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KI statt UmweltMicrosoft will Klimaziele offenbar für KI-Power opfern

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Die KI-Offensive von Microsoft braucht enorme Mengen Strom: Rechenzentren wie dieses in Wisconsin treiben den Energieverbrauch des Konzerns weiter in die Höhe.

Die KI-Offensive von Microsoft braucht enorme Mengen Strom: Rechenzentren wie dieses in Wisconsin treiben den Energieverbrauch des Konzerns weiter in die Höhe.

Künstliche Intelligenz braucht viel Energie. Doch das passt immer weniger zu den ehrgeizigen Klimazielen, die große Tech-Konzerne einst verkündet haben. Microsoft denkt nun offenbar darüber nach, eigene Emissionsziele aufzugeben.

„100/100/0“ – unter diesem futuristischen Namen hatte der Tech-Konzern Microsoft noch 2021 sein Klimaschutzprogramm angekündigt. Die Zahlen bedeuten: Zu 100 Prozent der Zeit sollen 100 Prozent des Stromverbrauchs aus Energie mit null Prozent CO generiert werden. Anberaumt war das Ziel für 2030.

Allerdings ist diese Ankündigung nun schon ziemlich lange her. Mit dem erneuten Amtsantritt Donald Trumps haben sich die USA von den meisten Klimaschutzzielen verabschiedet – und mit dem Hype um Künstliche Intelligenz hat sich auch der Energieverbrauch großer Tech-Unternehmen drastisch erhöht. Microsoft scheint darauf nun zu reagieren.

Wie „Bloomberg“ aus Unternehmenskreisen erfahren haben will, erwägt der Konzern, sein geplantes Emissionsziel zu verschieben – oder sogar gänzlich aufzugeben. Aktuell würden dazu innerhalb des Unternehmens Gespräche geführt – eine abschließende Entscheidung gebe es aber noch nicht. Hauptgrund für die Überlegungen ist dem Bericht zufolge der kostspielige und energieintensive Ausbau von Rechenzentren, die vor allem für Künstliche Intelligenz benötigt werden.

Microsoft spricht von „Anpassungen“

Offiziell äußert sich der Konzern nur schwammig zu den Berichten: Man halte zwar weiter an den eigenen Umweltplänen fest, teilt eine Sprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur mit. Jedoch erfordere ihre Umsetzung „kontinuierliche Anstrengungen, um unseren Ansatz zu überprüfen und weiterzuentwickeln, während sich die Märkte weiterentwickeln, die politischen Rahmenbedingungen sich wandeln und neue innovative Lösungen an Bedeutung gewinnen.“

Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Gelegentlich nehmen wir Anpassungen an unserem Vorgehen zur Erreichung unserer Nachhaltigkeitsziele vor. Jede solche Anpassung ist Teil unseres konsequenten Vorgehens – und bedeutet keine Änderung unserer langfristigen Ziele.“

Kritikerinnen und Kritiker allerdings wollen das nicht so recht glauben: „Im Wettlauf darum, Rechenzentren so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen, werden Ziele für saubere Energie völlig außer Acht gelassen“, sagt Alexia Kelly von der High Tide Foundation, die sich lange beim Streamingdienst Netflix um Klimaschutz gekümmert hatte. Stattdessen „scheint Gas der Brennstoff der Wahl“ unter den großen Tech-Konzernen zu sein.

Jede KI-Anfrage braucht enorm viel Energie

Das deckt sich mit den Entwicklungen der vergangenen Jahre. Das Trainieren von KI-Modellen benötigt enorm viel Energie – und der Betrieb sowieso. Immer dann, wenn jemand eine Anfrage in ein KI-Modell tippt, wird etwa zehnmal so viel Strom gebraucht wie bei einer klassischen Google-Suche.

Zudem erzeugen KI-Chips Hitze. Ein erheblicher Teil des Energieverbrauchs in Rechenzentren entfällt auf die Kühlung der Hardware. Der Stromverbrauch von US-Rechenzentren soll sich bis 2035 mit rund 106 Gigawatt mehr als verdoppeln. Und statt sauberer Energien dürften dabei vor allem Atomkraft und Erdgas eine Rolle spielen.

Erst im April hatte „Bloomberg“ berichtet, Microsoft verhandele mit dem Öl- und Gasunternehmen Chevron und dem Investmentfonds Engine No. 1 über ein milliardenschweres Energieprojekt im Westen des Bundesstaates Texas. Ziel: Der Bau eines großen Gaskraftwerks, das ein umfangreiches Rechenzentrumsareal mit Strom versorgen soll.

Konzerne setzen auf Atomkraft

Klar ist aber auch: Mit seinen Energieproblemen ist Microsoft nicht allein. Auch die KI-Strategie von Google hatte in den vergangenen fünf Jahren zu einem massiven Anstieg seiner Treibhausgas-Emissionen geführt – um genau zu sein, um 48 Prozent. Im Vergleich zu 2023 stiegen die Emissionen 2024 noch mal um elf Prozent, wie aus dem aktuellsten Klimaschutzbericht des Unternehmens hervorgeht.

Und auch andere Maßnahmen, um Energie zu gewinnen, sind alles andere als grün: Ab 2030 will Google Energie aus neuartigen kleinen Atomreaktoren des Entwicklers Kairos Power einkaufen. Auch wurde bekannt, dass ein stillgelegtes Atomkraftwerk im Bundesstaat Iowa ab 2029 wieder ans Netz gehen soll, um vor allem für Google 25 Jahre lang Strom zu liefern.

Auch der Facebook-Konzern Meta sicherte sich für 20 Jahre die gesamte Energieproduktion eines Kernkraftwerks im Bundesstaat Illinois. Und auch für Microsoft wird ein altes Atomkraftwerk in Pennsylvania reaktiviert, um Strom für dessen Rechenzentren zu liefern.

Elon Musk verpestet Memphis

Die einst noch großspurigen Ankündigungen von der geplanten Klimaneutralität der Tech-Konzerne werden derweil immer leiser. Manche versuchen nicht einmal mehr, mit dem Thema zu punkten. Sam Altman von OpenAI sagt stattdessen, KI selbst werde irgendwann dabei helfen, den Klimawandel zu überwältigen.

Und Elon Musk, der einst mit klimaneutralen Elektroautos berühmt wurde, scheint sich im Kampf um die KI-Vorherrschaft inzwischen über jede Regel hinwegzusetzen. Sein Unternehmen xAI soll in Memphis gesundheitsschädliche Gasturbinen betreiben, die – entgegen aller gesetzlichen Vorschriften – keine Abgasreinigungsanlagen haben.

Betroffen davon sind vor allem die Bewohner der anliegenden Wohnviertel, die zu den ärmsten der USA zählen. Hier haben die Anwohner ohnehin seit Jahren aufgrund der vor Ort starken Industrie mit gesundheitlichen Problemen und insbesondere mit Krebserkrankungen zu kämpfen. Und nun auch mit den Folgen des KI-Hypes.