Werte sind keine Dekoration. Wir sollten stolz auf sie sein und sie auch dann hochhalten, wenn es etwas kostet - nicht nur, wenn uns Applaus sicher ist.
Gast-KommentarWir müssen unsere Werte leben – am Küchentisch, im Freundeskreis, in der Wahlkabine

Feuer in Teheran nach Bombenangriffen am 7. März
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Samstag, 28. Februar. Ich fahre wie jeden Samstagmorgen zu meinen Eltern, um die Kinder abzuholen. Mein Vater hat wie immer Frühstück gemacht. Auf der Fahrt höre ich die Nachricht: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. Ich denke sofort an meine Cousine in Teheran, mit der ich erst letzte Woche gesprochen habe. Bei meinen Eltern angekommen, frage ich meinen Vater, ob er es schon weiß. Er nickt und überreicht meiner jüngsten Tochter ihr Sandwich. Dann kommt meine Mutter in die Küche. Ich frage sie. Sie hat es noch nicht gehört. Es trifft sie wie ein Schlag. Sie schalten den Wasserkocher an – und plötzlich weint sie. So habe ich sie seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Drei Brüder, Schwägerinnen, eine Nichte, viele Freunde. Alle in einem Land, das gerade bombardiert wird.
Drei Wochen später, am 21. März, werde ich 44 Jahre alt. Nowruz, das persische Neujahr, fällt auf denselben Tag. Normalerweise feiern wir groß. Dieses Jahr nur ein stilles Abendessen bei meinen Eltern. Dann klingelt mein Telefon. Meine Cousine ruft aus Teheran an, um mir zu gratulieren. Drei Wochen Krieg – und sie macht mir Mut. Sie fragt nach meinen Kindern, nach meiner Arbeit, nach dem Alltag in Köln. Als wäre die Normalität, die sie mir schenkt, ihre Kunst, sich gegen das Chaos zu behaupten.
Viktor Frankl nannte es die letzte menschliche Freiheit: selbst unter den schlimmsten Umständen zu entscheiden, wie man dem Leben begegnet. Meine Cousine und ihr Mann leben das jeden Tag. Sie tragen Verantwortung – nicht nur füreinander, sondern für ihre Familie und als Unternehmer auch für tausende Mitarbeiter. Die Art, wie sie ihre Würde bewahren, anderen Halt geben, trotz allem nicht aufgeben – das inspiriert mich zutiefst.
Dieses Gespräch hat mir bewusst gemacht, was für ein Privileg es ist, in Deutschland in Frieden zu leben. Meine Kinder gehen morgens zur Schule und kommen nachmittags nach Hause. Niemand bombardiert ihr Klassenzimmer. Und doch höre ich seit Februar 2022 immer mehr Stimmen, die eskalieren wollen. Politiker, die über Wehrpflicht diskutieren, über Aufrüstung, über Kriegstüchtigkeit.
Ich habe drei Kinder. Als Vater ist es meine Pflicht, sie zu schützen. Als Gesellschaft ist es unsere Pflicht, alle Kinder zu schützen. In Minab ist genau das nicht geschehen. Am ersten Tag der Angriffe wurde dort eine Mädchengrundschule bombardiert. Über 165 Schülerinnen starben, die meisten zwischen sieben und zwölf Jahren alt. Mädchen im Alter meiner Töchter. In einem Klassenzimmer. Während des Unterrichts. Eine amerikanische Tomahawk-Rakete – inzwischen durch unabhängige Untersuchungen und das Pentagon selbst belegt. 165… Für uns in Deutschland eine Randnotiz. Kollateralschaden. So wie die über 20.000 Kinder in Gaza. Wer sind wir, wenn wir dazu schweigen?
Meine Eltern flohen vor über 40 Jahren aus dem Iran – als politische Flüchtlinge genau jener Regierung, die noch heute in Teheran herrscht
Ich bin Iraner und Deutscher. Meine Eltern flohen vor über 40 Jahren aus dem Iran – als politische Flüchtlinge genau jener Regierung, die noch heute in Teheran herrscht. Ich kenne dieses Regime nur zu gut und habe nicht vergessen, was es seit über 40 Jahren der eigenen Bevölkerung zugemutet hat.
