sein zu wollen als die anderen.
„Diese Zukunftsgerichtetheit – das fehlt hier leider zu häufig“
Heißt Flexibilisierung, dass die Menschen stundenmäßig mehr arbeiten müssen?
Längere Arbeitszeiten können natürlich ein Hebel zur Senkung der Arbeitskosten sein. Ich würde aber nicht unbedingt sagen, dass die Menschen pauschal mehr arbeiten müssen. Es kommt auf die Situation an. Wenn eine Firma den Bedarf hat, dann ist es bestimmt von Vorteil, wenn alle länger arbeiten, weil sie dadurch die Kosten senken. Es geht also darum, dass die Beschäftigten dann arbeiten, wenn man sie benötigt.
Trotzdem demonstriert die IG Metall jetzt schon in brennender Sorge vor dem Ende der 35-Stunden-Woche. Wie stehen Sie dazu?
Man muss diese Zahlen nicht so ideologisch sehen, sondern flexibler rangehen. Der eine braucht 35, der andere braucht 38 oder 40 Stunden. Wir müssen einfach mit einer anderen Einstellung an die Themen rangehen und nicht starr sagen: „Um Gottes willen, das ist ein Dogma: 35 Stunden.“ Wir müssen das differenziert betrachten: Welches Unternehmen braucht welche Arbeitszeit?
Aber der nächste Arbeitskampf steht schon nächsten Monat bevor…
Ich bin gegen diese Kampf-Rhetorik. Alle haben inzwischen begriffen, wo wir stehen. Deswegen finde ich Ansagen wie „Das oder Jenes darf nicht“ den falschen Ansatz. Wir müssen jetzt, Arbeitgeber und Gewerkschaft, gemeinsam darüber nachdenken, wie wir unseren Standort wieder wettbewerbsfähiger machen können, wie wir wieder private Investitionen nach Deutschland holen können und wie wir den Personalabbau stoppen. Darum geht es jetzt.
Das Schlagwort der Deindustrialisierung ist das, was Ihre Verbände immer wieder ins Feld führen. Wo stehen wir denn da, und wie ist es insbesondere am Standort Köln mit Ford, mit Deutz, mit anderen Metall- und Elektro-Unternehmen?
Das Schlagwort Deindustrialisierung kam vor zwei, drei Jahren zuerst von der IG Metall, von Frau Benner (Erste Vorsitzende der IG Metall; Anm. d Red.). Da hat sich die IG Metall noch echte Sorgen um den Standort gemacht – und wir genauso.
Worum sorgen Sie sich?
Wir sind Industrieland, das ist die Basis unseres Wohlstandes. Wenn Sie aber keine Industrieproduktion mehr haben, fallen auch die nachgelagerten Wirtschaftsbereiche wie Dominosteine. Das ist der Grund, warum wir uns Sorgen machen müssen. Da sind wir uns mit der IG Metall nach meinem Gefühl auch komplett einig.
Können wir das auf Köln herunterbrechen? Wo haben Sie in Köln die größten Sorgen?
Zwei Punkte bereiten im Wesentlichen Sorge. Zum einen der Abbau von Arbeitsplätzen, der in vielen Unternehmen durchgeführt werden muss. Das wird nachhaltige Veränderungen in der Region bedeuten. Aber noch sorgenvoller blicken wir auf die Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen. Die können wir nur durch Kostensenkungen umkehren.
„Sorgenvoll blicken wir auf die Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen. Die können wir nur durch Kostensenkungen umkehren“
Aber das Thema Rüstung ist in dieser Hinsicht etwas, was wirtschaftlich-industriell Hoffnung gibt…
In dem Bereich wird im Moment durch das Sondervermögen sehr viel produziert – oder besser: durch die Sonderschulden. Aber: Das ist ja hoffentlich kein Dauerthema. Das sind Staatsausgaben, die mit Schulden finanziert sind. Deswegen würde ich das eher als eine Sonderkonjunktur betrachten, die uns nicht auf Dauer aus dem Thema Deindustrialisierung heraushilft. Das Geschäft mit Rüstung ist endlich. Und man muss wissen, dass die wenigen florierenden Bereiche unserer Industrie die massiven Probleme der Kernbranchen nicht kompensieren können.
Die aktuelle Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie läuft. Am 1. November endet die Friedenspflicht. Wie ist Ihre Einschätzung zu dieser Runde und wie finden Sie die Angebote der Arbeitnehmer zum jetzigen Zeitpunkt?
Wenn Sie mich fragen, was diese Forderung nach fünf Prozent Entgelterhöhung für zwölf Monate, einer zusätzlichen Komponente für die unteren Entgeltgruppen und einer ebenfalls zusätzlichen Gewinnbeteiligung für einige Unternehmen mit mir gemacht hat: Zunächst war ich sprachlos. Dann dachte ich mir: Genau genommen ist diese Forderung respektlos gegenüber der Ernsthaftigkeit der Situation. Denn wir beide wissen – Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter –, dass wir tiefgreifende Strukturprobleme haben. Wir haben doch schon oft bewiesen, dass wir tarifpolitische Antworten auf Krisen finden können. Erinnern Sie sich zurück an die Corona-Zeit: Da saß man zusammen, kooperierte, sah das Problem, wollte es lösen und kam zu guten Vereinbarungen. Das würde ich mir in dieser Runde auch wünschen.
Aber die Sozialpartnerschaft wird ja auch von Ihrer Seite stets hochgehalten.
Ja, wir stehen auch zur Sozialpartnerschaft und zum Flächentarifvertrag. Aber das krampfhafte Festhalten der IG Metall an alten Ritualen bringt uns nicht weiter. Noch einmal zu sagen „Wir stellen eine Riesenforderung auf, gehen noch einmal in den Kampf, wir machen noch einmal Streikdrohungen und Aktionstage“ hilft uns in dieser Situation nicht. Diese verlangt eher, dass wir ernsthaft und gemeinsam nach nachhaltigen Lösungen suchen und nicht an alten Ritualen festhalten.
Die Inflation ist hoch wie lange nicht. Sind Sie nicht auch in der Pflicht, Ihren Arbeitnehmern gegenüber einen Ausgleich zu schaffen?
Die Inflation ist ja nicht etwas, an dem die Arbeitgeber eine Schuld tragen. Sie kommt insbesondere durch verschiedenen externe Faktoren: durch Zinsen, Kriege, Energiethemen und so weiter. Da können die Unternehmen erst mal gar nichts machen. Die Unternehmen leiden genauso darunter. Deswegen kann die allgemeine Teuerung auch kein Maßstab für die Tarifpolitik sein. Das würde nur zu weiteren Inflationseffekten führen.

