Platz vier im Basketball, Mittelmaß bei PISA, Rückstand bei KI: Deutschland muss entscheiden, ob es die Spitze will – und Arbeit neu denken.
JobkolumneWollen wir zur Weltspitze gehören oder reicht uns das Mittelfeld?

Die Basketball-Nationalmannschaft belegte bei der Heim-WM im September den vierten Platz – auch in Sachen Bildung und Wirtschaft tut sich eine Lücke zur absoluten Spitze auf.
Copyright: IMAGO/Beautiful Sports
Im September war ich mit meiner Tochter bei der Basketball-WM der Frauen in Berlin. Die Halle war voll, und die deutschen Spielerinnen standen zum ersten Mal in einem WM‑Halbfinale. Dort war gegen Frankreich deutlich Schluss, 64:86. Auch das Spiel um Bronze gegen Spanien ging verloren, am Ende stand Platz vier.
Wir haben uns trotzdem gefreut. Aber Platz vier war eher ein Ausreißer nach oben, vorher stand Deutschland auf Platz elf der Weltrangliste. Und der Abstand zu den USA, Frankreich und Spanien war nicht zu übersehen. Dort wird nicht nur mehr trainiert, die Strukturen sind auch deutlich professioneller. Den Unterschied machen Pensum und System.
In derselben Woche erschien die neue PISA-Studie. Deutsche Fünfzehnjährige schnitten so schlecht ab wie nie, 14 OECD-Staaten lagen klar vor uns. Von einem vierten Platz können wir dort nur träumen. Das Land der Dichter und Denker liegt im Mittelmaß. Unsere Ambition deckt sich nicht mehr mit unserer Realität, und wir schaffen es nicht, ihr den Boden zu bereiten. Das liegt nicht an den anderen, das liegt an uns.
In der Wirtschaft sieht es nicht anders aus. Mercedes und Stihl streiten mit der IG Metall über die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Beschäftigte in China arbeiten laut Statistikamt im Schnitt knapp 49 Stunden, in der deutschen Metallindustrie gelten tariflich 35. In China wird also rund 40 Prozent mehr gearbeitet als bei uns. So viel hat auch die Generation unserer Großeltern in den Fünfzigerjahren gearbeitet, sechs Tage die Woche. Sie hatte keine Wahl, nach dem Krieg musste alles neu gedacht und neu gebaut werden. Den freien Samstag hat sie sich erarbeitet.
Die Stunden allein erklären den Abstand aber nicht. „Vorsprung durch Technik“ war lange mehr als ein Werbespruch von Audi. Davon ist wenig geblieben. Weder bei der Technik, die wir in unsere Produkte bauen, noch bei der, mit der wir sie bauen, sind wir heute vorne. Künstliche Intelligenz nutzte 2025 jedes vierte Unternehmen in Deutschland, in Dänemark waren es mehr als vier von zehn.
Von „Vorsprung durch Technik“ ist in Deutschland wenig geblieben
Technik ist für mich aber mehr als Technologie. Dazu gehört auch, wie wir führen und Arbeit organisieren. Lean kam aus Japan, agile Arbeitsweisen aus dem Silicon Valley. Beides haben wir oft als Methode eingeführt, aber selten als Denkweise übernommen. Das rächt sich jetzt, denn KI bringt keinen Produktivitätsschub, wenn man sie in alte Abläufe steckt. Wer einen Antrag, der durch sieben Gremien geht, mit KI schneller schreiben lässt, hat danach immer noch sieben Gremien. KI wirkt erst, wenn wir unsere Arbeit grundlegend neu gestalten.
Damit tun wir uns schwer. Wir halten an Routinen fest, die lange funktioniert haben, und statt mehrere Optionen zu prüfen, verteidigen wir die eine, die wir kennen. Wir sind bequem geworden, und zwar auf allen Ebenen. Unsere Großeltern mussten neu denken. Wir hätten die Wahl, und nutzen sie nicht.
Deshalb müssen wir uns fragen: Wollen wir zur Weltspitze gehören, oder reicht uns das Mittelfeld? Beides ist eine legitime Entscheidung, nur hat jede ihren Preis. Eine starke Wirtschaft finanziert sichere Renten, gute Schulen und die Freiheit, Krisen abzufedern. Wer sich für das Mittelfeld entscheidet, kann nicht erwarten, dass der Wohlstand der letzten fünfzig Jahre bleibt.
Diese Entscheidung fällt nicht am Verhandlungstisch, sondern in jedem Team. Nehmen Sie sich einen Ablauf vor, der Sie seit Jahren stört, etwa die Freigabe, den Bericht oder die wöchentliche Runde. Fragen Sie sich: Wie würden wir das bauen, wenn wir heute bei null anfangen, mit allem, was KI schon kann? Entwerfen Sie drei Varianten statt einer und testen Sie die beste vier Wochen lang. Dafür braucht es keinen Tarifvertrag, nur einen Anfang.
Platz vier ist keine Schande. Der Abstand zur Spitze ist aber auch kein Zufall. Wer ihn schließen will, muss mehr tun und es anders tun.
Von Nichts kommt Nichts.

Sohrab Salimi
Copyright: Selda Schretzmann
Zur Person und zur Kolumne
Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.