Heute stelle ich mir die Frage: Was bedeutet Deutschsein? Wenn es Herkunft und Abstammung bedeutet, dann kann weder ich noch irgendein anderer Mensch mit internationaler Biografie deutsch sein. Also muss es etwas anderes sein. Für mich ist es ein gemeinsames Wertesystem, das seinen Ursprung in unserem Grundgesetz hat – ein Grundgesetz, das aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstanden ist. Auf dieses Grundgesetz können wir nicht nur stolz sein. Wir müssen es sein.
Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht die Würde der Deutschen. Nicht die Würde eines bestimmten Volkes oder einer bestimmten Religion. Die Würde des Menschen. „Nie wieder“ war nie als geografische Einschränkung gemeint. Und nie als Einschränkung auf ein Volk oder einen Glauben.
Jüdisches Leben muss geschützt werden – genauso wie das Leben von Menschen jeden anderen Glaubens. Doch genau dieses Fundament bröckelt. Schon im Juni 2025, als Israel den Iran im Zwölf-Tage-Krieg angreift, nannte Bundeskanzler Friedrich Merz das im ZDF „die Drecksarbeit, die Israel für uns alle macht“. Am ersten Tag der jetzigen Angriffe sprach er von „Erleichterung“.
Erst drei Wochen später fand Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klare Worte: ein Völkerrechtsverstoß, ein vermeidbarer Krieg. Dafür wurde er aus den Reihen der Union scharf attackiert. Unionsfraktionschef Jens Spahn warf ihm vor, seine Befugnisse zu überschreiten. Als ob es eines Amtes bedarf, um das Offensichtliche auszusprechen. Diese Haltung hat Muster. Es begann mit der bedingungslosen Unterstützung Israels im Gaza-Krieg. Es setzte sich fort mit der Einladung Benjamin Netanyahus nach Deutschland – trotz Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofs.
Vergangene Woche hat die Knesset ein Gesetz verabschiedet, das die Todesstrafe ausschließlich für Palästinenser vorsieht - nicht für israelische Siedler, die Palästinenser töten. Die UN nennen es ein diskriminierendes Regime der Todesstrafe. Human Rights Watch spricht von Apartheid. Minister Itamar Ben Gvir feierte die Abstimmung mit einem Schlingen-Anstecker am Revers. In der Knesset wurde Champagner getrunken. Würden wir so etwas in Deutschland dulden? Inwiefern ist ein Staat, der die Todesstrafe nach ethnischer Zugehörigkeit verhängt, moralisch über einem Regime, das wir zu Recht verurteilen?Und wer glaubt, nach dem Iran sei Frieden, muss nur Naftali Bennett zuhören, der bereits die Türkei – ein NATO-Land – zum nächsten Feind erklärt hat.
Deutschland ist ein großartiges Land. Sein Grundgesetz gehört zum Besten, was je aus den Trümmern einer Katastrophe entstanden ist. Aber ein Dokument schützt keine Menschenwürde. Das tun nur Menschen. Werte, die man nur lebt, wenn es bequem ist, sind keine Werte. Sie sind Dekoration. Lassen wir das nicht zu.
An jenem Samstagmorgen habe ich meiner Mutter versprochen, nicht zu schweigen. Dieser Text ist Teil dieses Versprechens. Aber ein Text reicht nicht. Es geht darum, unsere Werte zu leben – am Küchentisch, im Freundeskreis, in der Wahlkabine. Nicht wenn Applaus sicher ist – sondern wenn es etwas kostet. Wenn der Verbündete der Aggressor ist. Wenn Schweigen der bequemere Weg wäre.
Frankl schrieb: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ Dieser Raum ist jetzt. Nutzen wir ihn. Von nichts kommt nichts.
Zur Person

Sohrab Salimi
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Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ schreibt er in seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.


