Abo

Kommentar

Wer nicht zuhört, verliert
Die AfD gibt den Menschen das Gefühl, dass ihre Beschwerde zählt

Ein Kommentar von
6 min
Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ist für viele Menschen ein Schock

Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ist für viele Menschen ein Schock. 

Die bequemste Erklärung zum Aufstieg der AfD lautet: Das sind eben Nazis. Wer das sagt, hat nichts erklärt. Ein Gastbeitrag.

Ein Sommerabend im Urlaub, die Kinder schlafen endlich, wir sitzen noch auf der Terrasse und trinken Tee. Irgendwann sagt mein Kumpel, der uns mit seiner Familie jedes Jahr im Urlaub besucht, fast entschuldigend: „Sohrab, ich überlege, beim nächsten Mal die AfD zu wählen.“ Ich hatte damit nicht gerechnet. Nicht bei ihm. Er ist Familienvater und Unternehmer, schafft Arbeitsplätze und bringt sich im Verein seiner Kinder ein. Er sorgt sich um unsere Gesellschaft und wünscht sich für seine Kinder nichts anderes als das, was wir beide in diesem Land bekommen haben: eine gute Zukunft.

Was er mir dann beschrieb, kenne ich selbst. Das Land, das wir lieben gelernt haben und dem wir so viel verdanken, erkennen wir in vielem nicht mehr wieder. Ein Beispiel: Meine Frau geht abends nicht mehr allein durch die Kölner Innenstadt, weil sie Angst hat. Sie ist damit nicht die Einzige. Ein anderes: Ich weiß noch, wie es ist, wenn eine Familie jede Mark zweimal umdreht. Meine Eltern waren damals Studenten, am Monatsende stand das Konto bei null, wir hatten einfach nichts. Hätten die Lebensmittelpreise damals innerhalb weniger Jahre um 36 Prozent zugelegt, wäre das für uns eine Katastrophe gewesen. Für viele Familien in Deutschland ist seit 2020 genau das eingetreten. Wer vorher schon bei null war, kann das nicht einfach wegsparen. Es fehlt dann vorne und hinten.

Ein Symptom: Der Andrang bei den Tafeln ist inzwischen so groß, dass jede vierte einen Aufnahmestopp oder eine Warteliste hat. Am Sonntag hat die AfD in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent geholt, mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Seit dem Abend auf der Terrasse überrascht mich das nicht mehr.

Warum, das kann ich am besten erklären, wenn ich kurz in meinen alten Beruf zurückgehe. Ich wurde als Arzt ausgebildet, einen Teil davon in den USA, und dort wurde uns etwas so konsequent antrainiert, dass ich es bis heute nicht loswerde. Jeden Morgen mussten wir auf der Station jeden einzelnen Patienten vorstellen, immer in derselben Reihenfolge. Erst die Beschwerde: Was erzählt der Patient, was tut ihm weh? Dann der Befund, also Blutdruck, Laborwerte, Röntgenbild. Dann erst die Diagnose. Und ganz zum Schluss ein Therapievorschlag.

Wer die Reihenfolge nicht einhielt, war raus. Das klingt hart, hat aber einen einfachen Grund: Wer die Beschwerde übergeht oder den Befund nur überfliegt, stellt die falsche Diagnose, und mit einer falschen Diagnose kommt man zwangsläufig zur falschen Therapie. Noch etwas habe ich dort gelernt, und das ist mir fast wichtiger. Die Beschwerde hat das größte Gewicht, sie steht über jedem Befund. Wer dem Patienten nicht zuhört, verliert nicht nur dessen Vertrauen, er nimmt sich selbst die Möglichkeit, ihn überhaupt zu verstehen. Ein Patient klagt über heftige Kopfschmerzen, das MRT ist unauffällig. Damit ist der Kopfschmerz nicht widerlegt. Statt den Patienten nach Hause zu schicken, fragt ein guter Arzt jetzt erst recht weiter.

