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Düstere Prognose für DeutschlandIran-Krieg treibt Ölpreis über 100 Dollar – Das sind die Folgen

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Kostspielige Mobilität: Autofahrer merken die Verwerfungen an den Rohstoffmärkten ganz konkret an der Zapfsäule. Yona Elsner

Kostspielige Mobilität: Autofahrer merken die Verwerfungen an den Rohstoffmärkten ganz konkret an der Zapfsäule. Yona Elsner

Die Notierungen für ein Fass Rohöl haben die 100-Dollar-Marke geknackt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Der Iran-Krieg erschüttert weltweit die Märkte. Erstmals seit 2023 ist der Preis für Erdöl der wichtigen Sorte Brent auf mehr als 100 Dollar pro Fass gestiegen. Der Druck auf die Politik ist groß, um die Folgen für Unternehmen und Verbraucher abzufedern. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum schießen die Ölpreise plötzlich in die Höhe?

Als Auslöser gelten die fortgesetzten Angriffe in der gesamten Golfregion. Nachdem in der vorigen Woche noch von einem zeitlich begrenzten Konflikt die Rede war, gehen viele Akteure an den Rohstoffmärkten inzwischen von Kampfhandlungen über einen längeren Zeitraum aus. Das bedeutet, dass das Angebot an Rohöl über Wochen oder Monate eingeschränkt sein könnte, weil die Straße von Hormus als zentrale Verkehrsroute von den iranischen Revolutionsgarden blockiert wird.

Welche Rolle spielt Donald Trump in dem Szenario?

Der US-Präsident sagte, Teile des Irans seien noch nicht angegriffen worden, und 100 Dollar für ein Fass Rohöl seien „ein sehr geringer Preis“ für „Sicherheit und Frieden“. Die Rohstoff- und Finanzmärkte werteten dies als Ankündigung einer Verschärfung der Kampfhandlungen. Als Trumps Statement die Runde machte, schoss der Preis für Brent-Öl, das für Europa maßgeblich ist, um fast 30 Prozent in die Höhe: Am Montagmittag kostete ein Fass (159 Liter) 104 Dollar. Solche Notierungen wurden zuletzt während der Energiekrise 2023 erreicht. Europäisches Erdgas verteuerte sich um 16 Prozent.

Wie bewerten Rohstoff- und Finanzexperten Trumps Aussage?

Helima Croft, Rohstoffexpertin bei der Royal Bank of Canada, betonte: „Angesichts des schwersten Ölangebotsschocks seit den 1970er-Jahren werden alle Augen auf Washingtons Reaktion gerichtet sein.“ Da es keine klare Definition dafür gebe, wie ein Sieg aussehen würde, lasse sich die weitere Entwicklung des Konflikts nicht vorhersagen. Die entsprechende Unsicherheit löste an den Finanzmärkten panikartige Reaktionen aus, die Kurse sowohl von Aktien als auch von Anleihen gingen in den Keller. Hingegen legte der Dollar als „sicherer Hafen“ zu. Die US-Währung eignet sich dafür besonders gut, weil etwa 60 Prozent der weltweiten Devisenreserven in Dollar gehalten werden. Dies sichert Liquidität, die in akuten Krisenlagen besonders wichtig ist.

Droht nun eine wirtschaftliche Krise?

Am Montag machte das Schlagwort „Stagflation“ die Runde. Gemeint ist damit, dass hohe Ölpreise die allgemeine Inflation wieder anschieben und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in einer Art Starrkrampf verharrt. Das könnte besonders stark in der Eurozone durchschlagen – die aktuellen konjunkturellen Entwicklungen zeigen ohnehin schon wenig Dynamik. Und es könnte sich verschärfen, wenn die Europäische Zentralbank gezwungen wäre, wegen steigender Energiepreise die Zinsen zu erhöhen.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) büßte im März bislang fast 9 Prozent seines Werts ein. Sebastian Dullien, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, befürchtet, dass der krasse Anstieg der Kraftstoffpreise sowie mögliche Aufschläge bei Erdgas und Strom Privathaushalte so sehr verunsichern könnten, dass diese sich mit Ausgaben stärker zurückhalten. Der Energiepreisschock berge die Gefahr, „die Erholung in Deutschland zum Erliegen zu bringen“. Im Extremfall könnten die Kriegsfolgen das Land sogar zurück in die Rezession drücken.

Was heißt das für Verbraucher?

Autofahrerinnen und Autofahrer müssen sich auf anhaltend hohe Spritpreise einstellen. Am Montagvormittag kostete ein Liter Super E10 im bundesweiten Schnitt 2 Euro, wie die Vergleichsplattform Verivox mitteilte. Der normalerweise billigere Diesel kostete 2,16 Euro je Liter.

Warum ist Diesel teurer?

Das liegt etwa daran, dass sich Preiserhöhungen für Diesel leichter durchsetzen lassen. „Diesel wird stärker von geopolitischen Krisen beeinflusst, weil er in vielen Teilen der Wirtschaft stärker als Benzin gebraucht wird“, sagt Lundquist Neubauer von Verivox. Während Benzin vor allem in Pkw-Tanks fließt, ist Diesel auch für Gütertransport, Baumaschinen, Stromerzeugung und Landwirtschaft unerlässlich – Bereiche also, die nicht so leicht verzichten können.

Entsprechend konkurrieren die Kunden weltweit um das knappe Gut, das Deutschland zu einem großen Teil fertig importiert. Hinzu kommt gerade nach dem langen Winter die Konkurrenz zum Heizöl, das sich ebenfalls stark verteuert hat. Dieseltreibstoff entsteht in einem ähnlichen Prozess, letztlich müssen Raffinerien zwischen beiden Produkten entscheiden.

Was plant die Politik?

Die Forderungen, dass die Politik eingreifen sollte, werden lauter. Die Grünen im Europaparlament fordern von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beispielsweise eine Übergewinnsteuer für Öl-Konzerne. „Gemeinsam mit den nationalen Kartellbehörden muss die EU eine Blitzuntersuchung über den Missbrauch durch die großen Öl-Konzerne vornehmen“, sagte der EU-Abgeordnete Rasmus Andresen dem RND.

Im Raum steht zudem eine mögliche Freigabe der strategischen Öl-Notreserven der G7-Staaten. Das hat der französische Präsident Emmanuel Macron ins Gespräch gebracht, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet. Das sei eine Option, die in Betracht gezogen werde, sagte er laut AP während eines Flugs nach Zypern zu anwesenden Journalisten. Denkbar sei deshalb ein G7-Treffen in dieser Woche.