In der Politik läuft es seit Jahren andersherum. Die Menschen sagen, alles sei teurer geworden, und aus Berlin kommt die Antwort, die Inflation sei doch gesunken. Das stimmt sogar, nur beschreibt es das Tempo und nicht den Stand. Die Menschen sagen, sie fühlten sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher, und die Antwort ist eine Statistik, die die Wirklichkeit der Menschen nicht widerspiegelt. Was die AfD beherrscht, ist der erste Schritt. Sie gibt den Menschen das Gefühl, dass ihre Beschwerde zählt, und sie tut das konsequenter als jede andere Partei. Aber wie bei allen anderen Parteien steht auch ihre Diagnose fest, bevor das Gespräch überhaupt beginnt.

Die bequemste Erklärung zum Aufstieg der AfD, die viele Politiker, die Presse und leider auch viele Menschen liefern, lautet: Das sind eben Nazis. Wer das sagt, hat nichts erklärt, er hat ein Etikett verteilt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was so ein Etikett anrichtet. Wer sich abgestempelt fühlt, hört auf zuzuhören, und dann ist das Gespräch vorbei. In den USA habe ich gesehen, was nach Jahren des Abstempelns übrig bleibt: zwei Lager, die nicht mehr miteinander reden, sondern nur noch übereinander. Das will ich in Deutschland nicht erleben. Man kann sehr verschieden auf die Dinge schauen und trotzdem eine Gesellschaft bleiben, die miteinander lebt und nicht gegeneinander.

Führen Sie das Gespräch mit dem Kollegen, der AfD wählt, statt es abzubrechen
Sohrab Salimi

Neben meinem Kumpel habe ich in den letzten Wochen und Monaten mehr und mehr Menschen kennengelernt, die mit der AfD sympathisieren. Beim Zuhören habe ich gelernt, dass es für sie um mehr geht als Inflation und Migration. Einige sind selbst eingewandert und haben Familie in Ländern, in denen gerade Krieg herrscht. Manche haben Krieg am eigenen Leib erlebt. Sie können nicht verstehen, wie im fünften Jahr des Ukraine-Kriegs in Berlin kaum jemand darüber nachdenkt, wie es endlich zu Frieden kommen kann. In Gaza sehen sie, dass die Menschenwürde, bei uns immerhin Artikel 1 des Grundgesetzes, nicht zu gelten scheint. Und im Iran erleben sie eine Solidarität mit den USA ohne jede Bedingung, obwohl der Angriffskrieg für sie eine klare Verletzung des sonst viel zitierten Völkerrechtes darstellt.

Ihre Beschwerde, auf einen Satz gebracht: Diese Regierung tut mehr für den Krieg als für den Frieden. Man kann diese Einschätzung für falsch halten. Aber in den etablierten Parteien nimmt sie kaum jemand überhaupt zur Kenntnis. Die AfD tut es. Vielen reicht das schon. Eine Therapie habe ich heute nicht anzubieten. Was ich habe, ist eine klare Empfehlung: Lassen Sie uns als Gesellschaft mit einer sauberen Anamnese beginnen, im Gespräch mit den Menschen, die wir gerade verlieren, ohne Etikett und ohne fertige Antwort. Für die Parteien heißt das, weniger Zeit damit zu verbringen, Befunde zu verteidigen, und mehr Zeit dort, wo die Beschwerden geäußert werden.

Und für uns alle heißt es: Führen Sie das Gespräch mit dem Kollegen, der AfD wählt, statt es abzubrechen. Fragen Sie, was ihm wehtut, bevor Sie ihm erklären, dass es nicht wehtun kann. Meinen Kumpel habe ich an dem Abend nicht überredet, das war nicht das Ziel. Ich habe ihm zugehört und ihm meine Perspektive dargelegt. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Wege es für unser geliebtes Land geben kann. Wir haben uns darauf verständigt, den Dialog nie abbrechen zu lassen. Nur im Miteinander können wir voneinander lernen. Das wünsche ich mir auch von unseren Politikern. Von nichts kommt nichts.


Sohrab Salimi

Sohrab Salimi

Zur Person

Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. In seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ schreibt er einmal im Monat im Kölner Stadt-Anzeiger und in der Kölnischen Rundschau über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt. Er schreibt aber immer wieder auch über gesellschaftspolitische Fragen.